Sigismund von Dobschütz

Nach zweijähriger Pause erschien mit "Olympia" der achte Band der historischen Krimireihe von Volker Kutscher (58) um den inzwischen zum Oberkommissar beförderten Gereon Rath, die vor 13 Jahren mit "Der nasse Fisch" im Berlin des Jahres 1929 begann. Von Band zu Band, deren chronologische Lektüre zu empfehlen ist, zeigt Kutscher in atmosphärischer Dichte und zunehmend beängstigend die schleichende politische und damit einhergehende gesellschaftliche Veränderung durch die Nazis in der einst so lebensfrohen Reichshauptstadt. In Kutschers achtem Band "Olympia" sind wir im Jahr 1936 angelangt, dem Jahr der Sommerolympiade in Berlin. Die Stadt ist festlich geschmückt, alle Nazi-Parolen und Zeichen antisemitischer Hetze und Diskriminierung sind verschwunden. Die Stadt "täuschte eine Weltoffenheit vor, die [ihr] in den letzten Jahren abhandengekommen war". Doch während die bunte Kulisse die Weltöffentlichkeit zu täuschen versucht, verfängt sich Gereon Rath, ein vom SS-Obersturmbannführer Sebastian Tornow erpresster "Kriminalbeamter vom alten Schlage", immer tiefer in den Machenschaften der Staatspolizei. Um nicht behelligt zu werden und sich einen kläglichen Rest persönlicher Freiheit zu wahren, spielt Rath das gehorsame, sich in sein Schicksal fügendes Werkzeug des NS-Sicherheitsdienstes, während Ehefrau Charlotte, "die sturste Frau des Universums", ohne Gereons Wissen Fluchtwilligen zur Ausreise verhilft. Beide gelten als politisch unzuverlässig, weshalb sie ihren Pflegesohn, den 15-jährigen Fritze, an den SA-Funktionär Rademann abgeben mussten. Fritze, begeistert von der Hitlerjugend, ist als Mitglied des Jungehrendienstes im Olympischen Dorf zur Betreuung amerikanischer Sportler eingeteilt. Ausgerechnet dort muss nun Gereon Rath, zu dem Fritze keinen Kontakt aufnehmen darf, in einem Mordfall ermitteln: Der US-Funktionär Walter Morgan wurde vergiftet.

Wieder ist es diese Authentizität seines Romans, die Volker Kutschers "Olympia" von anderen Autoren spürbar abhebt. Als Leser wird man in die Handlung förmlich reingezogen und vermag man sich der beängstigenden und bedrohlichen Atmosphäre kaum zu entziehen. Man durchlebt mit den Protagonisten deren Alltag, fühlt und leidet mit ihnen, lernt Regime-Mitläufer zu verstehen, skrupellose Nazis zu verachten, fürchtet um das Leben Unschuldiger - und vergisst fast, dass diese Zeit zum Glück schon Jahrzehnte zurückliegt. "Olympia" ist zweifellos - sowohl inhaltlich als auch in seiner Dramatik - ein Höhepunkt dieser ohnehin schon besonderen Krimireihe. Dieser Band könnte sogar das ergreifende Finale sein. Doch Volker Kutscher hat uns zehn Bände versprochen. Da fragt man sich, was denn jetzt noch kommen kann.