Ob das Kuratorium "Gutes Sehen" Andrea Trinchieri schon als Kandidaten für den Brillenträger des Jahres auf dem Schirm hat, wissen wir nicht - Potenzial dazu hat er jedenfalls. Würde der 47-jährige Italiener gewählt, befände er sich in guter Gesellschaft. Die Fußballtrainer Jürgen Klopp (2008) und Felix Magath (2004) haben diese Auszeichnung schon erhalten. Eine Auswahl von 70 Brillen hat der Trainer des deutschen Basketball-Meisters Brose Baskets zu Hause. Über seinen Aberglauben, seine Eitelkeit, den Druck im Trainerjob und sein Verhältnis zu Brose-Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Stoschek unterhielten wir uns mit dem in seiner zweiten Saison in Bamberg tätigen Coach.
Sie haben schon früher über Ihren Aberglauben gesprochen. Wie äußert sich der im täglichen Leben?
Andrea Trinchieri: Im täglichen Leben bin ich gar nicht so abergläubisch. Ich kenne Leute um mich herum, die sind wirklich sehr abergläubisch. Ich habe meine Routinen vor dem Spiel, das ist die Hauptsache. Meine Socken sind sehr wichtig. Jedes Paar hat eine Siegesgeschichte oder eine Verliererhistorie. Und die muss dann zu dem passen, was ich sonst so trage. Das gleiche gilt für meine Brille.

Wie viele verschiedene besitzen Sie?
70. Einige davon haben das erste Spiel nicht überstanden. In dieser Saison variiere ich so mit zwölf bis 15 Brillen. Kommt drauf an, welches Spiel es ist, welche Socken ich trage und was das Team gerade braucht.

Aber der Anzug und die Krawatte sind immer die selben - oder?
Die Krawatte ist immer die gleiche. Anzüge habe ich ein paar verschiedene, aber nur sehr leichte, in denen man nicht so schwitzt, keine Winteranzüge. Selbst in Russland habe ich nur die leichten Anzüge getragen.

Ist das Ausdruck Ihrer Eitelkeit?
Ja sicher. Ich komme aus der Modestadt Mailand. Ich mag meine maßgeschneiderten Anzüge. Ich achte auch auf mein Äußeres. Meine Haare waren schon immer lang und werden es sein, bis sie mich verlassen. Auch die Uhren, die ich trage, müssen zum Spiel passen. Einige haben eine große Geschichte, manche sind für reguläre Spiele, manche für wichtige oder für Meisterschaftsspiele. Ich habe fünf bis sechs wichtige Uhren.

Sie achten also auf die Details.
Ja. Und nach jedem großen Erfolg bekomme ich bzw. kaufe ich eine neue Uhr. Es ist meine persönliche Belohnung.

Und die persönliche Fitness?
Nächste Frage!

Lassen Sie uns über ihre Ziele als Coach reden. Sie sind in Bamberg angetreten mit der Philosophie, Spielern beizubringen, das Spiel zu lesen, schnelle, effiziente Entscheidungen zu treffen und Instinkt für die Situation zu entwickeln. Wie weit haben Sie das erreicht?
Zuerst sollte man analysieren, welches Personal habe ich und was soll es tun. Basketball verändert sich, das Niveau der Athletik steigt schneller als das der Basketball-Grundlagen. Das Spiel wird schneller, und damit wächst auch die Anzahl der Fehler. Wenn man ein Spiel aus den 90er Jahren mit einem von heute vergleicht, dann ist das ein anderer Sport. Ich bin ein Schneider, der einen Anzug für ein Team anfertigen muss. Der Anzug sagt, wie wir spielen wollen und was das Beste für die Mannschaft ist. Bezogen auf Basketball ist der Schlüssel der, die Situationen richtig zu lesen und im richtigen Zeitrahmen zu handeln. Du kannst deine Spieler nicht auffordern zu denken, was sie tun sollen - dazu haben sie nicht die Zeit. Was ich meinen Spieler beibringen will, ist, dass sie den richtigen Instinkt bekommen, denn Basketball ist ein sehr schneller Sport auf sehr kleinem Raum. Ein Fußballspieler, der an der Seitenlinie den Ball nach vorne treibt, um ihn dann zum Beispiel zu Mario Götze in den Strafraum zu schlagen, hat zwei bis vier Sekunden Zeit, zu erkennen, wie sich die Abwehr bewegt. Im Basketball sind das nur 0,2 bis 0,3 Sekunden.

Haben Sie ein Niveau erreicht, um zu sagen, das ist fast perfekt?
Nein - es ist nie perfekt, nicht einmal nahezu.

Wo liegen Sie dann - bei 60, 70 oder 80 Prozent?
Ich kann keine Zahl sagen. Wir spielen guten Basketball. Die Leute mögen, was wir machen, und ich mag, wie mein Team spielt - selbstlos, modern, schnell. Trotzdem müssen wir uns noch verbessern.

Und das Resultat davon sind dann Titel?
Nein - der Titel ist die Konsequenz. Mein persönliches Ziel ist es, meine Spieler besser zu machen, dass mein Team den bestmöglichen Basketball spielt, verantwortlich, beständig, stabil und für die Marke Brose Baskets steht. Wir sind in Europa eine Marke, jeder weiß, wie wir spielen und erweist uns die Ehre. Am Ende sind Titel die Konsequenz einer guten Arbeit. Keiner kann Erfolg garantieren - keiner.

Jeder Spieler will in die NBA.
Ja, das ist das höchste Niveau.

Sie als Trainer auch?
Früher oder später - ja. Als ich in der siebten Liga trainiert habe, war mein Ziel Coach in der Euroleague zu werden. Nun bin ich in der Euroleague und jetzt ist mein Ziel, Teil einer Organisation in der NBA zu werden. Die NBA ist eine Liga für Spieler, die europäischen sind Coaches-Ligen. Es ist eine andere Philosophie und ein anderer Ansatz.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Trainer in Deutschland? In der Bundesliga werden lediglich Hagen, Bayreuth, Ulm und Gießen von deutschen Trainern gecoacht.
Sie sollten sich öffnen. Als ich in anderen Ländern trainiert habe, sind regelmäßig Coaches vorbeigekommen und haben unser Training besucht, viele junge Trainer, auch aus dem Ausland. In den zwei Jahren in Bamberg hat bisher erst ein deutscher Coach unsere Organisation besucht. Dafür waren einer aus Weißrussland, fünf aus Italien, ein Kroate und viele andere, unter anderem einige NBA-Talentsichter bei uns.

Lassen Sie uns über Druck reden. Nikos Zisis hat gesagt, keine Leistung ohne Druck. Wie gehen Sie mit Druck um?
Ich mache mir selbst den größten Druck. Es gibt negativen Druck, in Form von: Ich muss gewinnen, du musst gewinnen. Das bringt jeden um. In unserem Job kann man nur sein Bestes geben; und aus irgendeinem Grund verlierst du das Spiel, vielleicht sogar das entscheidende Meisterschaftsspiel, weil der Gegner einen glücklichen Wurf trifft, der Schiedsrichter fünf Minuten vor Schluss deinen besten Spieler mit dem fünften Foul vom Platz schickt oder dein bester Spieler in der Nacht zuvor Zoff mit seiner Ehefrau hatte. Das sind alles Sachen, die außerhalb deiner Kontrolle sind. Also, warum sollte ich verantwortlich für Dinge sein, die ich nicht kontrollieren kann? Der Druck ist, das Beste, was du kannst, zu versuchen, das Maximum aus deinen Möglichkeiten herauszuholen, niemals aufzugeben und sich anzutreiben, besser zu werden. Das Resultat ist eine Konsequenz. Man kann nicht mehr verlangen, als sein Bestes zu geben. Was ist mehr als das Beste? Der Punkt ist: Ob mein Bestes genug ist, ist nicht meine Entscheidung.

Wie hoch ist der Druck von Ihrem Boss Michael Stoschek?
Es ist erst knapp zwei Jahre her, dass ich meinen Job hier angetreten habe. Doch seitdem habe ich viel gelernt. Das Wort, das ich mit Michael Stoschek in Verbindung bringe ist - Excellence. Er sucht jeden Tag nach hervorragender Qualität in seiner Firma, in seinem Basketballteam, in seinem Coach - in allem. Er ist eine extrem erfolgreiche Persönlichkeit. Ich habe noch nie einen Besitzer, Vorstand oder Präsidenten eines Klubs kennengelernt, der nach einer Niederlage fröhlich war - noch nie. Eines müssen wir wissen: Spieler können aufs Spielfeld gehen und kämpfen, ich kann auf den Court gehen und coachen und tun, was ich kann. Stoschek kann nur das Spiel anschauen. Er gibt mir perfekte Werkzeuge, um wettbewerbsfähig zu ein. Manchmal ist er hart, aber ich kenne keine andere Person auf der Erde, die besser für die Brose Baskets wäre als er. Wie er das Team liebt, was er für die Organisation gibt, das ist unglaublich. Er sorgt außerdem für eine sehr effektive Struktur. Bamberg ist derzeit eine internationale Marke im Basketball, und das nur wegen ihm.

Die Fans haben einen Job und das Hobby Basketball. Was machen Sie neben Ihrem Job Basketball?
Ich opfere dem Basketball sehr viel, fast alles - mein Familienleben, meine Zeit. Ich würde gerne sagen, es klappt, aber es ist hart. Ich übe meinen Beruf 24 Stunden, sieben Tage die Woche aus - ohne Pause. Früher oder später werde ich sicher den Preis dafür bezahlen. Ich vermisse meine Kinder, skype aber täglich mit ihnen.
Das Gespräch führte unser
Redaktionsmitglied Udo Schilling.