Bisher hatte ich an Coburg nix auszusetzen. Ich dachte immer, das ist ne schöne Stadt, die hat viele Millionäre und hübsche Villen. Ich hab' mich auch immer über das Lichtenfelser Genöle gewundert, das an Theken und Stammtischen losbricht, sobald die Rede auf Coburg kam.

Aber seit vergangener Woche nöle ich jetzt mit. Ich habe auch allen Grund dazu, weil die Stadt mich ordentlich in die falsche Richtung geschickt hat. Im Grunde begann alles mit meinem Backenzahn, der 26 hinten links. Molar heißt das Biest und sein Job ist es, das, was sein Kollege Schneidezahn abbeißt, schön zu zermahlen. Aber er hat seinen Job nicht mehr so richtig erledigt, und so musste ich mal wieder zu meinem Zahnarzt. Der aber hantiert in einem Coburger Stadtteil.

So fuhr ich mit der Bahn nach Coburg und erkundigte mich am Busbahnhof danach, mit welcher Linie ich in diesen Stadtteil gerate. "Mit der 4", erzählte mir ein gerade abfahrender Busfahrer durch sein Fenster rufend. Und da sah ich auch schon einen Bus mit dicker 4 über dem Fahrersitz in den Busbahnhof eintrudeln. Ich sprang hurtig hinzu, sagte dem Fahrer mein Ziel und er verkaufte mir freundlich ein Ticket. Ja, so stieg ich ein und freute mich, dass ich meinen 10-Uhr-Termin locker würde einhalten können. Nun fuhr der Bus los und hui, dachte ich mir, der fährt ja in eine ganz interessante Richtung, jetzt kriegst du auch noch eine große Stadtrundfahrt.

Aber irgendwann hinter der Veste war mir die Sache nicht mehr so ganz geheuer, weil mit der Zeit mehr und mehr Menschen ausstiegen und ich als letzter im Bus saß. Abgesehen davon lag mein Zielpunkt in der völlig entgegengesetzten Richtung. Endgültig stutzig wurde ich, als der Busfahrer den Bus bei der HUK-Arena abstellte, dort, wo die Handballer gerade wieder dabei sind, in die 1. Bundesliga aufzusteigen. Es war kurz vor 10 Uhr und so ziemlich am anderen Ende der Stadt, wo mein Zahnarzt hantiert. Also erhob ich mich und wankte nach vorne zum Busfahrer. Der erschrak, als er mich sah, weil er dachte, der Bus sei jetzt leer und er könnte für seine Pause ein Nickerchen halten. Dann bekam ich zu hören, dass er nun nicht mehr die 4, sondern die 2 sei und dass, wenn ich zu meinem Zahnarzt wolle, ich mal besser hurtig zu der 100 Meter entfernten Bushaltestelle spränge, an der jetzt gerade eine Frau wartet.

Etwas verstört stieg ich aus und noch verstörter war ich, als ich sah, dass die Frau ein Mann war. Damit hielt ich mich aber nicht länger auf, weil wenn hier eine 4 eine 2 ist, warum soll dann eine Frau nicht auch ein Mann sein, dachte ich so bei mir. Meinem 26 hinten links war die ganze Angelegenheit ja wurscht, weil die merkt ja eh nix mehr. Aber ich persönlich wollte mir von meinem Zahnarzt nicht nachsagen lassen, dass ich Termine nicht pünktlich einhalte. So stand ich nun an der Haltestelle und da kam auch schon der nächste Bus.

Ich stieg ein, suchte dem Fahrer mein Malheur zu erklären. Er glaubte mir kein Wort bzw. nur wenig. So hatte ich also wieder den vollen Fahrpreis zurück zum Bahnhof zu bezahlen. Mich trug mittlerweile die Hoffnung, dort ein Taxi in den Ortsteil zu bekommen, wo mein Zahnarzt hantiert. Als wir am Bahnhof ankamen, stieg ich also flugs in ein Taxi und erkundigte mich nach dem Fahrpreis. "15 Euro wird' s schon kosten", erklärte mir der Fahrer und da mir nichts übrig blieb, willigte ich eben ein. Pünktlichkeit ist ein hohes Gut, und man hat ja schließlich auch seinen Stolz. Als ich dann endlich pünktlich beim Zahnarzt ankam, erklärte der mir, dass es mit meinem Termin nun doch eine Besonderheit auf sich habe.

Wir müssten ihn wegen eines anderen Patienten auf 11 Uhr legen. So saß ich eine Stunde mit meinem 26 hinten links rum und blätterte in einer zwei Jahre alten Ausgabe des "Spiegel". Unweit zu einem Artikel über Donald Trump stand auch etwas über Hannelore Elsner. Wie ich erfuhr, plante sie noch selbigen Jahres eine neue Filmkomödie zu drehen. Dann endlich war ich dran und im Grunde ging ja alles so weit gut. Ich gehöre nicht zu denen, die wimmernd im Zahnarztstuhl sitzen und Ängste haben.

Aber was mir zu schaffen machte, war, dass ich auf dem Weg zum Bahnhof meinem Busfahrer vom Vormittag begegnet, dem, der von der 4 zur 2 wurde und der mir das Ticket verkaufte, obwohl er mich nicht in den von mir genannten Stadtteil fuhr. Er ging durch die Fußgängerzone, und zwei junge schöne Frauen hatten sich bei ihm links und rechts untergehakt. Sie waren bester Laune und er zwinkerte mir zu. Mir persönlich war das ja egal, aber 26 hinten links fing in diesem Moment an zu schmerzen.