Ihre Tage sind gezählt. Mr. Red, Mr. Purple, Mr. Blue und Micker kuscheln eng aneinandergeschmiegt in ihrem Holzhäuschen und wollen eigentlich nur noch schlafen. Doch Rita Röhlich kennt kein Erbarmen und weckt ihre Schützlinge vorsichtig. "Sie sollen sich noch ein paar Gramm ranfressen. Am Wochenende wollen wir sie frei lassen. Dann können sie getrost ihren Winterschlaf machen", sagt sie voller Stolz und mit ein bisschen Wehmut im Herzen.

Immerhin bestimmten die vier kleinen Igeljungen das Leben der Coburger Familie in den vergangenen acht Wochen - rund um die Uhr.

Eigentlich wollten Rita Röhlich und ihr Mann Rainer im Garten nur ein bisschen Ordnung schaffen, als sie ein Igelbaby entdeckten, das sich unter einem Holzstapel hervor quälte und erschöpft auf dem Weg liegenblieb. Streichholzschachtelgroß und völlig hilflos. "Fass es bloß nicht an", warnte ihr Mann. Irgendwo muss die Mutter sein. Doch die Mutter kam nicht. Stattdessen drei weitere blinde und taube, noch fast nackte Igelbabys. Während ihr Mann draußen verharrte und nach der Mutter suchte, nahm Rita Röhlich die Babys mit ins Haus, legte sie auf eine Wärmflasche und kochte erst mal Fencheltee.

"Wir waren so aufgeregt", erzählt sie. Im Internet suchte sie nach Ratschlägen und wurde bei "Pro Igel" fündig. Das war am 3. September. Seitdem dreht sich im Haushalt Röhlich alles nur noch um die Aufzucht und das Überleben des neuen Familienzuwachses. Nach den Farben ihres Nagellackes, den sie zum Markieren der Babys verwendete, erhielten die Jungen ihre Namen. "Micker war der kleinste und zugleich der agilste. Deshalb heißt er so." Erst Wochen später stellte sich heraus, dass lediglich Mr. Purple seinen Namen verdient - die andere sind Weibchen.

Alle drei Stunden musste gefüttert werden - mit der Insulinspritze. Anschließend wurden die Bäuchlein vorsichtig massiert, bis Luft entwich. "Wir waren völlig fertig, aber die Babys nahmen eifrig zu." Mittlerweile bringen sie zwischen 650 und 750 Gramm auf die Waage.

Vieles erinnerte die 59-Jährige an die Zeit, als ihre eigenen Kinder noch Babys waren und viel Zuneigung und Zeit brauchten. "Ich habe die Igelchen sogar gepuckt, damit sie ruhig wurden und ihre Milch tranken", sagt sie lachend. Es wurden Spielkästen gebaut und kleine Häuschen. Zuweilen halfen die Nachbarskinder beim Füttern. Denn es war gar nicht so einfach, alle vier immer im Auge zu behalten. Zu sehen, wie sich die Kleinen entwickelten - "und dass das genetische Programm funktioniert" - war eine große Freude. "Mit drei Wochen haben sie angefangen, sich zusammenzurollen, dann haben sie Nestchen gebaut, gelernt, Treppen zu steigen und schließlich ihr eigenes Futter im Garten zu fangen."