Eltmann — Brotaufstrich mit Ingwer und Kokos, Schokolade mit Chili oder Pfeffer und Walnuss-Käse: Brigitte Kieslingers Geschmacksnerven tanzten auf der "Biofach" in Nürnberg. Und nach neun Stunden Messe taten auch die Füße weh. Alle Stände der 2348 Aussteller aus den 76 Ländern waren unmöglich zu schaffen. Brigitte Kieslinger führt in Eltmann den Naturkostladen. Messebesuche sind für sie lebenswichtig. Denn auf der Messe lernt sie nicht nur neue Produkte kennen, wie sie sagt, sie bekommt auch eine Menge Wissen mit.

Fachpersonal beantwortet Fragen

Wer hinter den Produkten steht, die sie in ihrem Laden verkauft, das möchte die Limbacherin wissen. Auf der Messe schaut sie hinter die Kulissen. "Da steht mir ein geschultes Fachpersonal zur Seite, das ich mit meinen Fragen löchern kann. Ich habe viele Kunden mit Allergien, die mich um Rat fragen und wissen wollen, welche Produkte für sie noch geeignet sind und was sie als Alternative nehmen können", erzählt sie. Lactose-, Fructose- oder Glutenunver träglichkeiten, das begegnet ihr im Alltag immer häufiger.
Momentan ist zudem vegan angesagt: Essen ohne tierische Stoffe. Sojaaufstrich statt Butter, Mandeldrink statt Kuhmilch, Tofu als Fleischersatz. Angehende Veganer haben viele Fragen. Da braucht es fundiertes Hintergrundwissen. "Auf der Messe werden oft Rezeptideen live vorgekocht. Eine bessere Erklärung, wie man das Produkt in der veganen Ernährung einsetzt, gibt es nicht", sagt Kieslinger.
Ganz aktuell ändert sich die Lebensmittelverordnung, Kontrollen stehen quasi vor der Türe: Da müssen Zutatenlisten auf der Verpackung größer gedruckt und wirklich alles aufgelistet sein. Auch bei offener Ware, Käse oder Brot, muss jeder Inhaltsstoff nachzulesen sein. Kieslinger ist im Moment daheim damit beschäftigt, zu jedem Käse, den sie in ihrer Theke liegen hat, Herkunfts- und Inhaltslisten zu führen. Einiges an Mehraufwand. "Auf der Messe kann ich direkt bei meinen Käse-Zulieferern nachfragen, wie ich das am besten umsetze", sagt die Besitzerin des Naturkostladens.
Neue Händler nutzen die Messe als Startbrett. Praktisch für Fachbesucher: Sie können sich über Produkte und Herkunft informieren und verkosten. "Bei neuen Marken muss ich erst immer nachfragen, ob sie von meinem Großhändler gelistet sind, damit ich sie nach der Messe bestellen kann", erklärt Kieslinger. Auf der Messe ist das schnell abgehandelt, man muss nicht herumtelefonieren.
Die Limbacherin kann auch Kontakte knüpfen und Verkostungsaktionen ausmachen. Zum Beispiel gibt es Fruchtriegel mit Spinat: "Manche Kunden sind solchen Sachen gegenüber erst etwas skeptisch. Wenn sie es probieren können, ändern sie oft ihre Meinung."
Nicht alle Neuheiten, die auf der Biofach zu entdecken sind, bieten sich für einen Bioladen im ländlichen Raum an. "Ich muss immer ein bisschen schauen, was in mein Konzept passt."

Unterschiedliches Kaufverhalten

"Ich habe auf der Messe mal ein richtig gutes Salz probiert mit verschiedenen Kräutern oder auch mal mit Blüten angereichert. Das war wirklich richtig lecker, hat aber bei meiner Kundschaft wenig Abnehmer gefunden. Das war wahrscheinlich zu exotisch", erzählt sie.
Und natürlich der Preis: "Da gibt es so leckere handgeschöpfte Fairtrade-Schokolade zum Beispiel mit Kaffee-Bohnen oder Kokos. Wenn ich aber dann ausrechne, wie viel die Schokolade für meine Kunden am Ende kostet, ist das oft zu kostspielig", erklärt sie.
Fertigprodukte ohne künstliche Zusatzstoffe erobern die Bio branche - aber: "Bereits im letzten Jahr habe ich bemerkt, dass man mit Fix-Produkten oder Päckchen-Suppen auf dem Land einfach nicht punkten kann", meint Kieslinger. "Meine Produktberater schwärmen immer, wie gut das in den Städten ankommt, aber bei mir laufen solche Sachen fast gar nicht."

Wenig regionale Anbieter

Brigitte Kieslinger will den Großteil ihrer Ware aus Deutschland beziehen. "Auf der ,Biofach‘ ist in den letzten Jahren das Auslandsgeschäft stetig gewachsen, aber die Stände schaue ich mir schon gar nicht an." Wie "bio" sind schon Waren aus China wirklich, wo man strenge Regelungen wie in Europa kaum kennt? Am liebsten sind der 49-Jährigen regionale Waren, aber das ist in der Biobranche oft gar nicht so einfach. "Die ,Biofach‘ ist eine recht große Messe, kleine Anbieter gehen da gnadenlos unter - leider."
Immerhin findet die Limbacherin unter den 2348 Ausstellern einen Stand aus dem Landkreis Haßberge: "Maintal".
Seit 2000 produzieren die Haßfurter Bio-Konfitüren und -Gelees. Auf die Messe gezogen ist das Familienunternehmen heuer mit neuen Erdbeer- und Sauerkirsch-Gelees; auch mit einer neuen Kreation bei den Preiselbeeren. Ja, auch unter den Alternativen muss man inzwischen mit Besonderem auffallen, wenn man sich behaupten will. red