Michael Busch In einem Herzogenauracher Seniorenheim sitzt momentan eine 93 Jahre alte Frau und weiß nicht, wie es weitergeht. Dabei hatte sie alles so schön geplant. Fast 350 000 Euro befanden sich auf diversen Konten, um ihren Lebensabend zu sichern. Die kleine Wohnung im Seniorenheim kostet Geld, ein kleines Vermögen, sagt der eine oder andere. Gespart, um anderen nicht zur Last zu fallen, gespart, um sich einen Lebensabschnitt so schön wie möglich zu gestalten.

Doch daraus wird wohl nichts: Die alte Dame ist mittellos. Das Vertrauen in die eigene Verwandtschaft hat sie dahin geführt. Kein Enkeltrick, vor dem die Polizei immer wieder warnt. Keine Fremden, die sich über sie bereichern wollten. Es war der eigene Neffe, der ebenso wie sie auch in Herzogenaurach wohnt. Ein an sich verträglicher Kerl, "Kein typischer Krimineller", musste selbst die Staatsanwältin bei ihrem Plädoyer zugeben.

Fassungslosigkeit im Saal

Ein Schöffengericht unter dem Vorsitz von Wolfgang Gallasch am Erlanger Amtsgericht hatte die Schuld- und Straffrage zu klären. Die Herzogenauracher Seniorin war nicht im Gerichtssaal, ihr Anwalt beobachtete den Prozess. "Meine Mandantin ist bei klarem Verstand", äußerte der am Rande der Verhandlung, "aber sie ist fassungslos." Das waren auch die Zuhörer im Saal bei der Verlesung der Anklage.

Der Haustechniker, geschieden, ein 15-jähriges Kind, das noch zur Schule geht, hatte offensichtlich einen guten Kontakt zu seiner Tante. Denn diese vertraut ihm, so sehr, dass sie ihm die Verwaltung des Ersparten übergibt. Letztlich zur Aufbewahrung, mit der Möglichkeit, darauf auch immer wieder zurückgreifen zu können.

Die beträchtlichen Summen ließen den Mann allerdings gedanklich durchdrehen. Bisher unbescholten bedient er sich zunächst mit 50 000 Euro. Die Idee, was er mit dem Geld machen wollte, ist keine neue. Aber er scheiterte wie so viele vor ihm. Er wollte es einfach nur vermehren. Er war sich sicher, dass dies an der Börse, später auch im Spielcasino, der einfachste Weg sei. Das erste teure Lehrgeld reichte allerdings nicht aus, den Mann zu stoppen. Um das verzockte Geld wieder zurück in die Einlagen führen zu können, gab es einen weiteren, deutlicheren Griff auf ein Konto. 180 000 Euro auf einen Schlag. Das passierte aufgrund der Erfolgslosigkeit des Geldvermehrens noch weitere vier Male. Über 350 000 Euro habe er sich auf diesem Wege ergaunert, erklärt die Staatsanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage.

Bevor es zu einer Zeugenvernehmung kam, ging es für die Prozessvertreter erst einmal ins Nebenzimmer. Eine Verständigung sollte herbeigeführt werden. Diese ist im Strafverfahren im deutschen Strafprozess eine Verfahrensweise, bei welcher sich das Gericht mit den Verfahrensbeteiligten über den weiteren Fortgang und das Ergebnis des Verfahrens verständigt. Sie ist gesetzlich in der Strafprozessordnung (§ 257c) geregelt. Häufigster Anwendungsfall ist die Einigung über das zu erwartende Strafmaß für den Fall eines Geständnisses.

Und genau das verkündete Gallasch dann auch am Ende der Besprechungszeit: "Bei einem umfassenden und von Reue getragenen Geständnis wird sich das Strafmaß zwischen drei Jahren und drei Jahren und sechs Monaten bewegen." Angesichts einer möglichen Gefängnisstrafe bis zu zehn Jahren eine deutliche Ansage. Diese Verfahrensweise ist auch keinerlei "Kuhhandel", da dieses Vorgehen massive Vorteile mit sich bringe. Unter anderem zählte Gallasch auf, dass neben der Verkürzung des Prozesses, und damit auch der Reduzierung der Kosten, vor allem die Entlastung der möglichen Zeugen stehe. "Sie haben mit diesem Geständnis", setzte der Richter nach dem erfolgten Beitrag des Angeklagten und dessen Rechtsanwalt an, "eine aufwendige Beweisaufnahme erspart. Auch, dass die 93-Jährige nicht in den Zeugenstand muss, was sicher eine Entlastung ist."

Die Plädoyers der Staatsanwältin und der Rechtsvertreter beschränkten sich letztlich auf die zuvor getroffene Abmachung. Lediglich beim Strafmaß wollte die Staatsvertreterin den oberen Rand der Abmachung sehen, die Verteidiger die untere Grenze. "Wir haben uns auf die Mitte geeinigt, was nicht wirklich überraschend sein dürfte", sagte Gallasch bei der Verkündung des Urteils von drei Jahren und drei Monaten.

Guter Wille, aber kein Weg

Bei der Urteilsverkündung gab es noch ein paar Zusätze: "Wir nehmen Ihnen ab, dass es Ihnen jetzt leid tut. Wir hätten über einen ganz anderen Strafrahmen gesprochen, wenn Sie den Schaden hätten begleichen können." Das hatte der reuige Sünder in seinen Ausführungen angesprochen. "Ich habe echt Scheiße gebaut, aber ich werde Geld zurückzahlen."

Bereits in der Untersuchungshaft habe er gearbeitet und verdiene Geld. In der Haft will er dies auch weiterhin tun. Privat hat er allerdings Insolvenz angemeldet, er muss die Schulden Stück für Stück abtragen.

Der Richter macht dem bisher unbescholtenen Bürger noch Mut: "Sie werden vermutlich in Bayreuth einfahren. Wenn Sie sich anständig aufführen, gibt es eine Zwei-Drittel-Regelung. Sie werden bei Anrechnung der Untersuchungshaft etwa 26 Monate verbüßen, der Rest der Strafe wird dann auf Bewährung ausgesetzt."

In einem Herzogenauracher Seniorenheim sitzt momentan eine 93 Jahre alte Frau und weiß nicht, wie es weiter geht. Sie kann nur den Kopf schütteln. In ihrem Seniorenheim wird umgebaut. Neuere, modernere Wohnungen, dem Alter entsprechend. Sie wird wahrscheinlich nicht mit umziehen, denn sie hat kein Geld dafür. Die eventuellen Rückzahlungen werden da nicht weiterhelfen, im Knast wird nicht mal Mindestlohn bezahlt. Sie ist 93 und den Lebensabend hat sie sich anders vorgestellt.