Stephan Herbert Fuchs

Das hatte selbst der Chef des Kulmbacher Amtsgerichts, Christoph Berner, bisher kaum erlebt: Eine Mutter zeigt ihren eigenen Sohn an, weil der die Familie hemmungslos bestohlen hat.

"Normalerweise schreckt man doch vor sowas zurück", konnte Berner seine Verwunderung nicht verhehlen. Hintergrund war, dass der angeklagte 20-Jährige schon in der Vergangenheit mehrfach wegen Auffälligkeiten in psychiatrischer Behandlung war und wohl spielsüchtig ist.

Der Lehrling hatte sich zwischen Dezember 2020 und Februar 2021 in vier Fällen an den Spardosen und Geldbörsen seiner Mutter, seines Bruders und seines Stiefvaters bedient und dabei einen Geldbetrag von 235 Euro erbeutet. Ein weiterer Versuch, eine Geldkassette aufzubrechen, schlug fehl.

"Na ja, ein komisches Gefühl war es schon, aber das war mir in diesem Moment egal", gab der junge Mann zu. Für die im Gerichtssaal anwesende Mutter war die Anzeigeerstattung bei der Polizei gewiss nicht leicht, doch wusste sie anscheinend nicht mehr aus noch ein. Auch während der Verhandlung brach die Frau in Tränen aus, als sie von dem desolaten Verhältnis zu ihrem Sohn berichtete. Zurückbezahlt hatte er bislang nur einen Teil des Geldes. "Eine Entschuldigung wäre wohl das Allermindeste gewesen", wunderte sich Richter Berner.

Ein Blick auf das bisherige Leben des jungen Mannes durch den Vertreter der Jugendgerichtshilfe brachte zum einen zahlreiche Konflikte im familiären Alltag zu Tage, aber auch eine massiv belastete Biografie, die den Angeklagten schon in jungen Jahren traumatisiert zurückließ. Einen Ausweg hatte der 20-Jährige dort gesucht, wo es keinen Ausweg gibt: im Online-Glücksspiel. Obwohl er selbst zugab, spielsüchtig zu sein, hatte er bislang noch nicht den Weg zur Suchtberatung gefunden.

Richter Berner verurteilte den Angeklagten zu 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit nach Weisung der Geschwister-Gummi-Stiftung und machte ihm zur Auflage, die Suchtberatung aufzusuchen. Obwohl der junge Mann zur Tatzeit schon über 18 Jahre alt war, entschied das Gericht aufgrund der besonderen Umstände auf die Anwendung des deutlich milderen Jugendstrafrechts. Möglich ist dies, weil der Angeklagte bis zum 21. Geburtstag juristisch als Heranwachsender gilt. Jede Jugendstrafe ist vom Erziehungsgedanken geprägt und nicht von einer eigentlichen Bestrafung.