Eine Fahrt in einem kurzfristig organisierten bayerischen Transportkonvoi nach Kroatien , um die dortigen Hilfskräfte bei der Bewältigung der Erdbebenkatastrophe zu unterstützen, ist weder kurz noch einfach. Wie die Menschen vor Ort Bastian Weidner und Daniel Derr aus Lichtenfels sowie die anderen Feuerwehrleute aufgenommen haben.

Während wohl viele Menschen in Deutschland am 29. Dezember sich den Kopf darüber zerbrochen haben, wie sie aus dem Silvesterabend trotz Corona-Krise mit dem Partner etwas Besonderes machen, spielten sich in Zentral-Kroatien schreckliche Szenen ab: Mehrere Erdbeben der Stärke 6,4 erschütterten die Gegend insbesondere im Landkreis Sisak-Moslavina. Mitten darin: die zerstörte Gemeinde Petrinja. Die Menschen dort mussten bei winterlichen Temperaturen lange in ihren beschädigten oder zerstörten Häusern bleiben, ehe provisorische Containerstädte aufgebaut waren. "Mit Erschrecken haben wir die beschädigten und zerstörten Häuser gesehen. Tiefes Mitgefühl für die Bevölkerung machte sich in unseren Herzen breit. Dieser Eindruck, als ich die Ortschaft zum ersten Mal gesehen habe, hat sich mir eingebrannt", berichtet Daniel Derr von der Freiwilligen Feuerwehr Lichtenfels .

Zusammen mit seinem Kollegen Bastian Weidner war er am 10. Januar in einem insgesamt 22 Fahrzeuge umfassenden bayerischen Transportkonvoi unter der Leitung des Landesfeuerwehrverbandes Bayern aufgebrochen, um Hilfsgüter in die kroatische Erdbebenregion zu bringen. Die Feuerwehren in Zagreb zählen unter normalen Umständen rund 3500 Einsätze im Jahr. In den Tagen nach dem Erdbeben seien es nun schon 8000 an der Zahl gewesen. Doch es fehlte an Schutzkleidung für Feuerwehrleute , tragbare Leitern sowie Beleuchtungsgerät einschließlich Stromerzeuger, um deren Einsatz wieder vollumfänglich zu ermöglichen. Mit dieser Ladung, die von rund 300 freiwilligen Feuerwehren und Kommunen in Bayern gespendet wurden und rund 15 000 Einzelteile umfasst, fuhren die beiden Feuerwehrmänner aus Lichtenfels zunächst ins Unbekannte. "Wir hatten natürlich gehofft, dass alles gut organisiert ist und vor allem, dass es nicht noch neue Erdbeben gibt", erzählt Daniel Derr.

Eine Schreckensnachricht folgte: Zur Mittagszeit bekamen alle Fahrzeuge die Information, dass sich ein Nachbeben der Stärke 3,1 in Sisak ereignet hatte, rund 100 Kilometer vom Ziel des Konvois entfernt. Die Ungewissheit ging - nach mehreren Pausen und einer Zwischenübernachtung - am Grenzübergang Slowenien-Kroatien in Energie über: Dort erwartete den Konvoi ein Kommandowagen der kroatischen Feuerwehr , der dem Zug mit einheimischer Ortskenntnis eine Streckenänderung nahelegte und ihn später mit Polizeieskorte und Blaulicht durch die Hauptstadt geleitete.

"Das war ein Supergefühl"

An der Feuerwache angekommen gab es eine Pause, ehe sich die deutschen Feuerwehrkräfte die Berufsfeuerwehr-Wache Fünf in Zagreb näher anschauen konnten. Anschließend begann das Entladen der Hilfsgüter, für das auch der am Transport beteiligte Radlader der Feuerwehr zum Einsatz kam. "Als wir abgeladen haben, haben viele kroatische Kollegen große staunende Augen gekriegt. Sie haben sich wirklich gefreut. Das war ein Supergefühl", erinnert sich Daniel Derr, der - wie auch sein Kollege - den Kroaten großen Respekt für ihre Arbeit zollt. "Leben in der Lage", so beschreiben es die beiden Lichtenfelser. Mit einer gewissen Hilflosigkeit. "Wir haben uns ausgemalt, wie es sein muss, jemandem helfen zu wollen und es nicht zu können, weil das Gerätehaus zerstört war."

Der herzliche Empfang und die köstliche Bewirtung fanden ihren Abschluss in vielen Gesprächen, die sich mit Hilfe eines Dolmetschers um Fachliches, aber auch Persönliches drehten. "Vielleicht entsteht hieraus ja eine Freundschaft, auf der man weiter aufbauen kann", melden sie via Facebook-Tagebuch.

Möglicherweise haben sie das geahnt, als sie sich bereits zehn Minuten nach dem Aufruf ihres Kommandanten als Freiwillige für den Hilfskonvoi gemeldet hatten. "Weil es selbstverständlich ist", gibt Daniel Derr an. Doch das ist es nicht, eher ehrenwert. Glücklicherweise sei die Organisation von Familie und Beruf unkompliziert gewesen.

Während Daniel Derr beim Entsorgungsfachbetrieb Panzer & Kraus arbeitet, ist Bastian Weidner bei der Firma Kiesgewinnung Heinrich Schramm tätig. Beide sowie alle anderen Arbeitgeber von Feuerwehrkräften der Region zeigen sich sehr flexibel bei kurzfristigen Einsätzen ihrer Mitarbeitenden. Gerade dann, wenn es um einen Einsatz wie diesen geht, dessen vorausgehende Katastrophe in den deutschen Medienwenigpräsent war.

"So eine Zerstörung kann man sich gar nicht so vorstellen. Als wir dort waren, war schon vieles aufgeräumt, aber vieles türmte sich auch noch an den Straßenrändern oder Hinterhöfen", blickt Bastian Weidner zurück. Umso schöner sei es gewesen, dass sich viele Menschen an von den Feuerwehren mitgebrachten Ärmelabzeichen erfreut haben. "Sie sehen vieles nicht als selbstverständlich an." Sein Kollege stimmt ihm zu: "Allgemein sind die Kroaten ein sehr offenes und herzliches Volk mit einer großen Gastfreundschaft."

Gefühl der Hilflosigkeit

Diese warmherzigen Momente, aber auch das Gefühl der Hilflosigkeit bei den kroatischen Feuerwehrkräften bestimmte auch die Rückfahrt. Die erschreckenden Bilder werden die beiden Feuerwehrmänner aus Lichtenfels noch lange begleiten: Es werde Situationen geben, in denen die Erinnerungen aufkommen, aber auch wieder verschwinden, so Daniel Derr. Das habe er in seinen vielen Einsätzen verschiedenster Art lernen müssen. Dennoch betrachtet er den Einsatz in Kroatien als interessante und erfreuliche Erfahrung, denn: Er und sein Kollege konnten helfen!

Die Corona-Krise war in diesen Tagen, bis sie am 13. Januar in den frühen Morgenstunden zurückkehrten, zwar allgegenwärtig gewesen, aber keiner der Feuerwehrmänner habe eine größere Angst vor einer Infizierung verspürt als anderswo. Vor der Abfahrt des Konvois sowie am Grenzübergang haben sie sich jeweils einem Covid-19-Schnelltest unterzogen, außerdem haben sie während der Arbeit und im Kontakt mit Menschen stets eine Maske getragen.

Corinna Tübel