Eigentlich wollte die Stadt Münnerstadt 2020 ihr 1250-jähriges Bestehen mit vielen Veranstaltungen zelebrieren. Doch wegen Corona kam alles ganz anders. Auch wenn nicht gefeiert werden konnte: Die Stadt hat eine lange Geschichte. In einem Gespräch mit dieser Zeitung beantwortet der Museumsleiter des Hennebergmuseums und Archäologe Nicolas Zenzen die Frage, weshalb der 28. Dezember 770 als Geburtstag gilt und wie die Stadt zu dieser Zeit ausgesehen haben mag.

Was ist die Grundlage für genau dieses Datum?

Nicolas Zenzen: Wir wissen, dass hier schon sehr viel früher, nämlich seit der Jungsteinzeit, Menschen siedelten. Aber für den Namen Münnerstadt ist eben eine Schenkungsurkunde, die auf den 28. Dezember 770 datiert ist, der früheste Beleg. Ein Ehepaar namens Egi und Sigihilt vermacht darin seinen Besitz dem Kloster Fulda, in der Hoffnung, durch diese fromme Tat das Seelenheil zu erlangen. Es handelt sich um Ländereien mitsamt den sie bewirtschaftenden leibeigenen Bauern, die in Haholtesheim im Werngau, dem heutigen Halsheim, einem Ortsteil von Arnstein, im Werntal und eben in Munirihestat im Grabfeldgau, also Münnerstadt, lagen. Viel älter wird dieser Name allerdings nicht sein, denn er geht auf den fränkischen Männernamen Munrich zurück, und die Franken kamen wohl nicht vor dem 7. Jahrhundert in die hiesige Region.

Wo befindet sich diese Urkunde?

Das Original der Urkunde hat die letzten 1250 Jahre nicht überstanden. Aber im 9. Jahrhundert hat der Fuldaer Abt Hrabanus Maurus, wie dies in Klosterarchiven üblich war, Abschriften aller Urkunden des Klosters in einem mehrbändigen Werk zusammengestellt. Der Band, der den Saalegau und damit Münnerstadt umfasste, verblieb jedoch leider nicht in Fulda, sondern gelangte in die Bibliothek eines schwäbischen Adligen, die im Dreißigjährigen Krieg abbrannte.

Glücklicherweise hatte wenige Jahrzehnte zuvor ein früher Historiker namens Johann Pistorius diesen Band in gedruckter Form veröffentlicht. In diesem Werk von 1607 hat sich unsere Urkunde also überliefert, und es besteht kein Grund, an ihrer Authentizität zu zweifeln.

Egi und Sigihilt sind in dieser Urkunde genannt. Gibt es Informationen darüber, wer diese beiden waren?

Die beiden Personen sind nur aus ebenjener Urkunde bekannt. Ihr Besitz lässt darauf schließen, dass sie dem niederen Adel angehörten. Vermutlich stammte einer von beiden aus Münnerstadt, der andere aus Halsheim. Es lässt sich nicht einmal sagen, in welchem der beiden Orte sie ihren Wohnsitz hatten. Die Tatsache, dass sie ihren gesamten Besitz dem Kloster stiften, lässt darauf schließen, dass sie kinderlos waren. Bemerkenswert ist die Mobilität der damaligen Zeit, in der das Pferd das schnellste Fortbewegungsmittel war und kein ausgebautes Straßennetz existierte: Egi und Sigihilt verwalteten ihren Besitz in Münnerstadt und in dem etwa 50 Kilometer entfernten Halsheim, und waren dem noch weiter weg gelegenen Kloster Fulda verbunden.

Wie muss man sich Münnerstadt vor 1250 Jahren vorgestellt haben?

Von dem Münnerstadt, das wir heute kennen, war im Jahr 770 noch nichts zu sehen. Der Ort dieses Namens war ein bäuerliches Dorf im Bereich zwischen dem Dicken Turm und dem Gymnasium mit eingeschossigen Gebäuden aus Holz, Lehm und Stroh. Einen guten Eindruck, wie man sich das vorstellen kann, vermittelt das Freilichtmuseum Lauresham bei Lorsch. Auf dem Michelsberg befand sich eine Fliehburg, die "Grabfeldonoburg", die ein Zentrum für das gesamte Umland darstellte. Und möglicherweise befand sich auch im Bereich der Stadtpfarrkirche und des Burghügels (Zentscheune) zu dieser Zeit bereits ein herrschaftliches Gehöft.

Gibt es archäologische Funde aus dieser Zeit, welche sind es, was verraten sie über die Zeit damals?

Da der besagte Bereich des frühesten Münnerstadts im Mittelalter aufgegeben und erst im 20. Jahrhundert wieder bebaut wurde, haben sich viele archäologische Funde erhalten. Sie kamen bei den Bauarbeiten des Studienseminars im Jahr 1905, der Entlastungsstraße in den 1980er Jahren und jüngst des neuen BBZ zutage. Gefäßscherben und Tierknochen belegen den bäuerlichen Charakter der Siedlung. Anspruchsvollere Stücke wie eisernes Pferdegeschirr oder verzierte Kämme aus Bein belegen aber, dass hier auch durchaus wohlhabende Menschen lebten.

Wie können wir uns die Welt um Münnerstadt herum im Jahr 770 vorstellen?

Wir befinden uns in der Zeit des frühen Mittelalters, in der sich die mittelalterliche Gesellschaftsordnung erst herausbildete. Münnerstadt lag am östlichen Rand des großen Frankenreichs, dessen König Karl der Große im Jahr 768 geworden war. Die hiesige Region war erst seit relativ kurzer Zeit christlich geworden - erstaunlicherweise von Mönchen aus Irland und England missioniert, allen voran der Ire Kilian, der im späten 7. Jahrhundert hier tätig war, und der Angelsachse Bonifatius, der 742 das Bistum Würzburg gründete. Zwei Jahre später gründete Bonifatius' Schüler Sturmius das Kloster Fulda. Dieses bestand also gerade erst seit 26 Jahren, als Egi und Sigihilt ihm ihre Güter vermachten, hatte aber bereits eine große Strahlkraft in der gesamten Region.

Nicht weit entfernt war das Gebiet der Sachsen, die noch nicht christianisiert waren, und die Karl der Große ab 772 in einem langen, erbarmungslosen Krieg unterwarf. In der Gegend von Salz hatte Karl bekanntermaßen eine Königspfalz, in der er sich mehrfach aufhielt. Vielleicht war er gelegentlich ja auch mal durch das bescheidene Dorf Münnerstadt gekommen. Alles in allem sind unsere Kenntnisse der Zeit um 770 sehr lückenhaft, aber es handelte sich in jedem Fall um eine spannende Epoche, in der viele Grundlagen für die weitere Entwicklung gelegt wurden.

Das Gespräch führte

Heike Beudert