Über ein Dutzend Zeugen sollten bei dem Prozess um gefährliche Körperverletzung aufgerufen werden. Und eine erkleckliche Anzahl sagte ein Kommen ab. Nahezu der komplette Mittwoch stand am Amtsgericht im Zeichen der Wahrheitsfindung. Aber was war die Wahrheit?
Saal 14, 9 Uhr: Staatsanwältin Tatjana Winderholer verliest eine Anklage, in der es heißt, ein 25-jähriger Lackierer aus Kronach habe am Dreikönigstag 2016 in Burgkunstadt einem Mann mit der Faust ins Gesicht geschlagen und dem Zusammengebrochenen hernach mit dem Fuß ins Gesicht getreten. Von weiteren Tritten habe der Mann abgehalten werden müssen. Das alles geschehen gegen 4 Uhr morgens auf dem Parkplatz einer Diskothek und aus dem Gerangel zwischen mehreren Personen hervorgehend.
Für seinen Mandanten gab Verteidiger Andreas Kittel die Erklärung ab, wonach die gegen ihn erhobenen Vorwürfe "nicht berechtigt" sind. "Mein Mandant geht davon aus, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss." Während seiner Aussage bezeichnete das damals 17-jährige Opfer im Zeugenstand den Beschuldigten ganz eindeutig als den Täter und sprach davon, "blutüberflossen" gewesen zu sein. Aber besagtes Erkennen des Täters beruhte zunächst auf Bildern, die das Opfer bald nach der Tat via Facebook zugeschickt bekam. "Als mir ein Kollege das Bild (von dem Mann) schickte, war ich mir sicher, dass er es war."
Richterin Ulrike Barausch setzte nach und erkundigte sich, ob er sich auch im Gerichtssaal von Angesicht zu Angesicht sicher sei. "Ja, sehr sogar", so die Bestätigung. Im Grunde gehörte diese Aussage zu den wenigen Aussagen, die für sich stehen konnten.


Blau-weiß, rot-weiß oder weiß

Den Anfang dazu machte der Geschädigte selbst, der sich nicht mehr entsinnen konnte, ob er mit der Faust oder der flachen Hand ins Gesicht geschlagen wurde. Auch kam die Sprache auf die Oberbekleidung des Angeklagten, die am Tatmorgen aus einem rot-weiß-karierten Hemd bestanden haben soll. Ein Entlastungszeuge wiederum sprach davon, dass der Angeklagte ein blau-weißes Hemd getragen habe. Und ein weiterer Entlastungszeuge erklärte, der 25-Jährige habe an jenem Januarmorgen gar ein weißes T-Shirt getragen.
Für einen weiteren verwirrenden Moment sorgte auch ein 18-jähriger Ebersdorfer, der Augenzeuge dessen war, was am Opfer vorgenommen wurde. Dabei sprach der Zeuge davon, dass es sogar mehrere Leute gewesen seien, die auf den 17-Jährigen eingetreten hätten. Doch als Richterin Barausch ihn befragte, ob er selbst auch geschlagen worden sei, antwortete der Mann: "Das weiß ich nicht". "Sie wissen nicht mal, ob Sie geschlagen wurden?", so eine verblüffte Richterin fragend. Doch dieser 17-jährige war eben derjenige, der via Facebook den Namen des Angeklagten als Täter ins Spiel brachte.
Als dieser nun darüber Auskunft geben sollte, woher er in seiner Facebook-Nachricht auch den Namen des Beschuldigten wusste, musste oder wollte der Befragte passen: "Ich weiß nicht, woher ich den Namen habe." Das wiederum erzürnte den Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Joachim Voigt. "Das macht doch keinen Sinn", so der Opferanwalt.
Zwei Verfahrensunterbrechungen sollte es geben, zudem auch die ein oder andere motivierte oder gar übermotivierte Befragung von Zeugen durch Voigt. Das brachte diesem einmal auch den Rüffel der Richterin ein. Auch befragte Zeugen verbaten sich gelegentlich die scharfe Befragungsweise. "Man kann auch in ruhigem Ton miteinander reden", so ein Mann im Zeugenstand.


Fortsetzung am 21. April

Ob es zu einer letztendlichen Aufklärung des Sachverhalts kommen wird, mag sich beim Fortsetzungstermin am 21. April zeigen. Dann sollen weitere Zeugen vernommen werden. Doch zumindest das Strafregister des Angeklagten wurde noch vor dem Zweittermin verlesen. Es ist imposant und spricht von gefährlichen Körperverletzungen, schwerer räuberischer Erpressung und einer vorsätzlichen Körperverletzung.