Die Sportanlagen sind seit knapp einer Woche geschlossen, doch längst steht fest: In diesem Jahr wird es so gut wie keinen Sport mehr geben. Viele Verbände haben den von der Regierung verhängten November-Lockdown verlängert und ihren Spielbetrieb bis Jahresende ausgesetzt. Weil Sportveranstaltungen nicht als Infektionsherde aufgefallen sind, stießen die Maßnahmen auf Kritik.

Prof. Dr. Eckhard Nagel ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Der 60-Jährige hat Verständnis für die Maßgaben der Politik, plädiert aber dafür, die verschiedenen Sportarten genau zu betrachten - und hofft, dass der Breitensport sukzessive geöffnet wird. Herr Professor Dr. Nagel, ist der Lockdown im Amateursport übertrieben?

Eckhard Nagel: Es geht um eine Erkrankung, die auch jüngere Menschen sehr schwer treffen kann. Die Corona-Infizierten kommen aus allen Altersgruppen. Unter den steigenden Zahlen sind zuletzt sogar zunehmend Jüngere und Personen, die keiner Risikogruppe angehören. Gleichzeitig haben sie schwere Krankheitszeichen. Wir müssen jede Erkrankung vermeiden und genau hinsehen, wo Infektionen passieren. Und da spielt der Sport eine Rolle. Man muss sich genau überlegen, welche Sportarten möglich sind.

Das heißt, dass die Maßnahmen nachvollziehbar sind, ein differenzierter Blick aber lohnt?

Es sind keine überzogenen Maßnahmen. Aber es ist auf jeden Fall möglich, noch einmal genau zu überlegen und mit guten Konzepten Sport möglich zu machen. Man kann feststellen, dass in Einzelsportarten die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, gering ist. Wenn man Mannschaftssportarten betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher. Entsprechend sind die Hygieneanforderungen in Teamsportarten viel genauer zu hinterfragen.

Man muss aber auch zwischen Indoor- und Outdoor-Sportarten unterscheiden. Was sind aus virologischer Sicht die Unterschiede?

Wir gehen davon aus, dass bei einem infektiösen Menschen im Freien ein Abstand von einem halben Meter reicht, um sich nicht zu infizieren. In Räumen wird der Sicherheitsabstand im Moment mit 1,5 Metern festgelegt. Gleichzeitig besteht eine regelmäßige Lüftungsnotwendigkeit. Das heißt: Das klassische Fußballspiel auf dem Rasen dürfte kein Problem sein, während die Zusammenkunft in der Umkleide und das Duschen das Problem darstellen.

Und im Amateursport spielt die Geselligkeit eine große Rolle.

Das ist eine zentrale Komponente. Das ist das, was Freude macht. Aber das sind auch die Bereiche, in denen Infektionswahrscheinlichkeiten deutlich höher sind. Wenn man unter dieser Maßgabe ein Schutzkonzept entwickelt, ist die reine Umsetzung des Sports das geringste Problem.

Gilt das auch für Indoor-Sportarten?

Nehmen wir das Schwimmen. Das ist sicherlich gar kein Problem. Es gibt keinen einzigen Bericht darüber, dass man sich während des Schwimmens anstecken kann. Das ist wieder in dem Moment anders, in dem man die Umkleide besucht oder gemeinsam das Bad verlässt. Auch hier wäre der Sport an sich problemlos möglich, aber das Umfeld muss gesichert sein. Wenn wir im Dezember hoffentlich wieder bessere Zahlen haben und die Nachverfolgung von Infektionsketten wieder möglich ist, plädiere ich sehr dafür, den Amateursport so weit es geht zu reaktivieren.

Erste Verbände, wie etwa der Fußball, haben gefordert, zumindest das reine Training mit sofortiger Wirkung zuzulassen.

Das unterstütze ich. Wir müssen die Pandemie auf verschiedenen Ebenen begreifen. Nur die Verhinderung von Infektionen hält die Menschen nicht gesund. Wir haben die Aufgabe zu sehen, wie gesellschaftliches Leben realisierbar ist. Der Sport ist ohnehin etwas, was der Gesundheit dient. Entsprechend ist es wichtig, Breitensport so gut es geht in den Alltag zu integrieren.

Sie selbst waren Fußballer, sind mittlerweile aufs Rad umgestiegen. Was sagt der Hobby-Sportler in Ihnen zur aktuellen Situation?

Ich hätte im Moment durchaus Respekt, eine Mannschaftssportart auszuüben. Einfach deshalb, weil ich mit Menschen zusammenkomme, die aus ganz anderen sozialen Alltagszusammenhängen stammen. Die Unbeschwertheit und die Freude, sich zu treffen, wird getrübt von der Gefahr, sich anzustecken. Das ist der Hintergrund, warum eine Einzelsportart wie das Radfahren im Moment sehr viel einfacher ist. Das ist betrüblich, denn das Wichtige und Entscheidende sind - das sagt schon der Name - die Mannschaft und das Gemeinsame. Wenn wir eine schmerzliche Erkenntnis und Aufgabe in dieser Pandemie haben, dann ist es die, dass wir das Gemeinschaftliche zurückfahren und trotzdem lernen müssen, nicht zu vereinsamen. Das Gespräch führte

Tobias Herrling.