Roland Schönmüller Die Sommerferien in den 1960er Jahren im Frankenwald waren für Kinder und Jugendliche geprägt von der Mitarbeit in der Landwirtschaft, bei der Grummet- und Getreideernte - weniger von einer Urlaubsreise gen Süden oder Norden. Seltener war für Frankenwald-Kinder auch ein Freibadbesuch in der Kreisstadt. Etwas häufiger besuchte man beispielsweise im Kremnitz- oder Grümpeltal Bademöglichkeiten wie durch Wehre angestaute Wassertiefen von zwei bis drei Metern Tiefe. Lesen, Fußballspielen und Radfahren waren neben dem Schwimmen beliebte Ferienbeschäftigungen. Familie, Freundeskreis und Kirche bestimmten fast ausschließlich den Aktionsradius der Kinder und Jugendlichen.

Beerensammeln im Wald

Aufgeschlossen waren wir für Aktionen und Unternehmungen, die den üblichen Ferien-Rhythmus unterbrachen. So freuten wir uns immer riesig, wenn die Mutter eines Abends im August uns Kindern verkündete: "Moring gemme fott nouch Bee!" (Morgen ziehen wir los und sammeln Beeren). Eifrig und voller Vorfreude trafen wir unsere Vorbereitungen.

Anderntags brachen wir dann in den frühen Morgenstunden auf. Ausgerüstet waren wir in der besonderen Aufmachung der Beerenpflücker: Rucksack mit Brotzeit, Thermosflasche mit Pfefferminztee sowie mehrere Eimer, Körbe und andere Gefäße für die kostbare Ernte. Auch ein am Gürtel hängendes "Beer-Gscherr" (das war entweder eine kleine Milchkanne oder ein Liter-Gefäß aus Plastik) durfte nicht fehlen. Auf meist morgennassen Wiesen und Pfaden liefen wir in aller Frühe vom Heimatort den (Mühl-)Berg hinunter. Vorbei ging es an filigranen Baumstümpfen, urigen Steinlese-Häufen, rätselhaften Mulden und anderen seltsamen und sagenumwobenen Stätten. Damit verbundene Geschichten ließen uns den Weg ins Tal über Stock und Stein nicht langweilig werden.

Erste Sammel-Erfolge

Endlich erreichten wir nach drei oder mehr Kilometern unser Ziel: Es waren Schlaglichtungen auf oft steilem oder sumpfigem Untergrund - zum Beispiel im Grümpeltal unweit der beiden damals noch bestehenden Mühlen (Schellenmühle und Obere Grümpelmühle).

Ich erinnere mich noch an das helle Klicken des "Beer-Gscherrs", wenn die ersten Beeren hineingepflückt wurden. Es war ein auffallendes und unnatürliches Geräusch in der lebendigen Waldszenerie. Ich erinnere mich auch noch an nasse Strümpfe, blau- oder rotverschmierte Hände und den köstlichen Geschmack der frisch vom Strauch gepflückten Früchte, an den wunderbaren Durstlöscher Pfefferminztee und an das Butterbrot, das nirgendwo auf der Welt so gut schmeckte wie nach getaner Arbeit im Wald. Aber auch der schmerzende Rücken ist mir in Erinnerung geblieben wie die heimtückischen Stechmücken ("Brehma"), die uns bei zunehmender Sommerhitze und Tageszeit immer heftiger zusetzten.

Wer sind die "Anderen"?

Ich erinnere mich besonders an die Mutter, die uns Kinder immer wieder ermahnte, ja nicht zu laut zu singen oder gar zu lärmen. "Im Would muss me still sei!", pflegte sie zu sagen. Auch begann sie das Pflücken mit den Worten "In Gott's Noma" (In Gottes Namen). Wir hörten dies von ihr auch sonst manchmal, immer dann, wenn es besonders ernst war mit einer Sache, die getan werden musste.

Manchmal passierte es, dass wir versehentlich unser "Gscherr" ausschütteten, weil wir aus Unachtsamkeit über Wurzelwerk gestolpert waren. Wenn wir dann versuchten, die Beeren mühsam wieder aufzulesen, sagte die Großtante, die uns manchmal begleitete: "Dess macht nechs, loaßt sa lieng, die Annen wölln a wos hou!" - Wer die "Annen" waren oder sein sollten, haben wir nie erfahren, sie gab dazu nur ausweichende Antworten.

Waren unsere Eimer und Körbe endlich vollgepflückt, so war dies meistens gegen den späten Nachmittag. Stolz schätzten wir unsere Ernte ein: Wir zählten unsere gesammelten Liter zusammen und wussten: Es waren soundsoviel Kilogramm Heidelbeer- oder Himbeer-Ernte.

Kinder-Belohnung

Bevor wir uns auf den Heimweg machten, suchte die Mutter schönes, frisches Farnkraut und deckte die Beeren damit zu. "Des hält die Farb' frisch", wusste sie uns zu belehren, und dann wurden wir von ihr aufgefordert, ein paar schöne Ästchen mit dicken Früchten zu pflücken und an den Rucksack zu binden. Dies war das Zeichen für den Ernteabschluss des Tages, vielleicht auch ein Symbol der Dankbarkeit für eine gute Ernte.

Die ausgesucht schönen Beeren durften wir dann unterwegs nicht abnaschen. Erst zu Hause war es erlaubt, sie zu essen. Dafür wurden sie auch besonders gut angerichtet: In einer Schüssel, bestreut mit Zucker, waren sie eine besondere Belohnung für uns Kinder.

Taschengeld aufgebessert

Heidel- und Himbeeren wurden teils für den Eigenbedarf zu Kompott, Marmeladen, Gelees oder Fruchtsäften verarbeitet, teils auch an eine örtliche Zwischenhändlerin verkauft. Für uns Kinder war das Beerensammeln in den Sommerferien sicherlich ein abwechslungsreicher Zeitvertreib, verbunden aber mit einer erfreulichen Tatsache, nämlich der einer kleinen Aufbesserung unseres Taschengeldes: Für ein Pfund Himbeeren bekamen wir Mitte der 1960er Jahre fünfzig Pfennige (heute 25 Cent). Das Beerengeld sparten wir für einen Besuch des "Kroniche Freischießens".