Je näher die Front rückte, desto mehr lagen die Nerven der Verantwortlichen blank. Sogenannte Plünderer, die sich bei Aufräumarbeiten Gegenstände angeeignet hatten, wurden unnachsichtig bestraft, genauso wie der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister von Aachen. Gegen Kriegsende zogen auch Truppen der Wlassow-Armee durch Herzogenaurach.

Abschreckend sollte der Bericht über die Bestrafung von Fremdarbeitern wirken, die bei Aufräumarbeiten im bombengeschädigten Nürnberg herrenlose Gegenstände geplündert hatten. "Wer sich an Bergungsgut vergreift, verdient den Tod", lautete denn auch die Schlagzeile. Nach der Verurteilung zum Tode durch das Sondergericht Nürnberg wegen Plünderns waren am 22. März 1945 fünf Fremdarbeiter hingerichtet worden. Die Verurteilten waren unmittelbar nach einem Luftangriff mit dringenden Bergungsarbeiten beauftragt worden und benutzten die Gelegenheit, um sich schwer erhältliche Gegenstände des täglichen Bedarfs sowie Lebensmittel anzueignen.

Todesurteil in Aachen

Dass der Arm der braunen Machthaber immer noch weit reichte, musste das von den Amerikanern bereits 1944 besetzte Aachen erfahren. "Zur Wahrung der deutschen Ehre. Der vom Feind eingesetzte Bürgermeister von Aachen erschossen", lautete eine Schlagzeile vom 3. April 1945. Opfer war der von den alliierten Militärbehörden als Bürgermeister von Aachen eingesetzte Franz Oppenhof. Sofort nach Antritt seines Amtes "im Solde des verhassten Feindes" war der "treulosen Verräter" Oppenhof durch ein deutsches Gericht "zur Wahrung der deutschen Ehre" zum Tode verurteilt worden. Das Urteil wurde von "deutschen Freiheitskämpfern" durch Erschießen vollstreckt.

Weiter war der Zeitungsmeldung zu entnehmen: "Die Strafe, die den Verräter traf, ist gerecht. Sie zeigt, dass niemand ungestraft sich dem Feinde an den Hals werfen kann, sie zeigt aber auch, wie das anständige Volk denkt, das Volk, das so viel in der Heimat durchzumachen hatte an Leid und Elend, das der gewissenlose Feind mit seinem Bombenterror brachte. Diesem Feind gilt der Hass und nicht erbärmliche Charakterlosigkeit feiger Kreaturen."

Durchzug der Wlassow-Truppen

Am 3. April vermeldete die Presse über den Verlauf der Kämpfe in unserer Region: "Entgegen feindlichen Meldungen, die Verwirrung schaffen wollen, wird von deutscher Seite festgestellt, dass das gesamte Gebiet ostwärts von Aschaffenburg vom Feinde völlig gesäubert ist [...] Die Nachrichten, dass der Feind den Raum um Würzburg oder Nürnberg erreicht hat, sind frei erfunden. Vorgeprellte USA-Panzergruppen im Spessart vernichtet. [...] Wie wir zu dem Kampf im Maintal ostwärts Gemünden ergänzend erfahren, haben unsere Truppen in zügigem Vorgehen das Maintal bis nach Lohr gesäubert, die Stadt durchkämmt und die Reste der zerschlagenen amerikanischen Kampfgruppe in den Spessart zurückgetrieben. 251 Gefangene fielen in unsere Hand. Der Feind verlor 9 Sherman-Panzer, 21 Panzerspähwagen, einen Schützen-Panzerwagen, einen Schwimmpanzer, 5 geländegängige Fahrzeuge und mehrere Lastkraftwagen."

Dadurch war auch für Herzogenaurach der Krieg merklich immer näher gerückt. Eine Herzogenauracherin notierte im April 1945: "Kurz vor Kriegsende sind die [W]lassowtruppen durchgezogen mit ihren Pferden und Planwagen. Über der Straße vor unserem Haus stand eine Linde, unter dieser haben sie ihre Küche und ihr Proviantlager aufgeschlagen; der Leutnant, oder was er war, kam zu uns herein und wollte absolut seine Schreibstube hier einrichten. Wir wehrten uns aber mit Händen und Füßen dagegen, denn sie sahen nicht sehr beruhigend aus, eher verwildert und russenähnlich." Der Küchenchef erhielt jedoch von der Familie Sieber Wasser zum Kaffeekochen, aber die Familie war froh, als die Truppen wieder abzogen.

Eine andere Herzogenauracherin hielt dagegen schriftlich fest: "Am 5. April [1945] früh ½2 Uhr fünf Minuten langes Sirenengeheul, welches wir überhört haben. Aber unsere Mitbewohner haben uns geweckt. Man hörte keinen Flieger & so dachten wir, muss etwas anderes los sein. Dann erfuhren wir, dass in Kitzingen einige Panzer durchgebrochen sind. Aber bis zu uns ist doch noch ein Stückchen weg. Wir waren 1½ Std. auf, gingen dann wieder schlafen. Anderen Tags erfuhr man, dass sie vernichtet wurden."

Am 9. April bekamen die Herzogenauracher Leser keine Tageszeitung mehr. In der Aurachstadt war die "Bayerische Ostmark", die für unsere Region in Forchheim gedruckt wurde, und die "Erlanger Neueste Nachrichten" verbreitet, die amtliches Organ der NSDAP und Amtsblatt aller Behörden waren. Vermutlich lag es am Transportweg, denn die Eisenbahngleise waren vielfach demoliert. Die "Erlanger Neuesten Nachrichten" stellten erst am 14. April 1945 ihr Erscheinen vollkommen ein, zwei Tage vor dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen.

Normalität vorgetäuscht

Es gehörte zur Vortäuschung von Normalität, dass eine Zeitung erschien, auch wenn sie nur noch vier Seiten hatte. Dieser "Luxus" ließ sich bis kurz vor Ende tatsächlich durchhalten. Vermutlich auch deshalb, weil die NS-Propaganda ein Medium brauchte, um die Einwohner weiterhin mit Durchhalteparolen und Propaganda versorgen zu können.

Die Lebensmittelzuteilungen der 74. Versorgungsperiode für Erlangen geben aber auch einen Einblick in die Versorgungslage Herzogenaurachs. Aus heutiger Sicht erscheint es absurd, dass die Woche ab 23. April 1945 berücksichtigt wurde. Erlangen und Herzogenaurach wurden am gleichen Tag, nämlich am 16. April 1945, von den Amerikanern eingenommen. Als Beispiel soll die Lebensmittelration für Erwachsene über 18 Jahren betrachtet werden. Gültig waren die Lebensmittelkarten Nr. 74. In der Woche ab 9. April erhielten Teilselbstversorger, Erwachsene über 18 Jahren: 50 Gramm Fleisch, 500 Gramm Brot, 150 Gramm Nährmittel, 375 Gramm Zucker, 62,5 Gramm Käse, 125 Gramm Quark und 100 Gramm Kaffee-Ersatz. Schwerarbeiter und Schwerstarbeiter erhielten Zulagen bei Fleisch, Fett und Brot.