Mit 80-minütiger Verspätung kam er an, der wegen Körperverletzung angeklagte Mann, herbeigeschafft von einer Polizeistreife. Sonderlich interessiert an seinem eigenen Prozess schien der 39-Jährige am Dienstag im Amtsgericht aber nicht gewesen zu sein. Vor einem Schuldspruch bewahrte ihn das nicht.
"Sie bleiben jetzt da?", fragte Richter Stefan Hoffmann den Angeklagten. "Weiß ich nicht", gab dieser zurück. "Ich bleibe da!", erklärte daraufhin eine Polizistin, die dafür Sorge tragen wollte, dass der von ihr und ihrem Kollegen im Streifenwagen herbeigeholte Burgkunstadter auch wirklich im Saal 14 des Amtsgerichts vernommen werden konnte. Doch das wollte dieser gar nicht. Er verweigerte jede Aussage und ließ nach der Anklageverlesung gerademal von sich vernehmen, dass er zu schweigen beabsichtige.


Was war geschehen?

Am 22. Dezember des vergangenen Jahres soll der Mann seiner Freundin mit der Faust aufs Auge geschlagen haben. Damals jedenfalls gab die Frau das der Polizei gegenüber an. Die aber hätte vermutlich von alledem nichts erfahren, wenn an jenem 22. Dezember nicht bei ihr ein Anruf eingegangen wäre, zu dem es keinen Anrufer zu geben schien. Als man auf der Wache das Gespräch entgegennahm, hörte man am anderen Ende der Leitung nur ein "lautes Geschrei im Hintergrund" und Satzfetzen wie "geh weg".
Also fuhr man mit zwei Streifen von Coburg und Lichtenfels kommend zur Adresse der Telefonnummer und landete in einer Burgkunstadter Szene häuslicher Gewalt. "Er hat auf der Badewanne gesessen und geweint", erklärte im Zeugenstand einer der damals anwesenden Polizisten. "Die Frau sagte, dass es Streit gegeben hat und dass der Mann sie aufs Auge geschlagen hat", so der Beamte weiter. Gut im Gedächtnis geblieben sind ihm neben einem sichtbaren Mal am Auge auch die damals ermittelten Alkoholwerte von Täter und Opfer: beide bewegten sich in Richtung Drei-Promille-Grenze.
Doch fest- oder zumindest mitnehmen ließ sich der 39-Jährige damals nicht. Im Gegenteil: er ging ins Schlafzimmer und kam mit einem Schlagring wieder heraus. "Wollt ihr euch schlagen?", rief er und wurde festgenommen: wegen Besitzes einer verbotenen Waffe. Während der Fahrt zur Wache, so der Beamte in seiner Zeugenaussage, habe der Angeklagte eingeräumt, dass er die Frau geschlagen habe.
Die aber wollte von all dem nichts wissen. "Ich weiß von dem Tag nichts mehr", gab sie gegenüber Richter Hoffmann und Staatsanwalt Timm Hain an. Aber eines, so setzte die 41-Jährige nach, wisse sie von dem Tag doch noch: dass sie "nicht angefasst" wurde. Auf die abschließende Nachfrage, ob sie nicht doch aussagen wolle, verneinte die Frau, trat aus dem Zeugenstand, gab ihrem Verlobten ein Bussi, sprach ihm Mut zu und verließ den Saal.


Staatsanwalt fordert fünf Monate

Zurück blieb ihr Lebensgefährte, der sich jetzt anzuhören hatte, was Staatsanwalt Hain über die Sache dachte. Der hielt dem Beschuldigten eine alkoholbedingte Enthemmung zugute. Aber an den Voreinträgen im Bundeszentralregister ging er nicht vorüber. Acht Einträge zwischen Diebstahl, Sachbeschädigung und Leistungserschleichung stehen dort zu Buche. Eine denkbar schlechte Sozialprognose und eine hohe Rückfallgeschwindigkeit schloss Hain daraus, weshalb er auf fünf Monate Haft ohne Bewährung plädierte.
Von Richter Hoffmann vor der Urteilsfindung danach gefragt, ob er noch letzte Worte zu sagen habe, schüttelte der Beschuldigte schweigend seinen Kopf. Dann verließ Hoffmann den Saal, um in einem Nebenzimmer das Urteil zu schreiben. Es trat eine Wartezeit ein, in der sich der Beschuldigte erhob und zur Saaltür ging. Mit der Frage, wo er denn hin wolle, stellte sich ihm die Polizeibeamtin in den Weg und wies ihn an, sich wieder zu setzen.
Einige Minuten später erschien Richter Hoffmann und verlas das Urteil: schuldig der Körperverletzung sowie des Besitzes einer unerlaubten Waffe. Dreieinhalb Monate Haft verhängte Hoffmann dafür. Ohne Bewährung, denn: "Bewährungen haben sich bei Ihnen nicht bewährt."