Gertrud Glössner-Möschk

Im Verfahren gegen den ehemaligen Chefarzt Heinz W., der sich seit April wegen mehrfacher Vergewaltigung und Körperverletzung vor Gericht verantworten muss, wurden die ersten Zeugen gehört: der Anwalt, der die Sozialstiftung Bamberg in Arzt-Haftungssachen vertritt, W.s Chefsekretärin, eine Arzthelferin, die seit 2005 eng mit ihm zusammenarbeitete, der Ermittlungsrichter, der Leiter der Medizintechnik am Klinikum sowie ein Vertreter der Firma General Electric, die an die Sozialstiftung die meisten der dort benutzten Ultraschallgeräte verkauft hat.
Bei der Vernehmung des Anwalts der Sozialstiftung ging es vor allem um die Frage, weshalb die Einrichtung noch vor Prozess-Beginn Ausgleichszahlungen in Höhe von 15 000 Euro pro potenziellem Opfer geleistet hat.
Der Träger des Klinikums am Bruderwald habe eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Arbeitnehmern, aber auch gegenüber den Patienten, sagte der Anwalt. "Wer sich an uns wendet, wird von uns beschützt." Mit diesen Zahlungen seien alle Ansprüche gegen die Sozialstiftung abgegolten, nicht aber mögliche weitere gegen Heinz W.


Gesundheitlich beeinträchtigt

Der bloße Anschein, dass in der Gefäßmedizin etwas aus dem Ruder gelaufen sein könnte, habe zu dieser Entscheidung geführt. Es sei ein Vorsatzdelikt im Raum gestanden und die Sozialstiftung habe "zum Ausdruck bringen wollen, dass sie die Damen nicht im Regen stehen" lasse.
Ohne die Unschuldsvermutung für den ehemaligen Chefarzt anzutasten, sei schon damals klar gewesen, dass die betroffenen Frauen einen Vertrauensbruch erlebt hätten. Durch das Betrachten der vorgelegten Bilder hätten sie psychische Verletzungen und damit gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten. Die Frage, ob hinter den Zahlungen so kurz vor Prozessbeginn eine Taktik stehe, verneinte der Anwalt: "Das ist völlig ausgeschlossen."
Die Ausgleichszahlungen seien wegen des schweren Verdachts geleistet worden. Schon im Oktober 2014 hätten die Verhandlungen mit allen Beteiligten begonnen. Bis alle Vereinbarungen unter Dach und Fach gewesen seien, habe es einige Monate gedauert. Natürlich sei es auch um die Reputation des Klinikums gegangen ("Die Sozialstiftung hat kein Interesse daran, dauernd mit negativen Schlagzeilen in der Zeitung zu stehen.") und darum, dass Patienten wieder Vertrauen zu den Ärzten fassen können.
W.s Chefsekretärin, die das Verhältnis zu ihrem früheren Vorgesetzten mit den Worten "er war halt mein Chef" und "Waffenstillstand" beschrieb, hat bei ihrer Arbeit von den Heinz W. zur Last liegenden verbrecherischen Handlungen, begangen an zehn Patientinnen und zwei Mitarbeiterinnen, nichts mitbekommen.
Vieles habe der Chef selbst erledigt, zum Beispiel Briefe geschrieben. Ob er Termine mit Patienten für Zeiten nach der offiziellen Sprechstunde ausgemacht habe, wisse sie nicht. Sie selbst habe aber nie "außerzeitliche Termine" ausgemacht. Laut Anklageschrift soll W. seine jungen, weiblichen Opfer jeweils für den späten Nachmittag oder frühen Abend einbestellt oder stationäre Patientinnen von der Station abgeholt haben.
Nur ein einziges Mal habe sie mitbekommen, dass kurz vor 18 Uhr eine Studentin zur Untersuchung beim Chef gewesen war. Diese kam ihr, wie sie der Polizei später sagte, etwas "bedröppelt" vor. Sie habe noch mitbekommen, wie Heinz W. gegenüber der jungen Frau sagte, er werde ihr jetzt einen Kaffee machen, dann ginge es ihr bestimmt gleich besser.
Anders als die Chefsekretärin schilderte eine als Zeugin vernommene Arzthelferin ihr Verhältnis zu Heinz W. als sehr gut. Sie sei nie dabei gewesen, wenn der Chef am Abend noch Patientinnen untersuchte. Wahrscheinlich hätte sie sich gewundert, dass diese nackt auf der Pritsche liegen mussten. Üblicherweise, so die Zeugin, behalten die Patienten bei der Ultraschalluntersuchung der Beckenvenen ihre Unterhosen an. Allenfalls seitlich werde die Sonde seitlich ein Stück unter die Hose geschoben.
Von der Methode der Endosonographie in der Scheide zur Diagnose von Gefäßerkrankungen habe sie noch nie etwas gehört und es gebe in den Behandlungsräumen der Gefäßchirurgie auch kein Gerät mit einer entsprechenden Sonde.
Bestätigt wurde die Aussage durch den Leiter der Medizintechnik am Klinikum sowie den Vertreter der Firma General Electric (GE). Drei GE-Geräte unterschiedlicher Baujahre seien in der Gefäßchirurgie am Klinikum im Einsatz. Doch für keines gebe es Vaginalsonden für eine "Endosonographie", derer sich Heinz W. nach eigenen Angaben aus wissenschaftlichem Antrieb bedient haben will, um eine schonende, weil strahlenfreie Untersuchung von Beckenvenenthrombosen zu finden. Es sei auch nicht möglich gewesen, solche Sonden aus der Gynäkologie-Abteilung zu holen und in die Geräte der Gefäßchirurgie einzustöpseln, da Maschinen und Zubehör nicht kompatibel seien.


Im Blut nachgewiesen

Der GE-Vertreter schloss außerdem aus, dass die Gabe von Kontrastmitteln - wie von Heinz W. in seiner Einlassung behauptet - bei der Ultraschalluntersuchung irgendeinen Sinn gemacht habe. Die in der Gefäßchirurgie befindlichen Geräte von GE seien dafür nicht ausgerüstet.
Heinz W. hatte in seiner eigenen Vernehmung mehrfach ausgesagt, Kontrastmittel zur besseren Darstellung verabreicht zu haben, dazu aber niemals das Betäubungsmittel Midazolam. Dieses jedoch ist bei einer der jungen Frauen zweifelsfrei im Blut nachgewiesen worden. Möglicherweise sei eine Ampulle mit Kontrastmittel, die er bei einem Ärztekongress bekommen habe, mit Midazolam verunreinigt gewesen, hatte W. zu einem früheren Zeitpunkt vernutet.
In den Zeugenstand gerufen wurde gestern noch der Ermittlungsrichter, der W. nach seiner Festnahme zwei Mal vernommen hat. Er sagte aus, dass der ehemalige Chefarzt einen sexuellen Hintergrund für die von ihm gefertigten Bilder und Videos vehement verneint habe. Die Bilder von Vagina und Anus, die er bei den Frauen gefertigt habe, seien nur entstanden, um zu dokumentieren, dass bei den Untersuchung keine Verletzungen entstanden seien.


Frage zu "Eigenversuch"

Bei der Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Schmidt an den Kollegen im Zeugenstand, ob es bei W. einen "Eigenversuch" zu den Untersuchungen gegeben habe - Schmidt spielte auf einschlägiges Bildmaterial mit Butt-Plugs an - , ging Verteidiger Dieter Widmann dazwischen: Er und sein Mandant ließen die Frage nicht zu, weil sie nichts mit der Sache zu tun habe.
Leitender Staatsanwalt Bernd Lieb wollte die Antwort trotzdem hören und schlug vor, sie dem Ermittlungsrichter unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu stellen. Diesem Ansinnen wiederum widersetzte sich der Vertreter von sechs Nebenklägerinnen. Rechtsanwalt Martin Reymann-Brauer wollte die Frage erst öffentlich beantwortet wissen, überlegte es sich dann aber bis zum Ende der Verhandlung anders: Er sei jetzt auch dafür, die Öffentlichkeit auszuschließen, um das Persönlichkeitsrecht des Angeklagten zu wahren: "im Hinblick auf dessen Masturbationspraxis". Der Ermittlungsrichter muss nun noch einmal vor der Kammer erscheinen, um in nichtöffentlicher Sitzung auszusagen. Am nächsten Dienstag wird weiterverhandelt.