"Wir können nichts bestimmen. Wir müssen es nehmen, wie es kommt!" - es klingt wie eine Binsenweisheit, und trotzdem steht dieser Satz für die hundertjährige Lebensgeschichte von Erna Schaub. Die Seniorin wurde am 1. November 1920 in Angerapp/Ostpreußen geboren und erfreut sich guter Gesundheit: "Mein Arzt ist zufrieden"- also ist sie es auch.

Erna Schaub sitzt in ihrer kleinen Küche, hinter ihr das Fenster zum Garten, vor ihr der 100. Geburtstag und dazu fällt ihr ein: "Wenn mir das einer prophezeit hätte, dem hätte ich nicht geglaubt." Hineingeboren wurde sie in die Aufbauzeit nach dem Ersten Weltkrieg und in eine ostpreußische Familie, die sich und ihre vier Kinder durch die Landwirtschaft ernährte. Diese Kinder mussten früh lernen, dass bei der Feldarbeit und im Stall jede Hand zählt.

Erna Schaub war das jüngste Kind von Luise und August Girull, und schon früh erkannte sie die Richtigkeit des obigen Satzes, denn sie war acht Jahre alt als ihre Mutter 1928 überraschend starb. Ein Jahr später heiratete der Vater erneut, denn in ein Haus mit Kindern gehörte eine Frau, und so hatten Emma, Willi, Kurt und Erna eine Stiefmutter. "Eine liebe Frau", wie sich Erna Schaub erinnert - und die Familie wuchs durch Gertrud, geboren 1930, und Heinz, geboren 1931.

Nach der achtjährigen Volksschule hilft Erna in der familiären Landwirtschaft. Doch 1940 packt sie ihren Koffer, geht nach Berlin und kommt dort als Haushaltshilfe unter. Bereits nach kurzer Zeit verändert sie sich wieder und wird "Fernschreiberin" bei der Wehrmacht. So kommt sie unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen in Berührung. Mit dem Vorrücken der Kriegsfront in Richtung Osten wird sie versetzt und ist in Riga, Minsk und Wilna stationiert. Frontnah erlebt sie den Irrsinn des Krieges und den Rückzug vor der russischen Übermacht.

Über mehrere Stationen kam sie wieder nach Berlin und erlebte 1944 im sogenannten "Bendlerblock", damals Teil vom Oberkommando des Heeres (OHK), Stauffenbergs gescheiterten Attentatsversuch auf Hitler in der "Wolfsschanze". Bei einem Genesungsurlaub in Ostpreußen erlebte sie den Zusammenbruch des Dritten Reichs. Zusammen mit ihrer Mutter kämpfte sie sich aus Ostpreußen bis nach Berlin.

Über Leipzig, wo ihre Schwester lebte, ging es Anfang 1945 als "Fernschreiberin" der Wehrmacht nach Italien, wo sie bei Florenz in amerikanische Gefangenschaft geriet. Nach Kriegsende ging es als Gefangene zurück ins zerbombte Deutschland. Ihr Weg führte sie über Bad Aibling nach Grafenwöhr, wo sie aus der Gefangenschaft entlassen wurde. "Wir hatten nur die Kleider auf dem Leib und nichts zu essen", so ihre Erinnerung; aber auch einen Überlebenswillen, der sie zu einem Bauernhof führte, wo sie als "Klein-Magd" unterkam.

Als wäre es gestern gewesen, erzählt die weißhaarige Dame mit den wachen Augen davon, dass sie ein Kleid und "ein großes Stück Wurst" bekam und dass die Bäuerin sie immer zum Kinderhüten einsetzte: "Ich hatte keine Arbeitshände."

Liebe ihres Lebens gefunden

Im Alter von 25 Jahren hatte Erna Schaub schon eine Odyssee hinter sich, die aber noch nicht zu Ende war. Ihre nächste Station war Schwaikheim in der Nähe Stuttgarts, denn dort wohnte die Schwester ihrer Mutter. Dort verdingte sie sich als Kellnerin im Stuttgarter "Heusteig-Stüble", und das Glück arbeitete gleich um die Ecke: Franz Schaub war dort als Metzger beschäftigt. Sie verliebten sich und ihr wichtigster Satz bewahrheitete sich erneut.

Die beiden gingen nach Garitz, der damals noch selbständigen Gemeinde bei Bad Kissingen und dem Heimatort von Franz Schaub. 1952 übernahmen sie die Gastwirtschaft "Jägersruh" und im selben Jahr wurde am 19. September geheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Wie damals üblich, war der Gaststube eine Metzgerei mit Verkaufsraum angegliedert. Man lebte und arbeitete in einem Haus. Erna Schaub erinnert sich an lange Arbeitstage und viele Kilometer, die sie zwischen dem Laden im Erdgeschoss und der Küche im Obergeschoss zurücklegte. Bis 1960 hatten Erna und Franz Schaub die Jägersruh von der Brauerei Wahler-Bräu gepachtet. Dann wurden wieder neue Pfade eingeschlagen, die beide in die Nähe von Köln (Niederaußem/ Bergheim) führten, wo ihr Mann Leiter eines Schlachtbetriebes mit Metzgerei wurde und sie als Metzgereiverkäuferin tätig war.

Das Jahr 1971 wurde dann zum Schicksalsjahr, in dem der obige Satz wieder passte, denn bei Erna Schaub wurde Krebs diagnostiziert. In der Folge wurde das rechte Bein oberhalb des Kniegelenks amputiert und die beiden orientierten sich wieder Richtung Garitz, wo sie bereits 1962 ein Haus gebaut hatten.

Anfangs mit Prothese, später mit Rollstuhl bewältigte die rüstige und wache Seniorin den Alltag, getragen vom Versprechen ihres Mannes: "Ich bin für dich da." 1998 starb Franz Schaub, und bis heute bewältigt Erna Schaub ihren Haushalt und ihren Alltag selbstständig - "nur alle zwei Wochen kommt eine Reinigungskraft", erzählt sie nicht ohne Stolz. Unterstützung erhält sie auch von der Caritas, so dass der tägliche Bedarf gesichert ist.

Zeitungslektüre und "Tatort"

Ihr täglicher Rhythmus beginnt mit dem Frühstück und der Saale-Zeitung als Lektüre. Außerdem liest sie gerne, vor allem Wissenschaftsliteratur, schaut nachmittags TV-Serien und abends lieber einen deutschen Krimi wie "Tatort", "denn in den amerikanischen wird zu viel geschossen". Zu diesem besonderen Jubiläum besuchen sie die Kinder und Enkel ihrer Geschwister, um zu gratulieren.