Der Landkreis Coburg schneidet auf dem "Wohn-Prüfstand" für Haushalte mit niedrigen Einkommen so ab: Die vom Job-Center übernommenen Mieten für Single-Haushalte stiegen innerhalb von gut sechs Jahren (März 2014 bis August 2020) um 35,6 Prozent, während die Verbraucherpreise in diesem Zeitraum nur um 6,5 Prozent zulegten. Zu diesem Ergebnis kommt das neuaufgelegte Mieter-Gütesiegel "Mein Fairmieter" in einer Pressemitteilung.

"Bei den Mieten wird oft rausgeholt, was rauszuholen ist. Dabei bauen Vermieter auf die Job-Center" als "zuverlässige Zahlstelle". Diese übernehmen zwar nur die Kosten für Wohnungen "einfachen Standards". Auf genau diese Wohnungen sind aber nicht nur Hartz-IV-Empfänger angewiesen, sondern eben auch die vielen anderen Haushalte mit niedrigen Einkommen", sagt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther.

"Das Angebot an günstigen Wohnungen ist rar. Gerade Neuvermietungen nutzten viele Vermieter, um Maximalmieten zu erzielen." Um eine bessere Orientierung bei Wohnungsangeboten zu bekommen, gibt es jetzt ein Mieter-Gütesiegel: "Mein Fairmieter" prüft als Wohnungsmarkt-Label insbesondere die soziale Verantwortung von Vermietern. Günther hat die Gründung des Gütesiegels mit initiiert. Mehr Informationen gibt unter www.meinfairmieter.de über das Siegel. Es sei ein "Sozial-Kompass für den Wohnungsmarkt" - und für weite Teile der Bevölkerung relevant: Fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet nach Angaben des Pestel-Instituts bundesweit im Niedriglohnsektor: Vom Mindestlohnbezieher über Alleinerziehende bis hin zu Rentnern, die ihre Rente mit einem Minijob aufbesserten.

"Der Staat agiert inzwischen mangels eigener Wohnungen als Mietentreiber, weil er Mieten akzeptieren muss, bei denen viele Vermieter offensichtlich die Schmerzgrenze ausreizen", so Günther. Aber auch unter den Vermietern macht sich zunehmend Unmut breit. Vor allem viele Wohnungsgesellschaften in öffentlichem Eigentum und die Genossenschaften fühlen sich zu Unrecht in der Schublade der "gierigen Vermieter" gepackt.

"Wie alle anderen Unternehmen müssen auch Wohnungsunternehmen Gewinne erzielen, um langfristig bestehen zu können. Die Umsetzung jedes Mieterhöhungsspielraums ist dabei aber nicht nötig. Gerade beim Grundbedürfnis Wohnen kann der Grundsatz, dass der Gebrauch von Eigentum zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, nicht stark genug betont werden", so Günther.

Faire Vermieter müssten für Wohnungssuchende erkennbar sein. Markttransparenz zu schaffen, wird als ein Schwerpunkt des Gütesiegels gesehen. "Aber natürlich werden wir auch wohnungspolitische Forderungen wie etwa die dringend notwendige Stärkung des Sozialwohnungsbestandes und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau insgesamt im Fokus haben", betonen die Gründer des Gütesiegels. Letztlich habe unzureichende Wohnungspolitik dazu geführt, dass auch im Landkreis Coburg trotz leichten rechnerischen Wohnungsüberhangs die Mieten für einfache Wohnungen stark gestiegen seien. red