Ein Gedenkstein für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger Obernbreits ist auf Initiative des Träger- und Fördervereins ehemalige Synagoge Obernbreit geschaffen worden. Jetzt wurde er in einer Feierstunde enthüllt. "Der Stein, den wir heute der Öffentlichkeit übergeben, soll ein Zeichen gegen das Vergessen sein", sagte Jürgen Scherer, Vorsitzender des Träger- und Fördervereins ehemalige Synagoge Obernbreit. Der Stein solle eine Anregung sein, Vergangenes in das Gedächtnis zu rufen.

Damit will der Förderverein an Abschnitte der Geschichte Obernbreits erinnern, wo die zwölf Prozent der Einwohner des Ortes jüdischen Glaubens ein Teil der Dorfgemeinschaft waren. Wo sie als Kleinhändler den Namen Obernbreit bis weit nach Mittelfranken hinein bekannt machten. Wo Auswanderer von hier in Amerika bedeutende Handelshäuser gründeten. Wo sie mit Textil- und Eisenwarengeschäften den Ort zu einem kleinen Handelszentrum machten. Wo sie Schützenbrüder, Sangesbrüder und gern gesehene Partner bei Kart-Runden in Gasthäusern waren.

Folgen des Rassenwahns

Antisemitismus sei unterschwellig zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas präsent gewesen, sagte Scherer. In Deutschland sei er nach 1933 staatlich propagiert worden. Ab 1938 sei der Rassenwahn zur Doktrin des Mordes der Juden in den Konzentrationslagern pervertiert worden.

In Obernbreit seien schon vorher die meisten wegen der schlechten Verkehrsanbindung weggezogen. Nach Aussagen von einigen Zeitzeugen seien die wenigen, meist älteren Bürgerinnen und Bürger ausgegrenzt, teils schikaniert und ihr Geschäft blockiert worden. "Die Erinnerung an sie wurde nach 1945 möglichst verdrängt."

Vergangenes in das Gedächtnis zu rufen, "ist Aufgabe, die wir nicht Geschichtsbüchern, Medien und Gerüchten überlassen wollen", sagte Scherer. Deshalb stehe der Stein hier, an der ehemaligen Judengasse und an einer der so genannten Traumrouten des Landkreises. 

Anschließend wurde die Stele enthüllt. Die Tafel auf dem Stein trägt die Inschrift: "Zum Gedenken an die 1942 deportierten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Elisabeth Gallinger, Leopold Sänger, Rudolf Sänger, Sofie Zimmern".

Nach Gebeten von Pfarrer Adam Possmayer (katholisch), Pfarrer Sebastian Roth (evangelisch) und Aleksander Shif (jüdische Gemeinde Würzburg) verlas Matthias Walz das Grußwort von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Wenn Sie heute diese Stele enthüllen, wird für alle Zeiten dokumentiert, dass Menschen auch hier, an diesem beschaulichen Ort, der Verfolgung des nationalsozialistischen Terrors schutzlos preisgegeben waren", schreibt Schuster.

Rechtsextremistische Straftaten nehmen zu

Die israelitische Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken, zu der Obernbreit heute gehören würde, zähle heute rund 1000 Mitglieder. Trotzdem sei man besorgt über den wachsenden Antisemitismus und die stete Zunahme rechtsextremistischer Straftaten.

Drei Schülerinnen des Marktbreiter Gymnasium gestalteten die Feierstunde musikalisch. Josef Nusko sang, begleitet von seiner Tochter Hannah Nusko-Klein auf der Gitarre, die Lieder "Die Moorsoldaten" und "Traum vom Frieden", ein Menschheitstraum, der trotz der Kriege in der ganzen Welt bleibe, meinte Moderator und Altbürgermeister Friedrich Heidecker.

Erwin Reuter trug Heines Gedicht vom Vaterland vor, Inge Kranl das bekannte "Habe ich geschwiegen" von Pfarrer Martin Niemöller und Altbürgermeister Bernhard Brückner las Auszüge aus einer Rede des früheren Bundespräsidenten Roman Herzogs vor. Dessen Ururgroßmutter stammt aus Obernbreit und wohnte nur wenige Meter entfernt von der früheren Synagoge, der gegenüber nun der Gedenkstein steht.

Das Grundstück dafür hat die Gemeinde Obernbreit zur Verfügung gestellt. Bürgermeisterin und stellvertretende Landrätin Susanne Knof versteht den Stein als Mahnmal für alle, dafür, dass unsere freiheitliche und demokratische Kultur nicht selbstverständlich sei. Sie wünschte sich, dass solche Veranstaltungen wie die Gedenkstein-Enthüllung einmal auch ohne Polizeischutz möglich seien.