Rudolf görtler

Die Geierwally also. Eine Figur aus dem kollektiven Gedächtnis irgendwie, heimatfilmaffin-verstaubt und doch immer wieder aus dem Fundus geholt und mit neuem Leben versehen von Barbara Rütting, Christine Neubauer und Samy Orfgen - das ist die Wally in Walter Bockmayers Groteske.
Und seit vorgestern besteigt Walburga Stromminger in der Brauerei Spezial die im Frühtau so besungenen Berge. Wie bitte? Das Ofenstübla, der Frühstücksraum für Übernachtungsgäste, verstrahlt zwar heimeligen Charme, aber eine Almhütte sieht doch anders aus. Wie schafft es Nina Lorenz also, Regisseurin des "Theaters im Gärtnerviertel" (TiG), mit ihren drei Schauspielern die Geschichte um die widerspenstige Walburga, die nach Irrungen und Wirrungen in archaischer Umwelt doch noch ihr Liebesglück findet, auf die sehr beengten Bretter zu bringen?
Es ist eine recht verwickelte Geschichte, die Wilhelmine von Hillern 1873 veröffentlicht hat, und es ist sprachlich großer Kitsch. Theresia Walser und Karl-Heinz Ott formten den Stoff 2003 in eine Bühnenfassung um, und die verwendeten Lorenz und ihre Ausstatterin Olga Seehafer bei nochmals reduziertem Personal. Doch, entgegen einiger Befürchtungen kann man der Handlung recht gut folgen, obwohl Elena Weber, Stephan Bach und Ursula Gumbsch ständig die Rollen wechseln und dies durch minimale Kostümvariationen andeuten.
Die Vorgeschichte, wie Wally den "Hansl" benamsten Geier aus dem Nest holt, wird gleich zu Beginn erzählt. Dann verfolgen wir die wechselhaften Schicksale der Großbauerntochter Walburga im Wirtshaus und auf dem Hochjoch, als Trotzkopf und rebellische Frau, als Kratzbürste und verzweifelt Liebende. Die Figur birgt durchaus emanzipatorisches Potenzial: "Ich bin kein Stück Vieh!", ruft Wally (Elena Weber) einmal oder "Ich bin das einzig denkende Wesen!" Doch ihre Liebe zum Bärenjoseph (Stephan Bach) und ihre Abneigung dem schmierigen Erbschleicher Vinzenz (Ursula Gumbsch) gegenüber lassen sie fast untergehen.


Happy End wird vorgelesen

Fast. Wie in jedem guten Heimatroman gibt es ein Happy End, das gehörig ironisch durch eine Lesung aus der Romanvorlage aufgetischt wird. Ein weitaus größeres Quantum als die nur gelegentlich aufblitzende Ironie, ja grotesker Humor hätten der Inszenierung gut getan, wie es ja schon versucht worden ist (Bockmayer!). Hier mäandert die Wally allzu ernst durchs fiktive Alpenpanorama. Freilich, die glänzenden Höhen durch zwei Stehleitern zu stilisieren, ist ein so schöner Einfall wie der Schießprügel des Bärenjoseph oder die "eingetankte Besteigungswut" des alten Stromminger im Wirtshaus, das als Kulisse ja schon vorhanden ist. Überhaupt lehnt sich die Sprache Walsers und Otts sehr ans klassische Volkstheater an, so à la Horváth, Sperr, Kroetz.
Diese Geierwally anzuschauen, ist also keineswegs reine Unterhaltung. Was das Stück unbedingt sehenswert macht, ist hautnah zu erleben, wie drei exzellente Schauspieler die blitzartigen Rollenwechsel meistern, wie vor allem Elena Weber von der mit ihrer im Leben zugedachten Rolle hadernden jungen Frau zur großen Liebenden changiert, wie sie hochmütig posiert, verzweifelt schreit und auch körperlich alles gibt.
Was nicht heißt, dass Ursula Gumbsch, die u. a. den Vinzenz spielt, unbedingt abfiele. Ihre Machoposen, ihr verschlagenes Umschmeicheln der begehrten Bauerntochter sind gekonnt, und Stephan Bach als grollender Vater oder manchen Gipfel besteigender ländlicher Liebhaber überzeugt wie immer. Überhaupt tauchen die Berge in folkloristischer Sangesform des Öfteren auf ("La Montanara"). Also doch wieder Ironie? Mag jeder selbst urteilen. Ach ja, der Geier Hansl spielt auch mit. Wer ihn und wie darstellt? Lassen Sie sich überraschen!