Simone Bastian "Wir sind sozusagen die Mauer, an der die erste Flut der Gefühle ankommt", sagt Jochen Gleißner. Bestatter sind manchmal die Ersten, die mit einem Angehörigen in Kontakt kommen, der gerade ein Familienmitglied verloren hat. Eine Grenzerfahrung - und Bestatter wie Jochen Gleißner müssen mit Menschen in dieser Situation umgehen.

Da gibt es natürlich ein paar Tricks, wie Gleißner einräumt. "Wir beschäftigen die Angehörigen, um sie ein wenig abzulenken." Die Bestatter regeln und organisieren auf Wunsch alles, von der Abholung des Toten zu Hause oder im Krankenhaus über die Vorbereitungen der Trauerfeier bis zu den verschiedenen Formalitäten. Aber sie lassen die Angehörigen tun, was sie selbst tun wollen und können. "Notwendige Unterlagen heraussuchen, die Lieblingskleidung, besondere Erinnerungsstücke oder Bilder", zählt Gleißner auf. "Dann kommen natürlich Erinnerungen hoch, an Augenblicke und Geschichten, und rufen vielleicht ein kleines Lächeln hervor. Auch das ist in der Trauer sehr wichtig und nimmt den Verstorbenen noch mal in die Mitte."

Gleißner ist mit dem Bestattungsgewerbe aufgewachsen: Sein Vater ist in dem Gewerbe tätig, Jochen Gleißner übernahm 2018 als Nachfolger von Manfred Brehm das Institut M. Brehm Bestattungen in Coburg.

Manfred Brehm war es auch, der am Vorderen Floßanger das "Haus des Abschieds" eröffnete, um eine Alternative zu Kirchen und zur Aussegnungshalle anbieten zu können. Hier könne sich die Trauergesellschaft so viel Zeit nehmen, wie sie braucht, und die Feier nach eigenen Wünschen gestalten, sagt Jochen Gleißner.

Die Bestatter machen Vorschläge: Soll es ein Pfarrer sein oder ein Trauerredner? Soll eine Sängerin engagiert werden? Will man Luftballons steigen lassen? Alles möglich, sagt Gleißner: Der Bestatter sei Berater und Organisator zugleich.

Denn trotz aller Trauer soll die Feier ja eine würdige, schöne sein. "Die Leute sollen mit einem Lächeln im Gesicht gehen", ist Gleißners Ehrgeiz. Selbst wenn sie, was auch schon vorkam, vorher kaum eine Vorstellung hatten, wie die Trauerfeier ablaufen soll. "Dies ist oftmals schwierig, wenn die Trauernden im Trauergespräch nicht ausdrücken können, was sie gerne möchten, oder aufgrund des Schocks nicht in der Lage sind, darüber zu sprechen", sagt Gleißner. Auch Streitigkeiten in der Familie machen es oftmals nicht leicht.

Wichtig sind dem 35-Jährigen auch die örtlichen Traditionen, wie zum Beispiel eine Aussegnung im Haus, bevor der Tote überführt wird. "Das kommt langsam wieder, und ich finde das wichtig." Denn Rituale helfen, die Trauer zu bewältigen, "da ist jeder einzelne Schritt nötig und gut". Die Alltagstrauer komme später, wenn sich bemerkbar macht, dass der Tote nicht mehr da ist mit all seinen Gewohnheiten und Tätigkeiten.

"Beratung und Betreuung" sind ein Modul in der Ausbildung zum geprüften Bestatter, die auch Jochen Gleißner absolviert hat. Aber den Umgang mit trauernden Angehörigen könne man nicht aus Büchern lernen, findet er. Überhaupt sei der Beruf schwer zu beschreiben: "Die Anforderungen sind jeden Tag andere, und man muss auch lernen, mit dem Tod zu leben." Deshalb seien private Beerdigungsinstitute meist Familienunternehmen. "Wie in jedem Beruf ist es eine Sache der Gewohnheit. Für den Bestatter ist es alltäglich, mit dem Tod konfrontiert zu werden, doch der Respekt davor darf niemals verloren gehen."

Freilich hat der Beruf auch Seiten, die für Jochen Gleißner und seine Mitarbeiter selbst Grenzerfahrungen bedeuten. Zum Beispiel, wenn ein Verstorbener nach mehreren Wochen aus seiner Wohnung abgeholt werden muss, weil sein Fehlen erst dann jemandem auffiel. Auch die Bergung von tödlich Verunglückten und Selbstmordopfern gehört zu diesen Grenzerfahrungen. "Wir sind ja immer dienstbereit, Tag und Nacht, und müssen im Todesfall innerhalb kürzester Zeit am Ort des Geschehens sein."

"Man muss Dinge im Büro lassen können", sagt Gleißner. Das sei jedoch nicht immer leicht, "wenn ich jemanden persönlich gekannt habe oder wenn Kinder gestorben sind". Als Bestatter müsse er mit Empathie und Mitgefühl auf die Trauernden eingehen, ohne seine Aufgabe aus den Augen zu verlieren, sagt er. "Ich kann mitfühlen, aber ich bringe auch Ideen ein, die den Angehörigen helfen, mit der Situation fertig zu werden."