cindy dötschel Die russischen Soldaten sehen die Amerikaner auf die Grenze zulaufen. Sofort legen sie ihre Gewehre an und zielen auf die Männer, die von einer Gruppe Teenager begleitet werden. Die beschriebene Szene hat sich am 4. Juli 1945 abgespielt, zwischen Stockheim und Buch. Einer der Teenager war Otto Heinlein. Bis heute erinnert er sich genau an den Tag. "Erlebt haben wir viel seit dem Ende des Krieges", sagt er und blickt nachdenklich aus dem Fenster.

Heinlein hat alles dokumentiert, was in den letzten 70 Jahren in seinem Heimatort Stockheim passiert ist. Vier Ordner voll mit sorgfältig beschrifteten Fotos hat der 90-Jährige vor sich auf seinem Esstisch ausgebreitet. Ein Großteil der Bilder ist in Heinersdorf, das keine zehn Kilometer entfernt ist, entstanden. Als Maschinensetzer für das Kronacher Volksblatt war er nach Feierabend regelmäßig mit seinen Kollegen an der Zonengrenze unterwegs, um Fotos zu machen. Doch nicht alles konnte Heinlein mit seiner Kamera festhalten, wie die Schreie der Grenzsoldaten und Zollbeamten, die ihn nachts regelmäßig weckten. "Das waren schlechte Zeiten, vor allem die Jahre von 1945 bis 1952. Danach ist es besser geworden." In den Jahren nach dem Krieg seien vor allem Schmuggler sehr aktiv gewesen, sagt Heinlein. Im Osten waren Lebensmittel sehr begehrt, im Westen gab es bis 1948, als die D-Mark eingeführt wurde, nur überteuerte Radios und Fotoapparate.

Angeschossene wurden nicht versorgt

Die russischen Grenzpolizisten wollten sich beweisen, meint Heinlein. Insgesamt erschossen sie zwischen Welitsch und Heinersdorf bis zur Wiedervereinigung 15 Menschen. "Sie haben auf alles gezielt, was sich bewegt hat", schildert Heinlein die Situation. Wer nur angeschossen wurde, sei direkt ins Leichenhaus geschafft worden. "Ein Leichenwärter hat erzählt, dass eine Leiche früh auf der anderen Seite lag als am Vorabend." Das erste Todesopfer sei ein junger Mann aus Heinersdorf gewesen. Er wollte in Welitsch für seine Hochzeit am nächsten Tag einkaufen. "Die Stalin-Schüler waren eiskalt."

Auch Heinlein wagte es einmal, die Grenze zu überqueren, direkt nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs. Die Eisenbahnschienen zwischen Ludwigstadt und Lichtenfels standen damals voll mit Waggons, die mit Nahrungsmitteln wie Gelee und Sirup gefüllt waren. "Eimerweise haben wir die Sachen rüber geschafft", erzählt er und lacht. Er sei nicht erwischt worden.

Die Errichtung der Grenzanlagen erfolgte nach und nach. In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg sei nicht viel von der Grenze sichtbar gewesen. "Die Grenze war erst nur durch einen Stacheldraht gesichert, Selbstschussanlagen gab es erst in den 60ern", erinnert sich Heinlein. Wegen der vielen Fluchtversuche wurde 1982 in Heinersdorf noch eine Mauer errichtet. "Wir mussten uns an den Zustand gewöhnen, viele Stockheimer hatten in Neuhaus bei Siemens gearbeitet oder dort Verwandte."

Vom 3. Juni 1952 hat Heinlein auffällig viele Fotos in seinen Ordnern, die in Heinersdorf aufgenommen wurden. Die Einwohner hatten wenige Tage zuvor von den Behörden die Nachricht erhalten, dass sie umgesiedelt werden sollen. Der Ort lag zu nah an der innerdeutschen Grenze. "In Heinersdorf lebten viele Bauern, tagelang haben sie ihre Fuhrwerke beladen. 200 Menschen sind in den Westen geflohen", berichtet Heinlein. Die Versuche der ostdeutschen Behörden, die Leute zu halten, waren vergeblich. Die Heinersdorfer hätten den Versprechungen keinen Glauben mehr geschenkt, zu viele Tote habe es in den vergangenen Jahren an der Grenze gegeben. Die Fotos vom 3. Juni zeigen die Menschen beim Verlassen ihres Heimatortes. In Druckbuchstaben hat Heinlein "Schwarzer Donnerstag" neben dem Datum notiert. Die Umsiedlung fand nie statt.

Nach 1952 verbesserte sich die Versorgung in Ostdeutschland Heinleins Einschätzung nach: "Die Leute hatten nicht mehr das Gefühl, nach Bayern zu müssen, um dort Lebensmittel zu holen." Jedes Jahr fand eine Kundgebung der Jungen Union bei Heinersdorf statt. Der Aufstand gegen die Grenze sollte zum Ausdruck kommen. "Hohe Politiker wie Franz Joseph Strauß waren vor Ort", berichtet Heinlein.

Die Öffnung der Grenze

Die Nachricht, dass die Grenze geöffnet ist, sei sehr plötzlich über alle hereingebrochen. "Abends hat Schabowski über das Fernsehen bekanntgegeben, dass die Grenze ab sofort geöffnet ist - die Grenzer wussten das gar nicht", erinnert sich Heinlein. In Berlin seien in der selben Nacht noch 20 Grenzübergänge geöffnet worden. Die Leute wollten einfach rüber, sagt Heinlein. Hier in Stockheim sei die Nachricht nur langsam durchgesickert. Die Öffnung der Grenze erfolgte acht Tage später. Heinlein hat sie am 24. November 1989 zum ersten Mal überquert. "Das war der erste Tag, an dem sie hier in unserem Gebiet in Neuhaus offen war."

Die ersten Monate nach dem Mauerfall war Heinlein fast täglich in der ehemaligen DDR. Zu Tausenden seien die Menschen außerdem von Thüringen nach Bayern geströmt. "In Burggrub gab es ein bomben Fest. Es floss so viel Bier, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr." Heinleins Augen strahlen. Bei der Wiedervereinigung war er 60 Jahre alt.

An den Wochenenden nach dem Mauerfall seien die Menschen aus Neuhaus und Buch nach Stockheim gekommen oder umgekehrt. Im Laufe der Zeit sei der Kontakt wieder weniger geworden. Heinlein geht auch drei Jahrzehnte später regelmäßig nach Sonneberg, um einzukaufen. "Man denkt nicht mehr weiter drüber nach", sagt er. Doch auch, wenn er jetzt keine Fotos mehr bei der ehemaligen Grenze macht, sind die Erinnerung daran, wie es hier einmal war, immer präsent.