Die Zeit, als wunderbare Glockenklänge der Basilika Vierzehnheiligen das Maintal erfüllten, kommt wieder. Das hoffte Basilikaorganist Georg Hagel bei seinem Vortrag, den er anlässlich der Hauptversammlung der Freunde und Förderer der Basilika hielt.
Hagel absolvierte eine Ausbildung zum Glockensachverständigen und stellte den dramatischen Istzustand des Geläuts, das schon zum Teil stillgelegt wurde, dar. "Nicht nur die Glocken sind gefährdet, sondern auch die Substanz der Türme", befürchtete er. Der Zustand sei statisch, technisch und klanglich inakzeptabel. Aus Sicherheitsgründen wurden Weihnachten die beiden großen Glocken stillgelegt. "Sie sind die einzigen erhaltenen paarweise gegossenen Großglocken des Bamberger Glockengießers J. Lotter und sind deswegen von großem historischen und klanglichen Wert", betonte Hagel. Die Wurzeln des Übels seien Stahljoche, in denen die Glocken hängen, sowie instabile und mit Stahl massiv verstärkte Glockenstühle des 19. Jahrhunderts, die mit dem Mauerwerk der Türme verbunden sind. Sie übertrügen gefährliche Schwingungen an das Mauerwerk und verzerrten den Klang. Holzglockenstühle dagegen schwängen mit und bildeteten ähnlich wie der Boden einer Geige einen Resonanzkörper.


Dumpfer Klang machte hellwach

Der Referent schilderte ausführlich, wie er die Schäden an den Glockenstühlen entdeckte. Als er im Sommer vergangenen Jahres mit offenem Autofenster den Berg zum Dienst in der Basilika hochfuhr, hörte er die Glocke Nr. 2, St. Blasius, anders läuten als sonst: dumpfer, schwächer, irgendwie blecherner. Nach der Messe holte er sich den Turmschlüssel und bestieg den Südturm, auch Staffelsteiner Turm genannt. "Was sich mir bot, war ein Anblick des Schreckens: Von den drei eisernen Haltebändern, welche die Glocke am Joch befestigten, waren zwei gerissen, das dritte bereits gelockert, so dass die Glocke schon schief hing und am Läuteseil scheuerte", berichtete Hagel.
Sofort drehte er die Sicherungen für das Geläut im Südturm raus. Die Wartungsfirma erneuerte die gerissenen Haltebänder, aber damit sei die Ursache der Schäden nicht behoben worden, so Hagel. Seine Neugier war geweckt. Warum rissen solche Halterungen, was ist die Ursache, woher kommen solch immense Krafteinwirkungen? Und warum passiert das nicht häufiger, auch in anderen Kirchen?
In dem Restaurierungsbericht über die Basilika von Claus Peter wurde er fündig. Peter weist bereits 1990 darauf hin, dass Stahljoche nach etwa 30 bis 35 Jahren Materialermüdungen zeigen und reißen könnten. Und dass sie Schwingungen nicht dämpften und der Klang der Glocken beeinträchtigt werde. Noch dazu, wenn sie gekröpft seien. "Im Südturm hatten wir bis dahin immer das Problem, dass die Glocke Nr. 3 Aussetzer hatte und manchmal unrhythmisch läutete", berichtete Hagel. Auf seine Nachfrage bei der Wartungsfirma, warum, bekam er zur Antwort, dass das gekröpfte Stahljoch schuld sei und die zusätzlichen Obergewichte über dem Joch und überhaupt die Klöppel falsch geschmiedet wären. Das wäre alles zu vermeiden, wenn die Glocken wieder wie seit Hunderten von Jahren Holzjoche hätten.
Hagel stellte dann fest, welche klangliche und technische Katastrophe in den Türmen hängt. Um die Aussetzer der großen Glocke im Nordturm in den Griff zu bekommen, ließ die Kirchenverwaltung auf sein Drängen hin alle drei Glocken wieder an Eichenholzjoche hängen. "Doch sie läuteten weiterhin in einem Stahlglockenstuhl, der auch noch in die Türme eingemauert war, das Dümmste, was man eigentlich machen kann", bedauerte er.
Ihm wurde klar, so konnte das nicht bleiben. Für den Südturm mit seinen zwei großen Glocken war mit relativ einfachen Mitteln nichts zu machen. Der Aufwand würde größer werden. Nachdem er mit dem Sachverständigen Claus Peter zwei Tage in den Türmen verbracht hatte, kam die Maschinerie der Sanierung ins Rollen. Die Empfehlung der Fachleute: Die beiden stillgelegten Glocken sollen später im Südturm wieder an Eichenholzjoche gehängt werden. Dazu wird der jetzige Glockenstuhl aus Stahl entfernt und ein Stockwerk tiefer zur Demonstration für nachfolgende Generationen eingebaut.
Der neue Stuhl soll aus massivem Eichenholz in rein zimmermannsmäßigem Verbund bestehen, also ohne Schrauben, Platten, Nägel oder Stahlbänder, wie vor 1000 Jahren auch. Im Nordturm wird der eingemauerte Stahlglockenstuhl ebenfalls entfernt und durch Eichenholz ersetzt. Beide Glockenstühle werden so konstruiert, dass sie noch weitere - kleinere und höhere - Glocken, ein sogenanntes Zimbelgeläute, aufnehmen können und so die historischen alten Glocken bei den häufigen Wallfahrtsein- und -auszügen entlasten.
Die Glocke Nr. 3 (Nothelfer) passt sich nicht in das restliche Geläute ein und klingt dissonant. Sie wird künftig nur noch alleine läuten können, nicht mehr im Verbund mit den anderen. Als Ersatz muss dazu eine neue gegossen werden, die sich klanglich in das Plenum einfügt und nicht mehr den Gesamtklang stört.
"All das soll spätestens im Jahr 2022 vollendet sein, denn da jährt sich die Einweihung der Basilika zum 250. Mal", schloss Georg Hagel seinen Bericht. Bis dahin gebe es also noch viel zu tun. "Die Nothelfer werden uns sicher beistehen, doch anpacken müssen wir", so sein Appell. "Wir stehen damit im Reigen von vielen prominenten Kirchen, die ihr Geläute erweitert, restauriert und wieder umgerüstet und auf den althergebrachten, handwerklich soliden Stand gebracht haben, der schon vor Hunderten von Jahren Gültigkeit besaß." Im Juli wird über das weitere Vorgehen entschieden. Eines ist aber jetzt schon sicher: Die Sanierung kostet viel Geld und wird ohne die Spenden aller, die das wundervolle Geläut wieder hören wollen, nicht zu schaffen sein. Nach der Verstaatlichung des Klosters Langheim mit der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen wechselten viele Glocken den Besitzer. Die im Jahr 1772 gegossene große Glocke hängt heute in der Stadtpfarrkirche in Lichtenfels und stammt vermutlich aus Vierzehnheiligen. Weitere Forschungen stehen noch aus.


Drei Glocken beschlagnahmt

Im Ersten Weltkrieg wurden drei große Glocken beschlagnahmt und zerstört. Von der größten ist noch ein Bruchstück erhalten, das im Refektorium des Klosters aufbewahrt wird. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Glocken bis auf eine abgehängt. Drei konnten unversehrt wieder zurückgeführt werden. Die vorerst letzte Etappe in der Glockengeschichte war die Umhängung aller Glocken an verkröpfte Stahljoche im Jahr 1989 .