"Das ist meine Welt!" Raimund Göhlich strahlt und seine Augen leuchten. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt ein dicker Ordner mit wahren Raritäten: Seine Autogramm- und Eintrittskarten von Konzerten aus den vergangenen über 45 Jahren.

Rückblick: Als zweijähriges Kind ist Raimund immer begeistert vor den Musikboxen gestanden, die es in den Gaststätten gegeben hat, und hat "getanzt". Das hätten ihm zumindest seine Eltern immer wieder erzählt, sagt er. Dann wird er älter, ein Schüler. Als 15-Jähriger erwachte die Leidenschaft, Konzerte zu besuchen. Das Angebot in den 1970er Jahren war im Landkreis Lichtenfels noch sehr groß. Anders als heute, wo man echte Größen "erst ab Nürnberg oder Hof"" findet, waren hier noch Auftritte von BAP (Lichtenfels), Santana (Staffelstein) oder Grönemeyer in Altenkunstadt. Sweet trat in der Stadthalle in Burgkunstadt auf (1973/Raimunds erste Konzert), die Rockbands Scorpions und Omega spielten im Lichtenfelser Bergschloss (1975)  - und Raimund Göhlich war immer mit dabei.  "Unsere Mutter ist gefahren und hat uns auch wieder abgeholt", erinnert er sich an diese Zeit. Damals wohnte die Familie noch in Hochstadt.

Die Tickets waren zu dieser Zeit relativ günstig. Mit 18 machte Raimund den Kfz-Führerschein, und ein Jahr später war es ein ockerfarbener Simca, der ihn und seinen Bruder Oliver stets sicher zu den Konzerten brachte.

280 verschiedene Bands und Solisten

Zeitsprung ins Jahr 2021: Raimund Göhlich wohnt längst in Bad Staffelstein, er ist knapp 63 Jahre alt und hat vor, nächstes Jahr in den Ruhestand zu gehen. Die gesammelten Eintrittskarten hat er eingescannt und auf optimale Größe für den dicken Ordner gebracht, die Konzertbesuche sind chronologisch vermerkt. 280 verschiedene Bands und Solisten hat er auf 289 Musikveranstaltungen besucht, von Lichtenfels bis Berlin, von Stuttgart bis München. Mit dem Alter nahm auch der Mut zu. "Ich hab mich dann sogar getraut, die Musiker anzusprechen und um Autogramme zu bitten."

Manchmal gar nicht so einfach - auch vor 40 Jahren gab es schon Security. Meist aber war er erfolgreich. Im Obergeschoss zieren Autogrammkarten viele Wände: Uriah Heep und Scorpions, Saga, Toto, Foreigner und viele mehr unterschrieben extra für ihn. Ian Paice, der  Schlagzeuger von Deep Purple schenkte ihm gar die beiden Drumsticks mit Unterschrift. Von der deutschen Band Scorpions holte er sich nicht nur ein Autogramm, sondern auch den Tipp, dass die Musiker nach dem Konzert im Bergschloss auf einen "Drink" in die damalige Diskothek "Mississippi" gehen würden. Klar, dass Raimund auch da "zufällig" auftauchte.

Dann erinnert sich Göhlich an das denkwürdige Jahr 1999: Im Januar erlitt er einen schweren Unfall, wurde, während er bei einem Unfall auf spiegelglatter Straße in der Nähe von Hof Erste Hilfe leistete, schlichtweg überfahren. Göhlich brauchte viele Monate, um wieder auf die Beine zu kommen. Konzertbesuche waren nicht möglich. Bis zum September. Die Rockband Great White hatte einen Auftritt in Nürnberg und bot ihm einen Platz backstage an: "Die Jungs haben wohl gesehen, dass ich mich mit meinen zwei Krücken quäle, und  haben mir einen Platz direkt ganz vorne neben der Bühne angeboten.  Schöne Geste." Ganz besonders toll war für ihn der 13. Februar 2015: Queen spielte in Stuttgart. Zwar ohne Freddy Mercury, aber mit einer fantastischen Vorstellung. Göhlich gelang es, selbst Fotos während des Konzerts zu machen. Meist sei das nicht erlaubt, sagt er jetzt im Nachhinein, Glück gehabt.

Zu vielen seiner Lieblingssbands reiste er öfter: achtmal zu Blue Oyster Cult und Jethro Tull, neunmal zu Kansas, zwölf mal zu Manfred Mann's Earth Band, 13-mal zu Saga und stolze 15-mal zu Deep Purple. Da sind im Laufe der Jahre ganz schöne Mengen an Ticketkosten zusammengekommen. Er kommt auf 6500 Euro. Nostalgisch sind auch die Ticketpreise: 13 DM für Udo Lindenberg, als er 1975 in Hof gespielt hat - oder zwölf Mark Eintritt für Status Quo, das war ein Jahr später. Schon schwelgt er wieder in Erinnerungen. Seine Frau Ljuba schmunzelt, sie freut sich über das Hobby ihres Mannes. Und nächstes Jahr im Ruhestand wird er dafür noch mehr Zeit haben.

Vielleicht klappt es ja auch im nächsten Jahr mit dem Ticket, das seit 2019 über seinem Schreibtisch hängt und das noch nicht benutzt werden konnte. "Zweimal schon ist das Konzert ausgefallen und verschoben worden: Ozzy Osborne  mit Vorgruppe Judas Priest  - mal schauen, wann es endlich stattfinden kann". Sein letzter Konzertbesuch war schließlich schon 2019, als Glenn Hughes nach Wunsiedel kam.