Es sollte nur ein provisorisches Fest werden, zum "20 plus 1"-Jubiläum des Naturschutzgebietes "Tongruben bei Muggenbach". Doch die vom Eigentümer, dem Bund Naturschutz (BN) in Bayern, angekündigten Exkursionen in das Relikt der artenreichen Kulturlandschaft des 19. Jahrhunderts lockten am Sonntag knapp 100 Interessierte in den kleinen Seßlacher Stadtteil. Darunter waren viele Vertreter der ehemaligen Bürgerinitiative, die das Areal im Jahr 2000 endgültig vor seinem Schicksal als Restmülldeponie bewahrten.

"Heute ist es unbestritten, dass wir es hier mit einem landes- bis bundesweit bedeutsamen Lebensraum zu tun haben", stellte Professor Hubert Weiger, Ehrenvorsitzender des BN, gleich zu Beginn des öffentlichen Pressegesprächs klar. Weiger war damals persönlich in die Rettung der Tongruben involviert. Der "Müllverbrennungslobby" sei der Standort ideal erschienen, erinnerte Weiger. Aber daraus wurde nichts - zum Glück für die Natur. "Nicht immer hatte die Umwelt das Glück, dass es Engagierte im Umfeld gibt, die sagten: Das kann doch nicht wahr sein!", sagte Weiger.

Aus der Keimzelle um die Ehepaare Marianne und Helmut Krüg sowie Gabriele und Ingo Rickhaus entwickelte sich ab 1987 die "Schutzgemeinschaft Muggenbach" mit rund 300 Mitgliedern. Ihr Gegner: der Müllzweckverband NW-Oberfranken (ZAW). Dieser versuchte Weiger zufolge "seine erste Fehlentscheidung für den Standort durch amtliche Gutachten zu untermauern". Zum harten Kern der Bürgerinitiative zählte auch der Künstler Wolfgang Schott, der Plakate entwarf wie "Kein Giftmüll in Muggenbach - Seßlacher wehrt Euch!" Protesttafeln an der B 303 zwischen Oberelldorf und Neundorf wurden aufgestellt: "Natur + Wasser hie - durch Giftmülldeponie" konnten dort Passanten lesen. Unterstützung leistete auch die Vorsitzende des Bund Naturschutz (BUND) Coburg, Rita Poser. Das Auf und Ab habe alle "schier verzweifeln lassen", erinnerte sich Weiger. Der Müllzweckverband organisierte Aussprachen vor Ort sowie Symposien, bei denen Wissenschaftler, Biologen und Gutachter den Standort Muggenbach befürworteten. Tatsachen sollten unter anderem Bohrungen als Beweis der Dichtigkeit des Standortes schaffen, Gutachten dessen Eignung weiter untermauern.

Erst als der neue Seßlacher Forstbeamte Roland Günter, ein passionierter Naturfotograf, seltene Wildbienen- und Wespenarten in den Tongruben entdeckte, wendete sich das Blatt. Dr. Klaus Mandery (Ebern) wies in der Folge 225 Hautflügler-Arten in den Gruben nach, darunter 79 Arten, die auf der Roten Liste stehen. Eine Sensation bedeutete vor allem die hier von ihm erstmals in Bayern 1995 entdeckte Grabwespe Psen exeratus. Vehement sprachen sich dann namhafte deutsche Wissenschaftler für den Erhalt des Naturschutzgebiets von landesweiter Bedeutung aus - und somit gegen die Deponie. Hätte der BN das heute 27 Hektar große Areal nicht ankaufen können, sähe es heute anders aus, sagte Stefan Beyer, Vorsitzender der Kreisgruppe Coburg, aus: "Die wertvollen Offenland-Standorte wären verschwunden, das Gelände hätte sich Richtung Wald entwickelt." Um der Verbuschung vorzubeugen, sind regelmäßige Pflegemaßnahmen, vom Ausreißen von Pflanzen bis hin zu Rodungen und Baggerarbeiten, notwendig. Die derzeitige Beweidung mit Schafen und Ziegen soll eventuell auf die Graue Grube ausgedehnt werden. Beyer: "Es ist ein ständiger Kampf gegen die natürliche Sukzession." Darin eingebunden ist seit 2017 auch der Zweckverband Grünes Band.

Und die Wespen? Sie kommen mehr als die pollennutzenden Bienen in den Tongruben vor. Gern verstecken sie sich in den sandigen Böden, oft unter Heidekraut. Auch wenn Mandery die Ergebnisse seiner Wiederholungskartierung erst 2022 vorstellen wird, steht für den Eberner steht außer Frage, dass das Handeln vor über 20 Jahren richtig war: "Durch das Zusammenwirken vieler Engagierter konnten wir dieses einzigartige Refugium erhalten."