Räuberischer Diebstahl und unerlaubte Einfuhr von Betäubungsmitteln - zwei schwerwiegende Anklagen gegen eine 30-jährige Kutzenbergerin. Doch wie schwerwiegend war auch das, was sie dazu trieb? Diese Frage beschäftigte am Mittwoch im Amtsgericht Richterin Ulrike Barausch, Oberstaatsanwalt Martin Dippold und Rechtsanwalt Peter Schmauser. Das Urteil war letztlich wohl in aller Sinn: sechs Monate Haft auf Bewährung.


Schmauser in unglücklicher Lage

Es muss eine unglückliche Lage gewesen sein, in der sich Rechtsanwalt Schmauser befand. Denn seine Mandantin sagte aus, gegen die Einnahme sie befriedender Medikamente zu sein. Sie ließ sich auch viel Zeit bei der Beantwortung der Frage, ob sie mit der ersatzlosen Einziehung der bei ihr sichergestellten Drogen einverstanden sei. Alles keine Pluspunkte, die die junge Frau da sammelte. Insofern stand lange Zeit eine Haftstrafe ohne Bewährung zu befürchten.
Zweimal fiel die Frau im vergangenen Jahr auf, beide Male auf frischer Tat. Anfang Januar brachte sie drei Gramm Crystal Speed von Tschechien auf das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wurde sie erwischt. Anfang Oktober 2015 gab sie sich erst gar keine Mühe, bei ihrem Tun nicht entdeckt zu werden. Im Wert von 3,19 Euro nahm sie, sich auffällig und schimpfend verhaltend, in einem Supermarkt kleine Schnapsfläschchen an sich und setzte sich tretend und kratzend zur Wehr, als sie vom Personal beziehungsweise dem Marktleiter am Verlassen des Hauses gehindert wurde. Sogar auf dem Boden habe man sich mit ihr gewälzt.


Keine Schuldeinsicht

Diese Dinge standen zweifelsfrei fest, belegt durch Zeugen und auch von ihr selbst eingestanden. Aber Schuldeinsicht war nicht vorhanden. "Die haben mich mit Absicht blöd angemacht", mutmaßte sie über die Angestellten, die nach dieser Lesart den Diebstahl auf gewisse Weise provoziert hätten.


Psychologisches Gutachten

Allerdings sollte gerade dieser Fall zu ihren Gunsten ausschlagen. Bevor die junge Frau den Laden betrat, habe sie Rum getrunken. "Da war was drin, was mir völlig den Schalter umgelegt hat", erklärte sie ihren Ausraster. "Ich hatte einen Blackout - dann haben die mich niedergeschlagen." Dass die Frau keines Alkohols bedürfe, um einen Blackout oder Ausraster zu haben, erklärte hingegen der psychologischer Gutachter Clemens Lange dem Gericht. "Sie braucht für Erregungszustände weder Alkohol noch Crystal."
Er konfrontierte die Beschuldigte auch mit der Frage, warum sie es ablehne, gewisse Wirkstoffe für die Psyche einzunehmen. Eine Einsicht dafür, dass sie diese Medikamente bräuchte, formulierte die Gefragte nicht. Aber sie hielt dem Crystal etwas zugute: "Wenn ich das nehme, funktioniere ich." Dann sei sie freier von ADHS und Depressionen.


In der Soziotherapie

Auf die richterliche Frage, wo sie das Crystal gekauft und wie viel sie dafür bezahlt habe, verweigerte die 30-Jährige die Auskunft. Seit dem Vorfall im Supermarkt befindet sie sich in Soziotherapie im Klinikum Kutzenberg. Weil sie geschrien und nachgetreten habe, wurde sie noch selben tags dorthin verbracht.


Wahrnehmungsprobleme

Dass sie ein Problem mit der Wahrnehmung hat, erwies sich auch beim Vorfall mit den Betäubungsmitteln. So erinnerte sich ein Zollbeamter daran, dass er von der Festgenommenen zu hören bekam, man dürfe sie gar nicht kontrollieren, "weil es keinen Zoll und keine Polizei gibt". "Sie rief nach der Polizei, während sie mit der Polizei rang", so der Zollbeamte.
Nach Ansicht des Gutachters sei die Beschuldigte in Bezug auf den Erwerb des Crystal "nicht aufgehoben schuldfähig". Sie habe beim Erwerb der Drogen zu viele Dinge berücksichtigt, welche auf Steuerungsfähigkeit schließen ließen. Jedoch sei ihr eine Steuerungsfähigkeit "mit hoher Wahrscheinlichkeit" während des Vorfalls im Supermarkt nicht gegeben gewesen.
In diesem Sinne plädierte auch Oberstaatsanwalt Martin Dippold auf Schuldunfähigkeit durch Psychose und beantragte Freispruch für den Tatkomplex um den räuberischen Diebstahl. Anders in Bezug auf Crystal. Für Erwerb und Einfuhr beantragte er neun Monate Haft - ohne Bewährung. Eben weil keine günstige Sozialprognose vorläge, wenn sie die Einnahme von Medikamenten nicht wolle.


Der Urteilsspruch

Sechs Monate, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, verhängte hingegen Ulrike Barausch. Was sie dabei der Beschuldigten zugute hielt, ist die in der Abgeschiedenheit von Kutzenberg begonnene Soziotherapie. Dauert diese an, seien keine weiteren Straftaten zu erwarten, was sehr wohl eine günstige Sozialprognose bedeute.