"Du Depp, du! Du Nichtsnutz aus dem Fürther Hinterhaus! Von wegen Menschenfreund! Du glaubst, mit Schimpfwörtern und Selbstmitleid deine Nachbarn zu beeindrucken? Nein, nicht mal die Verlegung deines Wohnzimmers in den Innenhof des Deutschordensschlosses mit so vielen Gästen hält Dich von einer Beschimpfung ab! Geh, träum weiter von deiner Mutter, die dich sorgsam gepflegt als Nesthäkchen aufgepäppelt und gegenüber deinen älteren Schwestern immer in Schutz genommen hat. Jetzt sitzt sie als Puppe auf dem Tisch vor Dir und Du lässt dich im Zwiegespräch eines untalentierten Bauchredners zu einer ungewohnten devoten Zärtlichkeit zu herab. Ach, wenn Du nur so bleiben könntest, Du Kotzbrocken!"

Leben? Ja. Leben lassen? Nur sehr eingeschränkt. Die Kunstfigur Matthias Egersdörfer, der "Die Nachrichten aus dem Hinterhaus" am Ende einer 120 Minuten anhaltenden Verzweiflungsrede in sein voll besetztes "Wohnzimmer" schreit, tut weh, schmerzt ob ihrer Grobheit und lässt Besucherinnen und Besucher ohne vollständige Bilanz zurück.

Mama versaut's

Dabei fasziniert gerade die Rolle des 51-jährigen Kabarettisten Matthias Egersdörfer als Prolet in "ganz normalen" Verhältnissen, inmitten einer Mietskaserne ohne wesentlichen Ausblick. Die Schlichtheit seiner Alltags-Dialektik konkurriert mit der hochgestöckelten Ausdrucksweise verschiedener Manifeste. Es sind archivalische Statements aus unterschiedlichen Epochen des 19. und 20. Jahrhunderts. Matthias Egersdörfer, der Typ aus dem Hinterhaus, hat selbst eines verfasst, was aber erst am Ende aufgelöst wird. Er möchte es gerne veröffentlicht wissen, doch die Mama-Puppe versaut die Anfrage beim Verlag. In 25 Punkten erklärt der "dem Volk", wie "der Sonntag wieder zum Sonntag" werden kann. Hört das heute noch jemand?

Die Raumsituation, der Blick aus dem Fenster im Hinterhaus erinnert zumindest anfangs an Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" (1954). Dem Mann in Fürth geht es genauso, Wirklichkeit und Fantasie vermischen sich bis hin zur Krankheit. Es beginnen Unterstellungen, die auf Halbrealitäten beruhen. Die Rückschlüsse sind für das eigene Befinden fatal, so fatal, dass er Psychopharmaka glaubt zu brauchen.

Horizont auf Jogginghosen-Höhe

Der Wohnungspatriarch ist seit achtzehn Jahren verheiratet, er erzählt auch ab und zu von seiner Frau, die aber längst nicht so einflussreich erscheint wie seine Mama, die als Puppe im Dialog immer wieder zum Leben erweckt wird. Aus dem Haus gehen ist nicht die Stärke von Matthias, dem Grantler. Es hat zwar viel vor, kann sich sogar eine Wanderhose kaufen, doch am Ende bleibt nur wieder die Jogging- Wohlfühlhose. Die reicht ja für den eigenen Horizont.

Der Egersdörfer erinnert sich an die Urlaubsfahrten nach Italien, an den Abfragedrill von Vokabeln durch seine Mama während der Fahrt und die Freude von Vater an klassischer Musik. Sein Versuch, während der Fahrt eine Kassette mit AC/DC-Songs im Rekorder zu platzieren, endet abrupt. Die Jugend beschreibt der Hinterhausbewohner natürlich leicht verklärt als eine Mischung aus Dämonie und Romantisierung. In den Achtzigern als Jugendlicher nach Wackersdorf zu den AKW-Demos zu wollen - "der Papa hat's verboten" - war eher der Gaudi als dem politischen Engagement entsprungen. Doch findet hier Matthias Egersdörfer in seinen ewigen Plädoyers eine Lücke zu den "Friday for Future"-Aktivisten und Aktivistinnen. Ein kleiner aufgeklärter Blick in die sonst so abstruse kleingeistige Welt seiner Umgebung.

Es ist nicht so, dass Matthias Egersdörfer mit Kalauern und Gags geizt - er liefert einfach gar keine. Er ist auch nicht darauf aus, Szenenbeifall zu erlangen, dafür ist er inhaltlich zu komplex. Trotzdem vollzieht sich hier eine kabarettistische Beschreibung von Zuständen, die in ihrer Spitze auch abscheulich sind, jedoch zum bunten Leben in einer liberalen Demokratie gehören und damit vorgeführt werden dürfen. Bildung hin oder her!

Wichtige Sponsoren

Der ein wenig aufgeregte 1. Bürgermeister Michael Kastl freute sich eingangs über das "erste Kabarett-Open Air im Schloss" und dass Matthias Egersdörfer am 28. Dezember Geburtstag hat. Denn an dem Tag ist Münnerstadt auch in die Welt getreten, allerdings 1200 Jahre vorher.

Michael Kastl vergaß nicht auf die in der Corona-Zeit wirklich wertvollen Sponsoren hinzuweisen, ohne die eine solche Reihe in Münnerstadt nicht möglich wäre. Es sind dies der Rotary Club, der Lions Club und die Sparkasse Bad Kissingen.