Drama statt WM-Märchen

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Bei den Fans gab es ein Wechselspiel der Gefühle.Sonny Adam
Bei den Fans gab es ein Wechselspiel der Gefühle.Sonny Adam

Public Viewing auf dem Marktplatz: Fans erlebten einen Fußball-Krimi.

Es hätte eine Sensation werden können. Doch nach 120 Minuten war es aus. Deutschland schied mitten in der Nacht, um 1.30 Uhr morgens, aus. Die deutschen Fans ließen den Kopf hängen, gingen nach Hause. Denn alle müssen am Dienstag arbeiten oder in die Schule. Trotzdem war das, was sie gemeinsam in dieser Montagnacht erlebt hatten, unglaublich. Hoffen, Bangen, Bibbern, Freude - und das Ganze mit Verlängerung und Elfmeterschießen.

Zitterpartie auf Marktplatz

Paraguay duellierte sich schon in der Vergangenheit mit Deutschland. Damals - am 15. Juni 2002 - ein Deutschland im Achtelfinale als Sieger aus dem Achtelfinale. Bei einem erneuten Zusammentreffen bei einem Freundschaftsspiel 2013 kam es zu einem Unentschieden. Und jetzt hat Paraguay die deutsche Fußballnation besiegt. Der Underdog hat es geschafft.

Allerdings war es eine einzige Zitterpartie, die die vielen Fans, die zum Public Viewing auf den Marktplatz gekommen waren, erlebt hatten. Denn kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit erzielte Julio Enciso für die Südamerikaner den Führungstreffer. Verzweiflung machte sich breit.

„Nach der Halbzeit - wird’s schon!“, prosteten sich die Kulmbacher Fans zu und holten sich noch ein Bier. Einige Youngsters stießen mit dem Likör „Ficken“ an, den sie verbotenerweise von zu Hause mitgebracht hatte. Und weil der sich in einer Flasche befand, wurden sie vom Ordner ermahnt. Denn Glasflaschen sind beim öffentlichen Schauen nicht erlaubt. So stiegen sie auf Bier im Becher um. Und weiter ging’s.

Die älteren Zuschauer falteten die Hände. In der Pause checkten die Zuschauer, ob das Handy vielleicht eine positivere Nachricht hätte. Doch auch das Internet gab dieselbe Auskunft.

Hoffnung in der Halbzeit

Nach der Halbzeitpause dreht sich erst mal nichts. Deutschland spielte einen ruhigen Fußball. Zu ruhig. Immer wieder werden gefährliche Chancen früh erkannt, weil sie offensichtlich sind - und abgeblockt. Manche Fans lassen den Kopf hängen. Denn die Abwehrmauer der Südamerikaner ist fest. Zu fest. Und in der 51. Minute hätte Paraguay um ein Haar noch weiter in Führung gehen können. Doch das war zu viel für die deutsche Elf. Endlich kamen die Jungs aus sich heraus. Und Kai Havertz versenkte in der 54. Minute ein Tor für Deutschland.

Der Marktplatz jubelte. Männer lagen sich in den Armen. Fahnen wurden geschwenkt. Endlich lachten die Fans, die sich die Nacht um die Ohren schlugen, wieder. Endlich wieder gute Stimmung. Die klatschenden Hände röhrten. Bei jeder gefährlichen Situation sprangen die Fans auf. Deniz Undav, der bisherige Held der WM und Jamal Musiala wurden eingewechselt. Und Paraguay bekam die erste gelbe Karte.

Plötzlich herrschte Kampfgeist auf dem grünen Rasen. Und der Fußballfunke sprang bis nach Kulmbach über. Begeisterung. Jubel. Anfeuerung. Am Ende des Spiels stand es 1:1. Verlängerung.

In der 102. Minute traf traf Jonathan Tah. Der Marktplatz steht Kopf. Deutschland schafft es. Deutschland kommt weiter. Doch der Jubel dauerte nur eine Minute. Dann nahm der Schiri das Tor zurück. Die Trainer gingen auf die Barrikaden. Die Fans in Kulmbach schimpften.

Nervenkitzel beim Elfer

In den USA herrschten 30 Grad im Schatten. Keiner Mannschaft gelang der „Lucky Punch“. Elfmeterschießen. Und gleich der erste deutsche Elfmeter missglückte. Kai Havertz konnte nicht punkten, Paraguay schon. Die nächsten vier Elfmeter wurden versenkt. Deutschland traf, Paraguay traf, Deutschland traf, Paraguay traf. Die Stimmung kochte. Dann verschoss Nick Woltemade, aber auch Antonio Sanabria. Und Nadiem Amiri traf für Deutschland. Jetzt kommt es drauf an. Neuer hält den Elfmeter von Fabian Balbuena. Wieder Gleichstand.

Dann machten die Nerven nicht mehr mit. Jonathan Tah verschoss den nächsten Elfmeter und Jose Canale verwandelte für Paraguay. Damit war Deutschland raus. Minuten zuvor hatten sich wildfremde Menschen noch jubelnd in den Armen gelegen. Jetzt gingen sie schweigend auseinander. Fahnen verschwanden in Rucksäcken, Bierbecher blieben einfach stehen. Halbvoll. Statt eines Sommermärchens blieb nur die Erinnerung an einen Fußballabend, der bis weit nach Mitternacht alles bot – außer ein Happy End. Die Stände und Gastronomie rund um den Marktplatz waren offenbar schon früher raus. Pizzeria geschlossen, Roberts zu, Eisdiele geschlossen. Und der Bratwurststand und der neue Falafel-Stand hatten gar nicht erst geöffnet. Und im zweiten Bratwurststand wurden die Würste in der Halbzeitpause verkauft.

Kulmbach, vaganza und die Fans, glaubten bis zur letzten Minute an das Sommermärchen. Erst der letzte Elfmeter machte aus einer Partynacht eine stille Heimreise.