Coburgs Nachbarlandkreis Hildburghausen sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Grund ist der Inzidenzwert aus der Zahl der Corona-Infizierten der vergangenen sieben Tage. Am Dienstag erreichte er einen Stand von 482,6. Damit ist der Landkreis Spitzenreiter in der gesamten Bundesrepublik. Eine Entwicklung, der von Coburger Seite hohe Aufmerksamkeit gilt, pendeln doch täglich laut Agentur für Arbeit fast 2600 Beschäftigte aus dem Landkreis Hildburghausen nach Coburg und umgekehrt mehr als 700 aus dem Coburger Land nach Hildburghausen.

Bereits zu Beginn der Woche hatte Landrat Thomas Müller (CDU) gegenüber Medien gesagt: "Wir werden Richtung 500 marschieren" und "Wir müssen vor die Welle kommen und diese brechen". Um das zu erreichen, wurde angeordnet, dass Schulen und Kitas von Mittwoch dieser Woche an geschlossen bleiben. Das soll maximal zweieinhalb Wochen gelten. Zwischenzeitlich wurden für den Landkreis 11 000 Schnelltests angefordert. Damit sollen alle Kinder und Jugendlichen sowie Lehrer und Erzieherinnen getestet werden.

IHK: Inzidenzwertpanik

Unterdessen warnt die IHK Südthüringen vor übertriebenen Maßnahmen. Die Kammer empfiehlt: "Anstatt Inzidenzwertpanik zu verbreiten, den Blick auf die Auslastung der Intensivmedizin zu legen." Es wird befürchtet, dass es Engpässe im Personalbereich geben wird. "Dem Arbeitsmarkt im Landkreis Hildburghausen fehlt Dynamik, obwohl einzelne Industriebetriebe in den letzten Jahren erheblich expandiert haben. Die Beschäftigten sind älter, und es gibt erheblich weniger Zuwanderung als in anderen Landkreisen. Fachkräfteengpässe sind für die Unternehmen seit geraumer Zeit das zentrale Thema. Sie bremsen das Wirtschaftswachstum in Hildburghausen merklich", erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Ralf Pieterwas. "Die Schließung von Schulen und Kitas beraubt der noch funktionierenden gewerblichen Wirtschaft zusätzlich wichtige Mitarbeiter, sofern diese zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssen. Deshalb sollte alles getan werden, um das zu vermeiden. Da keine Überlastungen auf den Intensivstationen erkennbar sind, erscheint dies möglich. Der erste Lockdown lehrte uns bereits, dass Schließungen von Schulen und Kitas weder die Corona-Risiken erheblich minimieren, noch der Wirtschaft helfen. Deshalb ist es eminent wichtig, dass die Kinderbetreuung sichergestellt wird."

Nach Ansicht der IHK Südthüringen sollte nicht die Sieben-Tage-Inzidenz alleine über Lockerungen und Schließungen entscheiden. "Letztendlich muss es darum gehen, die Durchseuchungsgeschwindigkeit in Korrelation zu den medizinischen Versorgungskapazitäten zu bringen", heißt es dazu in einer Mitteilung.

Klinik sorgt sich um Personal

Eine Schließung von Schulen und Kitas beträfe nicht nur das Personal in den Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben. Auf die Frage nach der Situation im Krankenhaus Hildburghausen, das zu den Regiomed-Kliniken gehört, erklärt Regiomed-Pressesprecher David Schmitt für den Klinikverbund: "Die klinische Lage ist derzeit beherrschbar, sowohl im normalstationären als auch im intensivpflichtigen Bereich. Größere Probleme bereiten tatsächlich Themen wie Schulschließungen, da die Notbetreuung in der Regel nicht ausreichend zur Verfügung steht beziehungsweise Mitarbeiter die Kinderbetreuung insbesondere dann übernehmen, wenn nicht beide Elternteile in systemrelevanten Jobs arbeiten. Die stationäre Grundversorgung auch für Nicht-Covid-Erkrankte ist derzeit aber gegeben. Dies betrifft auch den intensivmedizinischen Bereich."

In diesem Zusammenhang verweist der Mitteldeutsche Rundfunk in seiner Berichterstattung auf eine neue Untersuchung von Ärzten in Australien, die in einer Einzelfallstudie nachweisen konnten, dass bei Kindern von infizierten Erwachsenen eine starke Antikörperbildung gegen den Covid-19-Erreger nachgewiesen werden kann, ohne, dass sie selbst positiv getestet worden wären. Warum jedoch die untersuchten Kinder eine so viel stärkere Immunantwort zeigten als ihre Eltern oder als Erwachsene generell, ist noch nicht geklärt. Offen bleibt auch, ob und wie lange die inzwischen genesenen Familienmitglieder vor einer erneuten Infektion geschützt sind. Dieser Information wird große Bedeutung bei der Frage nach dem Sinn einer Impfung beigemessen.