Michael Schwital Wenn der gebürtige Moskowiter Wladimir Kaminer unlängst im Hallstadter Kulturboden vom "Imperium des Bösen" spricht, lässt er tiefer blicken, da mit gar so leichter Zunge dahingesagt. Trotz allem war die Sowjetunion tagtägliche Heimat von fast 300 Millionen Menschen. Gleiches gilt übrigens für die DDR, in die Kaminer im Juni 1990 als Asylbewerber kam. Der 51-jährige Schriftsteller und deutsche Staatsbürger lebt mit seiner Familie in Berlin und einem Dorf in Brandenburg.

Wenn Kaminer in Hallstadt locker, wortgewandt und -reich erzählt, dass er selbst auf einer karibischen Insel sofort als Russe erkannt werde, ohne überhaupt den Mund aufgemacht zu haben oder die obligatorische dicke Goldkette um den Hals zu tragen, weiß er wohl, dass alles Mühen ums Ankommen in einer neuen Gesellschaft hart ist, wahres Heimatgefühl aber etwas anderes ausmacht.

Egal: Wer ihn reden hört, lauscht einem Weltbürger. "Die Kreuzfahrer" heißt sein aktuelles Buch. In den Gesprächen an den Bars der Touristenpötte "trifft Endzeitstimmung auf Partystimmung", erklärt Kaminer. "Stößchen!" Seine Geschichten machten "das Leben erträglicher, angenehmer", erfährt Kaminer in der Pause von einem angetanen Zuhörer.

"Glauben Sie, wir haben eine Chance, die Menschheit hat eine Zukunft?", meint dazu der Autor unvermittelt ernst beim Signieren seiner Bücher. "Sie haben doch auch Kinder", reagiert der Gast der Lesung. Händeschütteln. Der Verstand mag Nein, das Herz jedoch muss Ja sagen. Ob Umwelt, Flüchtlinge, soziale Ungerechtigkeit oder Nationalisten: Wenn uns jetzt auch noch Glaube und Hoffnung verlassen, ist alles zu spät. Ein bisschen Partystimmung darf schon noch sein. "Stößchen, Towarischtsch Kaminer!"