Auf diese Verhandlung hatte der Angeklagte keine Lust. Eine heikle Sache. Es war ihm peinlich. Ihm wurde vorgeworfen, Videos vom Sex mit seiner Freundin ins Netz gestellt zu haben. Der junge Mann zog es vor, zu Hause zu bleiben. Also schickte Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner ein Polizei-Taxi los, das dem 20-Jährigen eine Extra-Einladung überbrachte. Der Prozess vor dem Jugendrichter begann mit zwei Stunden Verspätung.

Der Angeklagte murmelte etwas von "Nachtschicht" und "verschlafen", nachdem ihn die Polizeistreife im Gerichtsgebäude abgeliefert hatte. Dann musste sich der Auszubildende, der ohne Verteidiger erschienen war, die Anklage anhören. "Schon heftig", meinte Staatsanwalt Stefan Hoffmann und schilderte, was im vergangenen Herbst passiert sein soll.

"Größte Schlampe der Welt"

Laut Staatsanwalt setzte der Angeklagte seine damalige Freundin unter Druck, ihm die Passwörter zu ihren Accounts in verschiedenen Sozialen Medien zu geben. Was sie auch tat. Dann filmte er die junge Frau ohne deren Wissen beim gemeinsamen Geschlechtsverkehr und stellte das Video bei Snapchat und Instagram ins Netz. Später veröffentlichte er ein weiteres Nacktvideo bei Facebook und drohte, das Filmchen auch dem Arbeitgeber der Freundin zu schicken. Mit deren Handy rief er eine zweite Jugendliche an, die er als "kleine Hure" und "größte Schlampe der Welt" beleidigte. Weiter drohte er: "Ich stech deine ganze Familie ab und dich gleich mit."

Die Videos, erklärte Hoffmann, waren für den Bekannten- und Freundeskreis sichtbar. "Eine unglaublich schlimme Sache für die junge Frau", sagte der Staatsanwalt. Der Angeklagte habe "in den intimsten Bereich eingegriffen" und "das Vertrauensverhältnis komplett missbraucht". Dazu noch die Schimpftirade mit allen möglichen Beleidigungen, die man sich vorstellen kann. "Was hier geschehen ist, war äußerst dramatisch." Zudem seien die zwei Geschädigten noch keine 18 Jahre alt gewesen.

Ein Rachefeldzug?

Der Angeklagte erklärte, dass das Video einvernehmlich aufgenommen wurde. "Sie hat gewusst, dass sie gefilmt wurde, und hatte nichts dagegen." Wer das Video im Netz eingestellt hat, wisse er nicht. Er könne sich auch nicht mehr an alles erinnern: "Wir standen damals beide unter Drogen." Dass er sich jetzt vor Gericht verantworten müsse, führte der Mann auf einen Rachefeldzug seiner Ex-Freundin zurück. "Es war die schlimmste Beziehung, die ich je hatte." Heute gebe es keinen Kontakt mehr.

Die Angaben des Angeklagten überzeugten Richter und Staatsanwalt nicht. "Es ergibt keinen Sinn, was Sie hier sagen. Ganz so, wie Sie es erzählen, glaube ich Ihnen nicht", betonte der Anklagevertreter. Wenn etwas am Tatvorwurf dran ist, wäre es sinnvoll, ein Geständnis abzulegen. Es wirke sich auf die Strafzumessung aus, wenn beiden Geschädigten die unangenehme Befragung vor Gericht erspart bleibt.

Doch noch ein Geständnis

Die eindringliche Ermahnung und ein Gespräch mit Stefan Fürst von der Jugendgerichtshilfe verfehlten ihre Wirkung nicht. "Ja, es stimmt alles", sagte der junge Mann nach einer kurzen Sitzungspause. Es sei damals für ihn "keine gute Zeit" gewesen. Er sei "auf Ecstasy" gewesen, einer synthetischen Droge, die bei ihm erhebliche Wirkungen auslöste: "Ich bin ausgerastet, das macht einen total wirr im Kopf." Er sei schließlich von der Polizei ins Bezirkskrankenhaus gebracht worden, wo er zwei Wochen bleiben musste.

Auf die Frage des Richters, wie es aktuell mit dem Drogenkonsum ausschaue, sagte der Angeklagte: "Nichts mehr, komplett aufgehört." Nach dem Geständnis verzichtete das Gericht auf sämtliche Zeugen.

Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe erklärte, dass der 20-jährige mit dem Drogenkonsum Abstand von seiner belastenden familiären Situation gewinnen wollte. Alkoholexzesse seien keine Seltenheit gewesen. Fürst sprach sich dafür aus, Jugendstrafrecht anzuwenden und dem Heranwachsenden Hilfestellungen durch Suchtberatung und Lebensberatung zu geben.

Der Staatsanwalt plädierte für eine Geldauflage von 1000 Euro. Dabei habe er die damals schwierige Lebenssituation und besonders das Geständnis berücksichtigt: "Zum Glück haben Sie die Kurve bekommen. Das war gut für Sie und für die Geschädigte."

Künftig eine härtere Strafe

Das Gericht sprach den 20-Jährigen schuldig wegen Herstellens und Verbreitens jugendpornografischer Schriften in zwei Fällen sowie wegen Nötigung, Bedrohung und Beleidigung. Er muss eine Geldauflage von 500 Euro bezahlen sowie bei der Suchtberatung vorsprechen.

"Das soll Sie für die Gefahren der Drogen sensibilisieren", sagte der Jugendrichter. Weiter erfolgte die Weisung, an einer Beratung beim Caritasverband teilzunehmen. "Im persönlichen Bereich gibt es bei Ihnen viel zu besprechen", meinte Berner und warnte den Angeklagten, weitere Straftaten zu begehen: "Wenn Sie 21 sind, gilt das Erwachsenenstrafrecht. Dann trifft Sie die ganze Härte des Gesetzes."