Eine im Winter beheizte Wartehalle mit Buchhandlung, Videoreisezentrum und Toiletten. Zwar hat der Bad Kissinger Bahnhof seine Glanzzeiten hinter sich, ein gewisses Maß an Komfort stand Zugreisenden bisher jedoch immer zur Verfügung. Bleibt das so? Die Deutsche Bahn AG beabsichtigt, das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude zu verkaufen. Der Bad Kissinger OB sieht deshalb sogar das Welterbe in Gefahr. Interessenten haben bis 17. Juni Zeit, ein Angebot für das Gebäude mit 2582 Quadratmeter großem Grundstück einzureichen. Der Verkauf erfolgt laut Verkaufsexposé der DB gegen Höchstgebot.

"Der Verkauf der Immobilie ist schon seit Langem geplant", kommentiert eine Sprecherin der Bahn das Vorgehen. Schon 2015 sprach das Unternehmen darüber. Im Herbst 2020 teilte die Bahn mit, dass der Bahnhof sich nicht im Verkaufsportfolio befinde. Vergangene Woche wurde das Gebäude auf der Internetseite der Bahn zum Verkauf eingestellt. "Zum Preis gibt es keine Festlegung", so das Unternehmen. "Im Vorfeld [...] waren wir in intensivem Kontakt mit der Stadtverwaltung", sagt die Sprecherin.

Stadt fordert Mitspracherecht

Bei dem Kontakt hat es sich laut Bad Kissingens OB Dirk Vogel (SPD) um eine einseitige Unterrichtung gehandelt. Die Bahn AG habe die Stadtverwaltung vor vollendete Tatsachen gestellt. Vogel lehnt den Verkauf ab und wirft der Bahn vor, das Bahnhofsgebäude nach Treuhandmanier ohne Not zu verramschen:   "Der Verkauf der Deutschen Bahn soll klammheimlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Stadt vollzogen werden." Der Rathauschef befürchtet, dass der Bahnhof an "anonyme Konsortien" verkauft wird, die das Gebäude für die Öffentlichkeit schließen und dem Stillstand überlassen. Es brauche "gesichert verantwortungsvolle Käufer". Vogel fordert deshalb, dass die DB die Stadt Bad Kissingen am Auswahlprozess beteiligt.

Welterbe-Schutz nicht Teil des Exposés

Der OB sieht einen eklatanten Mangel im Verkaufsexposé. Der Bahnhof liegt nicht nur in der Unesco-Welterbe-Schutzzone, sondern ist "eines der Hauptmerkmale der Welterbestätte". Das finde sich in der Ausschreibung nicht, mögliche Käufer müssten darauf hingewiesen werden. "Es kann nicht sein, dass die Bahn, und damit der Bund, sich ohne große Ankündigung seiner Verantwortung auch für ein Weltkulturerbe entledigt", schimpft der OB. Jegliche Entwicklung müsse die Geschichte und heutige Funktion des Bahnhofs abbilden. "Ansonsten riskieren wir einen Schaden, bis hin zur Aberkennung des jüngst erfolgten Eintrags in die Liste der Weltkulturerbe." Das Rathaus will nun den Vorstand Personenverkehr, Berthold Huber, auf die Fehler hinweisen. "Er muss nun dringend den Verkauf stoppen, auch weil den potenziellen Käufern nicht alle Informationen vorliegen", sagt Vogel. Danach müsse es Gespräche geben, wie der Bahnhof in die Zukunft geführt werden kann, ohne das Welterbe zu gefährden.

Dass Bad Kissingen den Bahnhof erwirbt, schließt Vogel aus: "Die Stadt kann doch nicht jedes Gebäude kaufen, das jemand gerade nicht mehr haben will. So hätte ich schon manch anderes Problem in der Stadt gern gelöst, nur leider habe ich im Rathaus den Geldspeicher von Dagobert Duck nicht vorgefunden." Würde die Stadt investieren, müssten andere Projekte wie Grundschul-, Kita- und Hallenbadneubauten, Freibad- oder Straßensanierungen hinten anstehen. "Was ich für realistisch halte, ist eine Lösung, wie sie in Fürth realisiert wurde, bei der die Stadt mit im Boot war und mit dem Käufer das Gebäude im Einvernehmen entwickelt."

Kritik am Vorgehen der Bahn

Der Landkreis Bad Kissingen ist von den Plänen der Bahn ebenfalls betroffen. Das Landratsamt ist für den Bus-Nahverkehr verantwortlich, der Bad Kissinger Bahnhof ist eine der frequentiertesten Haltestellen. "Wir wurden nicht informiert", sagt der stellvertretende Landrat Emil Müller (CSU). Weder die Verkaufsabsicht noch das Vorgehen stößt im Landratsamt auf Verständnis. "Wir sind darüber irritiert, wenn gleich so ein Vorgehen von der Bahn bekannt ist." Er befürchtet, dass die Interessen der Bad Kissinger und Gäste nicht berücksichtigt werden und dass der Bahnhof nach einem Verkauf für die Öffentlichkeit wegfällt. Das Landratsamt werde sich zwar nicht selbst aktiv in den Streit einschalten, aber - wenn nötig - die Stadt unterstützen.

Kritik kommt auch von Sandro Kirchner (CSU), Landtagsabgeordneter für Bad Kissingen sowie Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium. "Natürlich braucht eine Stadt wie Bad Kissingen einen Bahnhof, nicht nur einen Halt", sagt er. Der Bahnhof sei die Visitenkarte für ankommende Gäste.

Darüber hinaus nimmt Bad Kissingen als Welterbe-Stadt eine exponierte Stellung ein und ist überdies für die Region ein Oberzentrum. Dadurch ergibt sich für die Stadt aus dem bayerischen Landesentwicklungsplan der Anspruch auf eine entsprechende verkehrstechnische Anbindung. "In anderen Oberzentren wie Würzburg oder Aschaffenburg den Bahnhof zu verkaufen, wäre undenkbar", meint er. Die Bahn müsse sicherstellen, dass Bad Kissingen weiter ordentlich bedient wird.

Die Bahn AG gehört der Bundesrepublik. Politisch ist der geplante Verkauf somit vor allem ein Thema für die Abgeordneten, die Bad Kissingen im Bundestag vertreten. Stellungnahmen waren von Sabine Dittmar (SPD, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium), Manuela Rottmann (Grüne, Staatssekretärin im Agrarministerium) und Dorothee Bär (CSU) wegen Abwesenheiten im Urlaub nicht zu bekommen. Aus den Büros von Dittmar und Rottmann war zu hören, dass sie sich mit dem Verkauf befassen.