Sigismund von Dobschütz Vor einem Jahr überraschte Herausgeber Peter Graf mit der Wiederentdeckung eines vor 80 Jahren in London auf Englisch erstveröffentlichten Romans "Der Reisende" (1939) des damals erst 24-jährigen Ulrich Alexander Boschwitz (1915-1942). Jetzt folgte die deutsche Erstveröffentlichung seines bereits 1937 in Stockholm auf Schwedisch erschienenen Debüts "Menschen neben dem Leben". Zwei Jahre zuvor war er als 20-Jähriger - sein jüdischer Vater war 1915 als Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen - mit der Mutter aus Berlin nach Skandinavien emigriert.

Obwohl in großbürgerlichem Hause aufgewachsen, dürfte der inzwischen 22-jährige Autor die frühzeitige Ausgrenzung der Berliner Juden unter den Nazis bewusster erlebt haben als jene Welt der Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierten und Nervenkranken in seiner Kindheit der 1920er Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, deren "Nebenwelt" er in seinem Romandebüt dennoch so facettenreich und faszinierend sensibel und detailliert schildert.

Seine Protagonisten gehören der untersten Gesellschaftsschicht an, dem Berliner "Lumpenproletariat". Trotz Armut und Obdachlosigkeit versuchen sie tagtäglich, ihrem Leben noch einen Sinn zu geben.

Da ist der alte Fundholz, der mit dem letzten Rest seines Stolzes das Betteln und trockenes Brot jeder Gefängniskost vorzieht, sich ansonsten mit seinem Schicksal abgefunden hat. Ihm folgt, treu ergeben wie ein Hund, der ewig hungrige "Tönnchen".

Als Dritten im Bunde lernen wir den arbeitslosen Straßenbahnschaffner Grissmann mit leichtem Hang zur Kriminalität kennen. Aber da sind auch noch Frau Fliebusch, die nach dem Kriegstod ihres Mannes an der Welt verzweifelt, der blinde Kriegsheimkehrer Sonneberg, der mit seinem Schicksal hadert, und der "schöner Wilhelm" genannte Zuhälter.

Sie alle werden uns vertraut. Wir begleiten sie beim Betteln oder beim Warten, bis endlich wieder ein Tag ihres trostlosen Lebens geschafft ist und sie sich abends alle im "Fröhlichen Waidmann" treffen. Der "Waidmann" ist in Boschwitz Roman gleichsam eine "Nebenwelt", die die "Menschen neben dem Leben" ihre Alltagssorgen vergessen lässt. Gehören sie draußen in der Tageswelt zur untersten Gesellschaftsschicht der Verlorenen, formen sie im "Waidmann" ihre eigene Welt, ihr eigenes Gesellschaftssystem. Hier regiert der ehrbare Vorstand des Ringvereins, eine in damaliger Zeit für Berlin typische mafiöse Vereinigung. Hier steht der "schöne Wilhelm" zusammen mit der Edelnutte Minchen gesellschaftlich noch über dem Möchtegern-Ganoven Grissmann und allen anderen.

Boschwitz beschreibt dieses ihm doch eigentlich fremde Milieu so detailreich, als wäre er selbst Stammgast im "Fröhlichen Waidmann". Vieles mag er sich in zeitgenössischer Literatur angelesen, vieles schon als Kind auf der Straße beobachtet haben. Als Halbjude selbst aus der Berliner Gesellschaft ausgegrenzt, kann er seinen Figuren ihr Schicksal nachfühlen. Boschwitz fasziniert durch seine lebendige Szenerie voller Empathie, die uns seine "Nebenwelt" so sympathisch werden lässt.

Vielleicht hätte der damals erst 22-jährige Autor, wäre er älter und lebenserfahrener gewesen, seinen Charakteren noch mehr Tiefenschärfe geben können. Dennoch ist "Menschen neben dem Leben" zweifellos ein erstaunlicher und deshalb lesenswerter Roman.

Nach diesem Debüt und Boschwitz' zweitem Roman "Der Reisende" wäre man auf einen dritten Roman gespannt. Doch Ulrich A. Boschwitz starb als 27-Jähriger, als das britische Schiff, das ihn und andere "feindliche Ausländer" aus Australien nach England zurückholen sollte, auf der Überfahrt nach deutschem Torpedo-Beschuss versank.

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