Neulich saß ich mit einem Freund beim Bierchen, und in herbstlich trüber Stimmung kam irgendwie die Frage auf, welche Träume man eigentlich noch im Leben hat und wohin es die Seele in unserem Alter noch verschlägt.

Es müssen ja vielleicht noch nicht mal große Träume mehr sein, nur eben ein bisschen Sternenstaub zu späterem Erinnern. So ist das, wenn zwei Männer kurz vor Lokalschluss an der Theke sitzen. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, das Leben mit 50 ja auch schon irgendwie und in unseren Gläsern ging auch einiges zur Neige.

Um das Gespräch ein bisschen in Gang zu halten, erzählte ich meinem Kumpel von der Dokumentation, die ich letztens gesehen habe. Sie drehte sich um St. Helena und dass auf dieser Insel geradezu paradiesische Zustände herrschen, denn es gibt dort kaum Internet und nur schlechten Handy-Empfang. Dafür gibt es Buchten und Täler, unterschiedliche Vegetation, freundliche Einwohner und sogar noch eine Videothek, die vom Besitzer jüngst gestrichen worden sei. Dann und wann kommt das Postschiff vorbei, ganz wie zu Napoleons Zeiten.

Dort, an diesem von der Hypermoderne verschonten Ort, würde ich gerne für eine Weile leben, mit all meinen Büchern und Filmen und Schallplatten. Ich würde lesen und wandern und hätte eine Stammkneipe. Oder zwei. Mit dieser Schilderung ging ich quasi erzählend in Vorleistung und erteilte das Wort meinen in sein Glas stierenden Kumpel. Er dachte lange darüber nach, was sein Traum sein könnte und ob er überhaupt noch einen hat. Mein Kumpel hat's ja so ein bisschen mit Garten und Eisenbahn, insbesondere mit Modelleisenbahnen. Noch lange stierte er in sein Glas und es wollte mir schon scheinen, als ob dieser Mann um die 50 vielleicht gar keine Träume mehr hat und das wäre sehr traurig. Doch dann sah ich ihn plötzlich schmunzeln und er begann von seinem Garten und der Eisenbahn zu erzählen. "Ich würde eine Gartenmodellbahn haben wollen, und sie würde durch den Garten fahren. Vorbei an den Rosensträuchern, vorbei an dem Brunnen. Ich würde in der Sonne auf der Terrasse sitzen und ihr dabei zusehen, wie sie gemächlich Schleifen fährt ... um die Gräber meiner Ex-Frau, ihres Scheidungsanwalts und unserer damaligen gemeinsamen Freundin, die dann zu ihr übergelaufen ist und mich für sie aushorchte." Tja, wie gesagt, es müssen wirklich keine großen Träume mehr sein, manchmal reichen ja auch schon solch ganz bescheidene.