Am 1. Mai 1920 nahm die Gastwirtsfamilie Göller in Zeil ihre neuen Gasträume im Erdgeschoss sowie einen neuen Saal im Obergeschoss in Betrieb. Für diesen aus Sandsteinen errichteten Neubau musste der ehemalige fürstbischöfliche Kastenhof weichen. In diesem östlichen Fachwerkgebäude waren einstmals die Naturalabgaben eingelagert worden, welche die abgabenpflichtigen Bürger des Amtes Zeil im Rahmen des Zehnten entrichten mussten. 1920, jetzt vor 100 Jahren, begann damit die wechselvolle Geschichte dieses weit über Zeil hinaus bekannten Tanz- und Veranstaltungssaals. Der Saal ist auch ein Stück Zeiler Geschichte.

1908 hatte die aus Drosendorf stammende Familie Josef und Margarethe Göller das historische Anwesen von dem Vorbesitzer Georg Weinig erworben. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bewirtete sie die Gäste im heutigen Wohnhaus.

Mit den neuen Gasträumen und dem Saal eröffneten sich ab 1920 neue Möglichkeiten. Spitzenpolitiker der zwei großen Parteien gaben sich im Laufe der Jahre dort ein Stelldichein. Die Liste prominenter Politiker, die im Göllersaal aufgetreten sind, ist lang: Schon 1928 sprach zwei Stunden lang der ehemalige sozialdemokratische Reichskanzler Hermann Müller. Nach dem Krieg traten Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Hans-Jochen Vogel, Willy Brandt und Johannes Rau (alle SPD) auf. Für die CSU waren es Franz-Josef Strauß, der wohl die längste Rede in diesem Saal hielt, sowie Hans Ehard, Peter Lorenz, Fritz Zimmermann, Barbara Stamm und Markus Söder. Der Göllersaal hat erheblichen Anteil daran, dass Zeil nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur zum politischen, sondern auch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des heutigen Landkreises Haßberge wurde.

Nach der Einweihung des Saals 1920 meinten viele Zeiler: "Der Göller bringt diesen Saal niemals voll." Waren doch die übrigen Säle der Zeiler Gastronomen weitaus kleiner.

In den hundert Jahren fanden unzählige Konzert-, Theater- Variete- und Operettenveranstaltungen statt. Ferner Passionsfestspiele, Weihnachtsfeiern, Büttensitzungen, Betriebsausflüge, Filmvorführungen sowie Versammlungen aller Art. Sogar eine Geflügel- und Kaninchenausstellung ging 1926 dort über die Bühne.

1924 lud der Zeiler Caritasverein den legendären Violinvirtuosen Jules Siber ein, um dem "breiten Volk edle Kunst zugänglich zu machen". In der Presse wurde diese Veranstaltung als "auserlesener und edler Genuss" und als Volksbildungsabend bezeichnet. Doch so richtig konzerttauglich war die Lokalität wohl nicht. Das Gläsergeklirr und Biermarkengeklimper an der Schenke störten die konzertanten Stimmen und Töne.

Eine neue Zeit kehrte ein, als 1933 eine Abordnung der Haßfurter NSDAP mit ihrer "Blutfahne" in den Saal einmarschierte, die stehend gegrüßt werden musste. Die "Blutfahne" war mit jenem Banner berührt worden, das die Nazis 1923 in München bei ihrem gescheiterten blutigen Putsch vorantrugen. Ein Jahr später sind die Zeiler aufgefordert worden, in der gleichen Lokalität an der Übertragung einer "Führerrede" teilzunehmen.

Vor Beginn des Krieges im September 1939 passierten viele Truppeneinheiten Zeil. Nach dem schnellen Vordringen der Wehrmacht im Osten mussten ältere Jahrgänge als Besatzung nach Polen. Bevor die Nazis sie in Marsch setzten, wurden die Männer im Göllersaal mit Uniformen eingekleidet.

Vereidigung des Volkssturms

Am 12. November 1944 beorderte der NSDAP-Ortsgruppenleiter Eyrich alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren zur Vereidigung als Volkssturmmänner in den Göllersaal. In einer Versammlung der Partei forderte der Gauleiter Dr. Hellmuth die Zeiler Frauen dazu auf, stets kochendes Wasser bereitzuhalten, um es aus den Häusern auf einmarschierende amerikanische Soldaten zu schütten.

Nach der Bombardierung von Würzburg am 16. März 1945 waren Tausende von Menschen aus der zu fast 90 Prozent zerstörten Stadt auf der Flucht. Die Zeiler Bauernschaft musste für diese Obdachlosen rund 20 Zentner Kornstroh im Göllersaal auslegen.

Als Zeil am Ende des Krieges für die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen dringend Wohnraum benötigte, war erneut die geräumige Lokalität gefragt. Bettstellen von der Weberei wurden herbeigeholt.

Als die Soldaten Napoleons um 1800 in Zeil logierten, machten "Zeyler Musikanten bey bälen Musick" - ganz so, wie es Zeiler Musiker dann auch taten, als 1945 den amerikanischen Soldaten nach Tanzen zumute war. Die Befreier brachten neue Klänge und Rhythmen ins Land. Reine Blas- und Streichmusik lagen nicht mehr im Trend auf den Tanzböden. Für die in Zeil stationierten Amis spielten einige Musiker alle zwei Tage von 21 bis 23 Uhr zum Tanz auf. Auf der Bühne stand die Zeiler Kapelle "Odeon". Der junge Musiker Robert Fößel erhielt damals für zwei Stunden zehn Mark. Als "Stift" hatte er für die ganze Woche sechs Mark bekommen.

Fast täglich fuhren große Armeelastwagen mit Süßigkeiten, Zigaretten und diversen Getränken vor die Gaststätte. In Seesäcken bugsierten die Soldaten ihren Bedarf für das abendliche Tanzvergnügen durch die offenen Fenster des Saales.

Sebastian Popp schrieb im Juni 1945 in sein Tagebuch: "Wir haben 150 Amerikaner, davon zwei Drittel Schwarze in der Schule. Alle Tage ist Tanz bei Göller. Dabei sind immer auch 20 Mädchen aus Kehlheim."

Bald kamen auch "Fräuleins" aus Zeil und Umgebung hinzu. 50 Jahre später tauchte einmal in Zeil ein ehemaliger US-Soldat auf, der 1946 hier stationiert war. Er suchte und fragte nach den einstigen jungen Frauen, die der Amerikaner damals kennengelernt hatte.

Mancher Gast unten in der Wirtsstube konnte damals zu vorgerückter Stunde oben einen Krug Vollbier schnorren. Dieser zwölfprozentige Gerstensaft blieb bis zur Kirchweih 1948 nur den Angehörigen der US-Armee vorbehalten.

Lange Zeit fand zwei Wochen nach der regulären Zeiler Kirchweih die sogenannte Speiersgässer Kirchweih oder Hopfenkirchweih statt. Da gab es immer eine Extratour nur für Speiersgässer. Engelhard Wittig wachte mit dem Bierschlegel in der Hand am Rand der Tanzfläche darüber, dass bei dieser Tour nur Speiersgässer das Tanzbein schwingen.

Solche Extratouren gab es früher auch anderorts. Bei Tanzmusikveranstaltungen im Steigerwald pflegte man Extratouren für die "Holzdiebe" auszurufen und in Knetzgau wurde sogar einmal eine "Extratour" für die Wilderer bestellt.

Die Stadt Zeil sah in den Tanzveranstaltungen eine nicht unwichtige Einnahmequelle. Früher waren Beträge aus der bei Tanzmusik erhobenen Lustbarkeitsabgabe der Armenkasse zugeführt worden. Als nach dem Krieg die Stadt Zeil unter einer Schuldenlast ächzte, erwog der Stadtrat, Tanzveranstaltungen abzuhalten, um mit den erlösten Geldern den Haushalt 1946 auszugleichen.

1949 führte der Stadtrat den sogenannten Notgroschen zur Förderung des Wohnungsbaues ein, um aus den Geldern günstige Darlehen zu gewähren. Bei Kino-, Sport- und vor allem Tanzveranstaltungen wurden auf jede Eintrittskarte zehn Pfennig erhoben. Die Abgabe wurde erst 1969 abgeschafft. In diesem Jahr fanden in Zeil 75 Tanzveranstaltungen statt. Der große Göllersaal nutzte daher auch dem Stadtsäckel, weshalb der Stadtrat die Familie Göller immer gerne unterstützte.

Immer wieder beklagten die Seelsorger, dass Tanzveranstaltungen an den Samstagen die Gläubigen von ihrer Sonntagspflicht abhalten. Die Einführung der Spätmesse am Samstagabend löste das Problem.

Der Jugendschutz nahm bereits in den Nachkriegsjahren breiten Raum ein. 16- und 17-Jährige sind häufig in die Fänge der gestrengen Zeiler Gendarmen geraten, wenn sie nicht rechtzeitig - oft unter Mithilfe Erwachsener - durch einen Seitenausgang in den Hof oder Biergarten entwischen konnten.

Der legendäre Ruhm der "Mambo"-Band ist eng mit dem Göllersaal verbunden. Burschen und Mädchen aus dem weiten Umkreis liebten ab den 50er Jahren den Sound der Musiker. "Der Göller" war lange Zeit die Pilgerstätte dieser Fans. Nicht wenige kamen mit Fahrrädern nach Zeil. Die Zeiler Stadtführer hören heute noch immer wieder, wie auswärtige Gäste von der "Mambo" schwärmen. Manche erzählen freimütig, dass sie im Göllersaal ihren Ehepartner gefunden haben.

So manche Opas und Omas erinnern sich heute noch gerne an die Band. Nach den Worten eines inzwischen ergrauten Fans war damals das Motto der jungen Burschen: "Immer den ,Mambos' hinterher. Wo die sind, da sind auch die Mädchen." Der einstige Journalist German Schneider bekannte einmal: "Der Göllersaal mit der ,Mambo' war unser zweites Wohnzimmer."

Zusammen mit der "Mambo" traten im Göllersaal bekannte Schlagersänger wie Gerd Böttcher, Drafi Deutscher, Peter Hinnen, Michael Holm, Tommy Kent, Peter Leismann, Teddy Parker und Michael Schanze auf.

Um 1970 organisierte eine Jugendgruppe aus Ebelsbach über eine Agentur zahlreiche Konzerte mit deutschen und europäischen Spitzenbands. Die Ebelsbacher klebten damals Plakate zwischen Würzburg und Erlangen. Bis zu 800 Besucher füllten den Saal. Damals gastierten im Göllersaal "The Lords" und viele andere Gruppen, die einen klingenden Namen haben.