Franz Behrschmidt verlas weitere dramatische Schilderungen. „Es ist für die Ortsgeschichte wichtig, dass manche Ereignisse – auch wenn sie unangenehm sind – festgehalten werden“, betonte Franz Behrschmidt.
Horst Mohr – aufgewachsen in Nordhalben, seit 1966 in Berlin – erforschte die gleiche Geschichte aus Sonneberger Richtung. Nach Kriegsende gab es den Auftrag für die Gemeinden, Gemeindearchive zu pflegen. Viele sahen dies als Grund, Akten zu vernichten. Mohr fand den Namen eines in Nordhalben erschossenen jungen Mannes heraus.
Ein weißer Fleck?
Aus 30 Ortschaften der Region bekam er Informationen über diese Todesmärsche. Zwei Jahre nach Kriegsende gingen an alle Gemeinden Anfragen. Nur die Stadt Kronach hatte 1947 keinerlei Hinweise auf Todesmärsche. Kronach als weißer Fleck bei den Todesmärschen? Aber Willi Schreiber berichtete von einem solchen Marsch über den Kronacher Marienplatz, und eine Neustadter Betroffene schrieb in ihrem Tagebuch von der wunderschönen Stadt Kronach .
Die Neustadter Stadtheimatpflegerin Isolde Kalter berichtete von der Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald in Neustadt. 400 jüdische Frauen aus den KZ Ravensbrück und Bergen-Belsen waren als Zwangsarbeiterinnen zu Siemens nach Neustadt gebracht worden. Aufseherinnen waren Frauen aus Neustadt und Umgebung, dazu einige ältere Männer aus der Wehrmacht . „400 ungarische Judenfrauen“ steht im Bericht des Marktes Mitwitz zur Übernachtung der Frauen. Viele Informationen gibt es aus einem Tagebuch einer Gefangenen, die in Neustadt arbeiten musste. Sie machte dieses aus Siemens-Abfallpapier und trug sehr viel ein. Wie es nach Mitwitz weiterging, ist unklar. Ab Kronach ist der Weg wieder sichtbar.
Ein weiterer Todesmarsch fand aus Richtung Sonneberg statt. Aufgrund des Vorberichtes zur Veranstaltung meldete sich ein Mann aus Ebersdorf bei Ludwigsstadt, der sich an einen solchen traurigen Zug erinnerte. „Auf der Thüringer Seite sind sehr viele Tote beschrieben“, erklärte Horst Mohr.
Der Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn erinnerte an seine Großmutter. Lange habe sie von guten Erlebnissen erzählt. Ein gemeinsamer Filmabend, der das Schicksal einer jüdischen Familie aufzeigte, veränderte die Erzählungen der Großmutter. Wie andere Frauen verschwanden, weil sie Jüdinnen waren, und wie sie die Todesmärsche erlebte. Natürlich wisse man, wer damals Ortsgruppenleiter war. Aber es gebe eine Scham, diese Namen zu veröffentlichen.
Allzu viele Menschen wollten von der Zeit nichts mehr wissen, beklagte Heinz Hausmann. Im Geschichtsunterricht der Schulen fielen jene Jahre viel zu oft weg.
Pardon - wegen zweier nachträglich entdeckter Tippfehler:
Wenn Herr Hausmann hier zitiert wird mit
"Allzu viele Menschen wollten von der Zeit nichts mehr wissen, beklagte Heinz Hausmann. Im Geschichtsunterricht der Schulen fielen jene Jahre viel zu oft weg"
dann gilt das offensichtlich nicht nur für das Erinnern an die durch den Landkreis führenden Todesmärsche - unter ihnen wahrscheinlich nicht wenige Gefangene/Häftlinge/Verschleppte aus der heutigen Ukraine - sondern auch für den Umgang vor Ort mit den Ermordeten im Rahmen des T-4-Programms der Nazis, welches auch für den Landkreis weit über 50 anscheinend in deren Heimatorten in völlige Vergessenheit geratene Opfer gefordert hat:
zuletzt konnte ich noch zwei der in der Tötungsanstalt Grafeneck im Gas Erstickten dokumentieren, nämlich die in Kronach geborene Frau Antonie Möbius und den Höfleser Ferdinand Martin; ein Künstler aus der Region hat für jede/n der dortigen über 10.000 Toten eine individuelle Terracottafigur geschaffen, welche noch auf Angehörige wartet.
Und was den von mir auf Grund mehrerer ITS-Dokumente vermuteten 3. Todesmarsch durch den südlichen Landkreis betrifft: da fand sich jetzt im Zusammenhang mit einer Grabstätte bei Weißenbrunn in einem Kirchenbuch der Hinweis auf einen Marsch von etwa "500 Russen" und auf entkräftete Tote - eine Aufgabe für örtliche Archivare und Heimatpfleger
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Fast 4 Wochen danach ein erstes Fazit:
die hoffentlich nicht nur von mir erhofften Reaktionen, speziell auf die über 50 Euthanasietoten aus über 30 Orten, ist ausgeblieben – aber vielleicht war die Veranstaltung ja erst der Beginn einer vertieften Aufarbeitung.
Auch war wohl niemand aus den anderen Orten anwesend, welche von diesen Todesmärschen berührt wurden; aus vielen Orten fehlen die im Frühjahr 1947 angeforderten Fragebögen zum Woher und Wohin, zu Opfern und zu Gräbern. Das größte Manko aus meiner Sicht war jedoch das Fehlen der eigentlich mit der Veranstaltung Gemeinten - von Jugendlichen und den mit deren Bildung Befassten: die Lehren aus dem Schwur von Buchenwald, nämlich die Erinnerung an Verfolgung und Widerstand, die Bestrafung der Täter als zentrale Themen der Erinnerungsarbeit.
Aber meine Hoffnung ist, dass es doch irgendwann zu der schon vor Jahren angeregten Veranstaltung kommt: Euthanasiemorde, Todesmärsche jüdischer Frauen und Männer aus Neustadt bei Coburg und Sonneberg durch den Landkreis, dazu ein weiterer völlig unzureichend erforschter aus dem Raum Kronach in Richtung Stadtsteinach und Kulmbach, zu welchem mir Dokumente aus Höferänger, Presseck, Unterdornlach und Untersteinach vorliegen, und vor Tagen erst bin ich auf ein Grab wohl jenes Marsches zwischen Weißenbrunn und Kirchleus gestoßen.
Weitere Hinweise gibt es aus Bernstein, wonach die Frauen aus Neustadt eingesperrt waren, während das Wachpersonal in der nicht mehr existierenden Dorfwirtschaft „wachte“, und zu Döbra, wonach eine Frau aus dem Bewachungspersonal, welche als Einheimische beim Durchmarsch nicht erkannt werden wollte, mit einem Teil der Frauen von Wallenfels über die Bischofsmühle Richtung Helmbrechts gezogen sein soll. Aber vielleicht können wir irgendwann hierüber Näheres lesen, falls es zu einer Veröffentlichung des von einer der Unglücklichen des Marsches verfassten Tagebuchs kommen sollte.