Als Hauptdarstellerinnen des eindringlichen Musicals "Spatz und Engel" agieren die stimmgewaltige, visuell und stimmlich durchaus dem Vorbild ähnelnde Heleen Joor und die nicht minder faszinierende, als Marlene Dietrich auftretende Clarissa Hopfensitz. Die Darbietung beginnt mit dem Auftritt von Piaf, als sie am 23. Mai 1960 in Straßburg gastiert. Von ihrem Manager wird ihr in der Kabine eröffnet, dass zeitgleich Marlene Dietrich in Baden-Baden ein Konzert gibt. Doch Piaf winkt nur ab. Ihre einstige Freundin, Geliebte und Helferin in allen Lebenslagen hatte ihr bereits Jahre zuvor resigniert die Freundschaft gekündigt.

Rückblende

In der nächsten Szene gibt es eine Rückblende auf das Jahr 1948 in die Vereinigten Staaten. Edith sitzt dort in einer Damentoilette und heult, von Heimweh und Zweifeln geplagt. Sie, die in ihrer Heimat längst ein Star ist und bereits unvergessliche Lieder wie "La vie en rose", "L' accordéoniste" oder "Les amants de Paris" aufgenommen hat, wird von den Amerikanern nicht akzeptiert. Zufällig befindet sich in der Nebenkabine die 14 Jahre ältere Marlene Dietrich, die sie vergöttert. Nach einem Wortwechsel zwischen den beiden auf dem "stillen Örtchen" erkennen sich beide. Dietrich nimmt Piaf mit auf ihr Zimmer.

Schulter zum Anlehnen

Sie hilft ihr über ihren Schmerz hinweg und verschafft ihr einen hinreißenden, vom Publikum frenetisch gefeierten Auftritt. So beginnt eine Freund- und Liebschaft zwischen zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dietrich der mondäne stilvolle "blaue Engel" und Piaf, das einfache, direkte Mädchen von der Straße, mutterlos aufgewachsen zwischen Dirnen und Zuhältern, ausgenutzt von Betrügern und Tagedieben.

Entdeckt wurde die als Edith Giovanne Gassion aufgewachsene Piaf auf den Champs Elysées von Lous Leplée, dem Besitzer des Kabaretts Gerny´s Paris. Leplée ist es auch, der ihr den Namen Piaf gibt: Piaf, der Spatz von Paris.

Dietrich, die Piaf bemuttern und beschützen will, kann nicht verhindern, dass Edith immer wieder in Depression, Alkohol- und Drogenabhängigkeit zurückfällt. Piafs größte Liebe, der berühmte, aber verheiratete französische Boxer Marcel Cerdan, ein mächtiger Mann "mit dem Herzen eines Heiligen" ist ihr Halt und Hoffnung.

Cerdan begibt sich 1949 zur Vorbereitung seines Kampfes gegen den Amerikaner La Motta um seinen verlorenen Weltmeistertitel ins Trainingslager, während Edith zu einem Gastspiel in New York weilt. Kaum in New York gelandet, wird sie von einer starken Sehnsucht geplagt und sie überredet Cerdan, ihr nachzureisen. Er kommt nie an: Das Flugzeug zerschellt am 28. Oktober 1949 auf der Azoreninsel Sáo Miguel.

Grenzsituation

Marlene ist es, die ihr die Todesnachricht überbringt und sie bittet, das abendliche Konzert abzusagen. Zu schmerzhaft muss der Tod des Geliebten für Edith sein und Marlene fürchtet, dass die zierliche, gesundheitlich angeschlagene Piaf dieses Konzert nicht durchsteht.

Doch Piaf tritt mit Medikamenten gedopt auf und gibt das beste Konzert ihres Lebens. Begleitet vom tobenden Applaus und stehenden Ovationen des Publikums singt sie die "Hymne á l´amour" mit den zentralen Zeilen "wenn du stirbst, sterbe ich auch". Das hatte sie selbst geschrieben, wenige Monate vor dem Unglück.

In den Fängen der Sucht

Piaf verfällt immer mehr dem Alkohol und den Drogen, von Selbstvorwürfen zerfressen, weil sie Cerdan zum Flug gedrängt hatte; bis sie von ihrer großen Freundin Marlene resigniert aufgegeben wird.

Marlene Dietrich sieht Piaf erst 1963 wieder an deren Totenbett. Sie zeigen sich die zur Zeit ihrer Freundschaft gegebenen Geschenke, ein Zettel von Edith "Marlene, vergiss nie, dass ich dich liebe" und ein Goldkettchen von Marlene an Edith. Beide haben diese Belege, gegeben in den Tagen ihrer Freundschaft, zeitlebens aufbewahrt.

Geteiltes Schicksal

Der Schluss des Stücks zeigt die 90-jährige Marlene Dietrich, seit Jahren vereinsamt und ebenfalls dem Alkohol und den Drogen verfallen in ihrer Pariser Wohnung. Sie wird von Edith abgeholt und behutsam über die Schwelle des Todes geleitet.

Das ergreifende sowohl musikalisch als auch mimisch perfekt dargebrachte Musiktheater erfreute die Herzen der Zuschauer in der voll besetzten Kaiserpfalz. In weiteren Rollen glänzten Anna-Parisca Burwitz und Malte Berwanger. Erwähnenswert auch die perfekte instrumentale Begleitung der eindringlichen Gesangsnummern.