Christoph Böger

Heulende Motoren. Knapp ein Dutzend Jugendlicher gibt mächtig Gas. Sie fahren mit ihren bunten Motorrädern auf einem Rad waghalsig um die Wette - direkt vor dem Willi-Schillig-Stadion. Besser gesagt auf dem Parkplatz des VfL Frohnlach, also dort, wo zu Glanzzeiten des oberfränkischen Fußballklubs bereits eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff alle Plätze belegt waren.

Hier geht es weitaus rasanter zur Sache als auf dem nur einen Steinwurf weit entfernten satten Grün zwischen den Toren, deren Stangen mit den weiß-blauen Netzen seit Monaten hochgeklappt sind. Und das nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Denn: Mit höherklassigem Fußball beim Traditionsverein ist Schluss. Aus. Vorbei. Abpfiff nach vier Jahrzehnten. Die letzten Macher haben ihr ausgeblutetes Landesliga-Team zurückgezogen.

Hoffnung im Überlebenskampf

Doch tot ist der Traditionsverein nicht. Manfred Kriesche macht Hoffnung im Überlebenskampf des VfL Frohnlach. Der nicht allzu große Wirt des angrenzenden Sportheims steht mit Jeans und im dunkelblauen VfL-T-Shirt auf dem Elfmeterpunkt im Stadion. Genau dort, wo einst Charly Zapf, Johannes Lehnhardt, Rainer Wicht oder Dieter Kurth reihenweise Strafstöße versenkten. Jetzt plant "Manne" einen Volltreffer!

Das große Ziel des kleinen Mannes

Das große Ziel des kleinen Mannes: "Unser VfL muss weiterleben. Es kann doch nicht sein, dass dieser Klub gänzlich von der Bildfläche verschwindet. Wir starten einen Neuanfang in der B-Klasse", erklärt der in Frohnlach lebende 46-jährige Familienvater. Mut macht ihm, dass er schon eine Handvoll Mitstreiter hat. Allen voran André Grund aus der Alt-Herren-Abteilung des VfL Frohnlach. Grund ist auch Verbindungsmann zu Vorsitzendem Ulrich Kossack, der vom ehrgeizigen Vorhaben angetan sei.

Kriesche ist also zweifelsohne der neue Frohnlacher Hoffnungsträger. Vor Corona trainierte er die D-Jugend-Mannschaft bei der JFG Rödental, weil dort sein Sohn Luca als Torwart spielt. Jetzt bastelt er schon beim VfL an der neuen Männer-Mannschaft. Er möchte zum jetzigen Zeitpunkt nur zwei Namen nennen. "Aber zehn Fußballer hätten sich schon bereit erklärt, künftig wieder die Schuhe für die 1. Mannschaft des VfL zu schnüren. Michael Kranz und Alexander Schalk - zwei Ex-Reservespieler - stürmen auf jeden Fall mit", sagt Kriesche. Vor allem den AH-Spielern liege der VfL am Herzen und viele wollen, dass es hier irgendwie weitergeht.

Gespräche mit Trainerkandidaten laufen

"Außerdem führen wir gerade Gespräche mit dem einen oder anderen Trainer, der es sich vorstellen kann, diese Herausforderung mit uns zusammen anzugehen. Der Spielerkader wird auf jeden Fall aus einer Mischung von einigen jung gebliebenen Alten Herren des VfL und neuen externen Spielern bestehen, die unser Projekt reizt. Jeder ist willkommen, der bei uns kicken will", verrät Kriesche, der auch ein begeisterter Tischtennisspieler bei Eschi Frohnlach ist. Dort hat er sich in den vergangenen Jahren starke 1500 Punkte erschmettert.

Ex-Linienrichter beim VfL Neustadt

Kriesche stand Anfang der Neunziger-Jahre bei zahlreichen A-Klassenspielen (heute Kreisliga) des längst von der Bildfläche verschwundenen VfL Neustadt an der Seitenlinie. Gut 30 Jahre später ist für den Ex-Linienrichter aus Leidenschaft ein anderer VfL zur Herzensangelegenheit geworden: "Ich bin die letzten Jahre immer tiefer in den Verein reingerutscht und durfte viele tolle Menschen kennenlernen. Die Besuche im früheren Waldstadion waren immer für mich schöne Erlebnisse. Jetzt möchte ich einfach dazu beitragen, dass die 100-jährige Tradition noch viele Jahre weitergeht", wünscht sich der ausgesprochene Vereinsmensch, der nach zwei Kreuzbandrissen seine aktive Zeit als Fußballer in diversen Teams beim VfL Neustadt und SV Meilschnitz vorzeitig beendet musste. Danach engagierte er sich mehrere Jahre in den Jugendabteilungen des VfL Neustadt und des TTC Thann und förderte dabei Tischtennis-Talente.

Dass Punktspiele in Frohnlach in diesen anstrengenden, ungewöhnlichen Zeiten schwer realisierbar sind und die ganze Sache zu einem komplizierten Unterfangen wird, ist ihm bewusst: "Aber man sollte es zumindest probieren. Auf dieser herrlichen Anlage müssen weiter Spiele stattfinden. Wir müssen mutig und zuversichtlich sein", gibt sich Kriesche optimistisch und blickt in diesem Augenblick etwas neidisch auf die jungen "Wheelie"-Fahrer. Denn die draufgängerischen Trial- und Enduro-Piloten lassen ihre Vorderräder weiter in der Luft tanzen und feiern jede einzelne Darbietung wie einen Bayernliga-Treffer.

"Schnauz-Runden" und Kabinenpartys

Apropos Feiern! Kriesche will als VfL-Wirt natürlich auch das Vereinsleben wieder ankurbeln. Es soll endlich wieder Betrieb in seinem Sportheim herrschen. Die Alten und Jungen, wie er es beschreibt, sollen wieder zusammen fachsimpeln. So wie früher. "Vor Corona waren meine Frau und ich auf einem sehr guten Weg. Es gab legendäre Schnauz-Runden und Kabinenpartys bis weit nach Trainingsende. Schön war's."

Blauäugig gehen die Kriesches und ihre Mitstreiter das Unternehmen nach eigenen Worten aber keinesfalls an. "Ich habe in den letzten Jahren einiges mitbekommen, habe gesehen, wie was gemacht wird." Er habe den Spielleitern und Betreuern stets aufmerksam über die Schultern geschaut - und hat sich außerdem VfL-Erfahrung ins Boot geholt: Christian Tremel, der bisherige Sportliche Leiter des Fußball-Landesligisten VfL Frohnlach, ist Ansprechpartner, wenn es um Satzungsfragen beim Passrecht oder andere Dinge geht, die noch mit dem Bayerischen Fußballverband geklärt werden müssen.

Kreisklassen-Aufstieg ist das Fernziel

Das erklärte Nahziel sei, eine schlagkräftige Mannschaft für die nächste Saison auf die Beine zu stellen. "Danach muss man sehen, wie es sich entwickelt. Aber ich kann mir schon gut vorstellen, dass wir in naher Zukunft schon einmal den Aufstieg in die Kreisklasse anstreben sollten", sagt der ehrgeizige Gastwirt und Spielleiter in Personalunion. Wie so viele Menschen sehnt er sich in diesen Zeiten nach "einem normalen Leben". Kriesche hofft, dass jedermann seine Hobbys wieder mit ganz viel Herzblut ausleben kann - so wie es die verrückte Motorrad-Gang regelmäßig auf dem Parkplatz vor dem verwaisten Willi-Schillig-Stadion tut.