Von Anfang an lag eine Drohung über dem Verfahren im Saal 14 des Amtsgerichts. Denn wenn der 31-jährige Lichtenfelser Facharbeiter verurteilt würde, dann sähe es mit Bewährung schlecht aus. Auch Staatsanwalt Daniel Killinger gab während der Verhandlung zu verstehen, dass Nachsicht seine Grenzen hat. Es ging um Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und darum, abzuwägen, ob Strafe zur Sühne oder zur Erziehung angebracht sei.

Der 15. September 2019 war ein Korbmarkttag und an diesem ging der Lichtenfelser nachts um 1.55 Uhr vom Korbmarkt in eine unweit gelegene Kneipe. Dort soll es mit oder durch ihn schon zehn Minuten später zu einem Streit gekommen sein, der Anlass genug für ein Herbeieilen der Polizei war. Doch statt eine Ausweiskontrolle über sich ergehen zu lassen, habe sich der junge Mann verbal mit den Polizisten angelegt. "Was willst du, verpiss' dich!", so habe ein Satz gelautet, den er für einen Beamten übrig hatte. Ein anderer zeugte von Ungeduld. "Nachdem ich zehn, zwanzig Sekunden seinen Pass in Händen hatte, sagte er: Gib mir meinen Ausweis wieder, du Wichser, oder kannst du nicht lesen", so der in den Zeugenstand geladene 27-jährige Polizist. Doch der Mann erinnerte sich am Dienstag noch an viel mehr.

Irgendwann sei er auch tätlich angegangen worden, irgendwann sei er aber dessen und der Beleidigungen überdrüssig gewesen und habe den Kneipengast in den Schwitzkasten genommen. Bald seien weitere Beamte dazugestoßen und die habe der Abzuführende sämtlich lautstark mit Beleidigungen bedacht. Vor allem Polizistinnen hätten sich ordinärste Herabwürdigungen anhören dürfen und alle zusammen letztlich eine Drohung: "Ich kaufe mir eine Waffe im Darknet und bring euch alle um!" Insgesamt dauerte die Schilderung all dieser Beleidigungen, die der Polizist im Zeugenstand nach Anklageverlesung durch Staatsanwalt Daniel Killinger vortrug, mehrere Minuten. Dann folgten Aussagen darüber, dass der Angeklagte sich steif gemacht habe, um nicht auf die Wache gebracht werden zu können. Als dies aber doch gelang, habe er im Polizeiauto die Beamten und Beamtinnen bespuckt.

Den Gipfel der Schilderungen bot die Aussage, wonach der ins Präsidium verbrachte Mann mit einer Decke die Gefängnistoilette verstopft und dann gespült habe."Ich schäme mich für die ganzen Sachen, die ich da losgelassen habe. Als ich die Anklage las, konnte ich es selbst nicht fassen." Das waren die Worte des ruhig und gefasst wirkenden jungen Mannes, der während der Verhandlung auch darauf verwies, den Beamten von einst einen Entschuldigungsbrief geschrieben zu haben. Einer dieser Beamten sollte sich diesbezüglich während der Verhandlung auch verzeihend zeigen. "Alles gut", so der Mann. Doch was steckte hinter dem Ausrasten?

Massiver Alkoholkonsum

Es war der Alkoholkonsum - und der war es massiv. Der Mann rechnete vor: "Drei Gläser Bowle, so 0,3 Liter, dann zwei Bier und zu dritt etwa 20 Gurkenschnäpse." Eigentlich, so der Angeklagte, sei er in der Kneipe mit einem anderen Gast ins Gehege gekommen. Das habe die Polizei unterbunden. Doch dieser Gast war auch als Zeuge geladen und zeigte keinerlei Belastungseifer. Allerdings zeigte auch er wenig Erinnerungen an den Vorfall.

"Wie es halt so ist. Es wird getrunken, da hat sich wohl etwas aufgeschaukelt und mehr weiß ich auch nicht mehr." Staatsanwalt Killinger hatte jetzt ein Problem. Wie sollte er auf die Anfrage reagieren, sich zu dem Vorfall für eine Bewährungsstrafe auszusprechen. Hintergrund war, dass der junge Mann schon mehrfach mit dem Gesetz in Berührung kam, dass er sogar schon hafterfahren war. Besonders in einem Zeitraum von sieben Jahren sammelte er diesbezüglich etwas an. Jetzt begann ein Ringen um die Zukunft des Mannes.

Schwere private Situation

Er selbst erzählte von seiner beruflichen und privaten Situation, davon, dass er damals unter dem Eindruck privater Vorfälle stand. So sei der Vater schwer erkrankt und seine Lebensgefährtin habe ihm das Kind entzogen. Auch gab er zu, dass sich von Zeit zu Zeit Symptome einer psychischen Erkrankung bei ihm zeigten. Dass sein Mandant einer Begutachtung und keiner Haftstrafe bedürfe, dafür sprach sich Rechtsanwalt Roland Kestel aus. Und er brach noch mehrere Lanzen für ihn."Ich habe auch erst gedacht, als ich die Akten zu ihm bekommen habe: Das ist doch ein Rindvieh!" Aber mittlerweile muss ich sagen: Das ist ein feiner Kerl." Wovon sich der Mann so beeindruckt zeigte, war der Umstand, dass sein Mandant seine eigenen Süchte auch dann noch aktiv anging, als man ihm erklärte, dass dazu geeignete Einrichtungen voll seien. So habe er sich von seiner Betäubungsmittelsucht gelöst und selbst vom Alkohol. Nur habe er damals durch die genannten Umstände einen Rückfall erlitten, sei nun aber in Lohn und Brot und habe sogar eine neue Liebe gefunden.

Fazit: Ohne Alkohol gebe es auch keinen Anlass, kommende Ausraster zu befürchten. Doch wie würde das Gericht entscheiden? Denn: "Danach (nach Aussprechen einer Haftstrafe ohne Bewährung, Anm. d. Red.) ist gewiss alles im Eimer", fürchtete Kestel. Er sprach sich dafür aus, die Bedrohung aus der Anklage zu streichen, weil diese möglicherweise missverständlich geäußert und verstanden worden sei.

Bewährung unmöglich?

"So leid es mir auch tut, ich darf hier nicht emotional werden, ich kann es auch nicht vertreten, Bewährung zu beantragen", erklärte ein sichtlich mit sich ringender Staatsanwalt. Es sei "schlichtweg unmöglich, einem rechtstreuen Bürger ein Urteil mit Bewährung zu erklären", fügte er noch an. Ein Jahr und neun Monate Haft sollte Killinger fordern - ohne Bewährung. Für ein Jahr und sechs Monate plädierte Kestel, auf Bewährung und mit allerlei Auflagen.

Richterin Daniela Jensch nahm sich Zeit zur Urteilsfindung. Anspannung im Gesicht des Angeklagten und auch bei der Lebensgefährtin, die ebenfalls im Gerichtssaal saß. Würde es ins Gefängnis gehen oder eine Chance bekommen? "Ein Jahr und neun Monate Haft", sprach Jensch aus. Aufatmen war zu hören, als das Wort Bewährung fiel. Doch Auflagen dazu sind viele. Vier Jahre Bewährungszeit unter Aufsicht, außerdem 1000 Euro Geldauflage.