In der Epoche der Romantik blieb Sergej Wassiljevitsch Rachmaninow seiner Musik bis zuletzt treu. Unbeeinflusst von den revolutionären Umbrüchen in der Musik zu seinen späteren Lebzeiten. Er blieb zeitlebens dem verbunden, was wir als russische Seele empfinden - breite und tiefe Gefühle, die zwischen heroisch und Schwelgen wechseln.
Zwei Werke dieses "letzten Romantikers" führte Ljubka Biagioni zu Guttenberg mit den Hofer Symphonikern am Sonntagabend in der Erich-Stammberger-Halle auf: dessen zweite Sinfonie und im ersten Teil das zweite Klavierkonzert mit Georgii Cherkin. 1977 in Sofia geboren, zählt Cherkin zu den weltweit renommiertesten Pianisten, in dessen Repertoire Rachmaninows Klavierkonzerte nicht fehlen dürfen. Das zweite von ihm am meisten gespielt.
Rachmaninow, selbst ein brillanter Pianist, hat es 1901 selbst uraufgeführt. Geschrieben - wie auch die 2. Sinfonie - nach einer tiefen Schaffenskrise nach dem Misserfolg seiner nicht unbedingt einfallsreichen 1. Sinfonie behört es bis heute zu den meistgespielten Konzerten seiner Species.


Eher kühl und zurückhaltend

Georgii Cherkin nimmt das ganze Konzert eher zurückhaltend, wie auch Rachmaninow selbst seine Musik eher kühl aufführte. Ohne optische Dramatik wie zum Beispiel Lang Lang, auch nicht so forsch wie die ansonsten höchstbrillante Yuja Wang. Eher überlegt mit fast schon kalkulierten knappen Rubati. Nichtsdestoweniger pianistisch wie auch musikalisch ausgefeilt.
Allenfalls bremste der Steinway-Flügel der Dr.-Stammberger-Halle, der gerade für dieses Konzert eine durchaus härtere Intonation vertragen würde, den Esprit, der in vielen Passagen dieses Konzerts steckt. Dieser Klang des Flügels kam andererseits dem Stück zugute, das Cherkin als Zugabe spielte: Rachmaninows Moments musicaux op. 16 Nr. 3.
Sieben Jahre nach dem zweiten Klavierkonzert entstand in Dresden die zweite Sinfonie, deren Aufführung Ljubka Biagioni einige Anmerkungen voranstellte. Zum einen zur Musik selbst, und zum anderen mit Komplimenten an das Orchester. Was Biagioni über Musik überhaupt anmerkte ("Nur wenn die Musik eine Liebesgeschichte ist, wird sie etwas Besonderes"), scheint sich in den Tagen der Proben zwischen ihr und dem Orchester entwickelt zu haben.
Rachmaninows Zweite wurde im Orchester anfangs als "ziemlich schwer" eingeschätzt, plauderte die Dirigentin aus dem Nähkästchen. Doch man habe dann recht schnell zueinander und zur Musik gefunden.


Eine breite Palette von Mimik

Dieses Miteinander konnte man während der fast einstündigen Sinfonie nicht nur hören, sondern auch sehen, wenn man dazu die Chance durch einen Platz ganz außen in den Sitzreihen hatte. Biagioni führt das Orchester nicht nur mit absolut exaktem Dirigat. Nimmt Wechsel von Tempi, Ausdruck und Orchestergruppen knapp vorweg. Sie führt das Orchester zudem mit einer breiten Palette von Mimik und Gesichtsausdruck. Blickt düster, dann strahlt sie übers ganze Gesicht; gelegentlich nickt sie zustimmend bei Passagen, die in den Proben vielleicht etwas schwieriger waren. Und insgesamt ist sie am Ende merkbar begeistert von den Hofer Symphonikern.
Wie ein riesiges Gemälde breitet sich die Sinfonie Stück für Stück aus. Beginnt mit einer langsamen Einleitung, mit der man in das Bild hineinschreitet. Die musikalischen Themen sind breit und oft schwärmerisch. Trotzdem fehlt es nicht an Feuer, dann einfacheren spielerischen Sequenzen, die sich wieder zu Klangmassen ballen.


Ein stürmisches Hauptthema

Den zweiten Satz durchzieht fast pausenlos ein stürmisches, mitreißendes Hauptthema. Und der verhältnismäßig lange dritte Satz schwelgt in allen möglichen Stimmungen, die musikalisch ineinander fließen.
Ein Konzert wie dieses hätte sicher ein volles Haus verdient gehabt.