Ohne Corona würden Christine und Oliver Völker wahrscheinlich immer noch die Geschicke des Stadtjugendrings in Coburg lenken. Doch in Corona-Zeiten lasen die beiden viel bewusster ihre Tageszeitung und so fiel ihr Blick auf eine Stellenanzeige des Förderkreises Ahorn. Zwei Pädagogen in Vollzeit wurden gesucht. Neben der Kinder- und Jugendarbeit im "Schlupfwinkel" Ahorn und Schorkendorf gehört zum Stellenprofil auch die Gemeinwesenarbeit und die Sozialberatung.

"Das hat mich sofort gereizt und angesprochen - obwohl ich gar nicht auf der Suche nach etwas Neuem war", sagt Christine Völker, die immerhin 16 Jahre beim Stadtjugendring als Geschäftsführerin tätig war. Dort teilte sie sich die Stelle mit ihrem Mann, ebenfalls Sozialpädagoge. Die Möglichkeit, in Ahorn die Stellen aufzustocken und darüber hinaus noch ein neues Aufgabenfeld zu bekommen, ging den beiden nicht mehr aus dem Kopf. Und so wechselten sie zum Anfang des Jahres nach Ahorn und traten dort die Nachfolge von Manfred und Edith Seemann an.

Ein halbes Jahr ist seither vergangen und die beiden sprühen vor Begeisterung, wenn sie von ihren neuen Aufgaben und Projekten erzählen: Ob Faschingsund Ostertüten für die Kinder, die in den Ferien weder verreisen noch feiern konnten, ein neu ins Leben gerufener Mädelstreff, der Mädchen ab elf Jahren die Möglichkeit gibt, sich ganz ungezwungen mit Freundinnen auszutauschen, der 1. Ahorner Ehrenamtskongress, der am 10. Juli stattfindet, ein prall gefüllter Sommerferienkalender oder eben auch die Gespräche mit einsamen Senioren und Eltern, die in Corona-Zeiten überfordert und gestresst waren. Und die Völkers sind ganz offensichtlich gut angekommen und auch angenommen worden. "Es ist vor allem die generationenübergreifende Arbeit, die so viel Spaß macht und Chancen bereit hält", sagt Oliver Völker und erzählt von einem langen Abendgespräch mit einem 90-Jährigen, der sich nach der zweiten Impfung endlich mal vor die Tür getraut und ihm sein Herz ausgeschüttet hat.

Den Schlupfwinkel in Ahorn noch weiter zu öffnen und die Angebote eines Mehrgenerationenhauses zu schaffen, ist deshalb auch ein Ziel der beiden.

Was Corona angerichtet hat

Die Sozialpädagogen arbeiteten vor ihrer Zeit beim Stadtjugendring auch als Jugendpfleger in Dörfles-Esbach und Untersiemau und sind deshalb mit der Gemeindearbeit vertraut. "Das macht schon viel Spaß und ist ganz anders als beim Stadtjugendring. Das waren halt andere Strukturen. In der Dorfgemeinschaft ist man einfach näher dran an den Familien und auch an den Problemen", sagt die Sozialpädagogin.

Die Auswirkungen von Corona seien enorm. In vielen Begegnungen haben sie die "wahnsinnige Belastung" der Familien gespürt. "Homeoffice hört sich ja schön an, aber für die Familien ist es eine schwere Zeit. Manche Eltern sind echt am Limit", sagt die 41-Jährige. Verzweifelt kamen sie in den "Schlupfwinkel" und baten darum, ihre kleinen Kinder wenigstens zwei oder drei Tage bringen zu dürfen, da sie ihrer Arbeit nicht mehr gerecht werden könnten.

Kinder und Jugendliche übersehen

Die Doppelbelastung, neben dem Beruf und der Versorgung der Familie nun auch noch "Lehrer" zu sein, überforderte viele. "Einige Familien sind auch an die Grenzen ihrer Grundsätze gestoßen. Vor allem was den Medienkonsum der Kinder betrifft. Die saßen dann schon mal ein paar Stunden vor dem Fernseher, damit Mama und Papa in Ruhe arbeiten konnten." Das hätte eine Art Dauerstress bei den Eltern verursacht.

Von den Kindern und Jugendlichen ganz zu schweigen. "Die Kinder sind in eine Rolle reingerutscht, in die sie einfach nicht gehören", sagt Oliver Völker. Gesehen wurden sie nur noch als Schüler, nicht mehr als Kinder mit ihren ureigensten Bedürfnissen. Die Kinder sorgten sich um Oma und Opa - hinsichtlich einer möglichen Ansteckung - statt umgekehrt. Immer nur Abstand und Maske, das habe sich auch beim Osterferienprogramm bemerkbar gemacht. "Die Unbeschwertheit und Leichtigkeit war weg. Ständig haben sich die Kinder gegenseitig aufs Maskentragen hingewiesen." Langsam lernen die Kinder wieder aufeinander zuzugehen.

Noch schlimmer sei es bei Jugendlichen zu beobachten. Sie wurden oft ganz vergessen, weil sie "ja schon groß sind und nicht immer beaufsichtigt werden müssen". Gerade in der Pubertät bräuchten Jugendliche den Austausch mit Gleichaltrigen. Stattdessen saßen sie daheim in ihren Zimmern, Geschwisterzoff und Elternstress ausgeliefert. Ihr Vertrauen zu gewinnen, damit sie sich wieder öffnen und nicht irgendwann in eine Depression verfallen, sei jetzt ganz wichtig. "Ein erster Schritt dahin war das Sportangebot in den Pfingstferien", sagt Christine Völker, die nicht verstehen kann, weshalb Ostern Familien verreisen durften, aber die Kinder der Daheimgebliebenen kein Ferienprogramm nutzen durften. "Sowas macht mich wütend, weil es ungerecht ist."

Im Sommer bietet der Schlupfwinkel Ahorn mit einer großen Anzahl von Ehrenamtlichen "seine Ferieninsel" an. Sechs Wochen voller Gemeinschaft warten da: Kinder und Jugendliche können eine Abenteuer- oder Weltreise machen, Zaubern lernen, im Labor experimentieren oder den Disney-Bösewichten auf die Spur kommen.