Es kommt nicht oft vor, dass ein Opfer auch als Nebenkläger auftritt. Aber die Sachlage bei dem Prozess am Dienstag, bei dem es um einen Angriff gegen den Kopf eines Menschen ging, war eine in mancher Hinsicht ohnehin selten anzufindende.

Rechtsanwalt Jochen Kaller klopfte bei der Prozesseröffnung im Amtsgericht seinem Mandanten aufmunternd auf die Schulter. Dem 22-Jährigen aus dem Raum Burgkunstadt wurde seitens der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, in der Nacht des 12. Januars mit einer Art Schlagstock gegen den Kopf eines 34-jährigen Kulmbachers ausgeholt und getroffen zu haben.

45-Zentimeter-Stock

Der für die Staatsanwalt sprechende Rechtsreferendar Christof Herrmann betonte dabei, dass es sich um einen wohl 45 Zentimeter langen Stock handelte, der eine "mehrere Zentimeter große Kopfwunde" anrichtete. Die Ausführung und die Waffe machten das zu einer gefährlichen Körperverletzung.

Noch am Morgen desselben Tags schien so etwas wie Frieden zwischen den beiden Männern zu herrschen, noch war man eingebunden in einen Familienausflug. Der führte unter anderem samt der Freundinnen der beiden Männer nach Tschechien, wo man Zigaretten zu kaufen beabsichtigte. Doch bald sei es zu einem Streit zwischen der Schwester des 22-Jährigen und ihrem zwölf Jahre älteren Freund gekommen. Er habe mitbekommen, so der angeklagte Mechaniker, wie seine Schwester davon sprach, dass ihr Freund sie um Geld bestohlen habe. An diesem Umstand und der Beobachtung, wonach der Freund seiner Schwester diese geschubst habe, entzündete sich, was in der Nacht um 2 Uhr mit dem Schlag seinen Höhepunkt fand. Dass der Schlag passierte, war allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass der zuvor in mehr oder weniger viel Ruhe des Hauses verwiesene 34-Jährige nach kurzer Zeit wieder zurückkam. Er hatte eigener Aussage zufolge seinen Schlüssel und sein Handy vergessen und sei darum zurückgekehrt.

Reichlich Alkohol geflossen

"Mit voller Kraft war es natürlich nicht (...), mehr so von oben heraus", schilderte der Angeklagte den Vorfall, bei dem er allerdings auch reichlich alkoholisiert gewesen ist. Seine Schwester jedenfalls habe, nach der Hieb erfolgte, den Stock sofort über einen Zaun geworfen, damit nicht mehr passiert. "Ich würde mich so einschätzen, dass ich angetrunken bis betrunken war", erklärte der Angeklagte und setzte dann gegenüber Richterin Daniela Jensch auseinander, dass er Kenntnis davon erlangte, wonach der Freund seiner Schwester auch schon "Spendenboxen geklaut" habe. "Er hat das (Stehlen) ja öfter gemacht."

Im Laufe der Verhandlung sollte allerdings auch herauskommen, dass der entrüstete Bruder selbst schon zu acht Einträgen im Bundeszentralregister gekommen war, einmal wegen des Versuchs der Geldfälschung, wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahls oder Fahrens ohne Führerschein.

Die jeweiligen Rechtsanwälte der Parteien, Jochen Kaller und Werner Brandl, gingen sich in der Verhandlung durchaus mit harten Bandagen an. Kaller bezweifelte die Sinnhaftigkeit des Mandats seines Kollegen, und dieser wiederum warf Kaller vor, das Augenmerk über Gebühr auf die Verfehlungen seines Mandanten zu legen, der doch eigentlich Opfer war.

Doch wie und in welcher Körperhaltung er das geworden ist, war auch noch eine Frage, die von Belang war. Dazu reiste mit einem Universitätsprofessor ein Spezialist der Rechtsmedizin namens Peter Betz an. Zwischen ihm und dem im Zeugenstand aussagenden 34-Jährigen kam es zu unterschiedlichen Meinungen über den Vorgang. Besonders kritisch zeigte sich der Mediziner gegenüber der Version des Opfers, von hinten geschlagen worden zu sein. Dass er geschlagen wurde, war allerdings unumstritten, und insofern sah Herrmann "den Sachverhalt wie in der Anklage in vollem Umfang bestätigt". 18 Monate Haft wollte er dafür als Ahndung verhängt wissen, auf Bewährung zwar, das allerdings auf die Dauer von drei Jahren. Auch sollten 120 Arbeitsstunden abzuleisten sein. Kaller betonte die positive Sozialprognose seines Mandanten, plädierte auf zwei Jahre Bewährungszeit und 1000 Euro Geldauflage. Richterin Daniela Jensch sprach ihr Urteil auf 15 Monate Haft aus. Auf Bewährung zwar und somit flankiert von einer Geldauflage in Höhe von 1000 Euro, aber eben auch von einer zwingenden Bewährungsaufsicht für ein Jahr.