Christoph Böger

Jan Gorr sehnt sich nach Normalität. Nach ganz normalen Arbeiten im Büro mit Kollegen und Freunden.      Einkaufen ohne Masken. Café- und Kneipen-Besuche ohne Desinfektionsmittel. Nach Nähe statt Mindestabstand. Und natürlich nach einer ausverkauften Arena: "Ich bin jetzt ein Jahr Geschäftsführer. Aber ich habe noch kein einziges Spiel unserer Mannschaft vor ausverkaufter Hütte erlebt. Ich will diese Stimmung endlich auch mal aus der anderen Perspektive genießen."

Philosoph Sokrates schrieb einmal: "Konzentriere nicht all deine ganze Kraft auf das Bekämpfen des Alten, sondern darauf, das Neue zu formen." Genau danach handelt der 43-jährige Wahl-Coburger mit hessischen Wurzeln. Gorr spricht von einem neuen Kapitel, das er mit den "Schwarz-Gelben" 2021 aufschlägt. Der Zeitpunkt für einen Neuanfang sei gekommen. Natürlich habe die Corona-Krise die Entwicklung des "Unternehmens HSC" gehemmt. Er hat sich sein erstes Jahr als Geschäftsführer auch völlig anders vorgestellt, aber der Tatendrang des wichtigsten Mannes im Klub hat deshalb nicht gelitten. Ganz im Gegenteil: Mit einer geballten Menge an Willens- und Schaffenskraft hat der "Handball-Narr" im positiven Sinne in den vergangenen Wochen die Weichen für die neue Saison und vielleicht auch darüber hinaus gestellt.

Lehren aus Frust-Saison gezogen

"Wir haben eine spannende, entwicklungsfähige Mannschaft mit vielen interessanten Spielern." Gorr freut sich riesig auf den Re-Start: Die Frust-Saison in der 1. Liga sei aufgearbeitet. Der Klub habe die Lehren daraus gezogen. Nur ein Beispiel: "Ein Team lebt von der Zusammenarbeit. Wir brauchen keine Monologe bei Videoanalysen. Wir brauchen im Team einen regen Austausch, kontroverse Meinungen. Die Spieler müssen sich einbringen und viel mehr gemeinsam diskutieren. Nach Lösungen suchen. Gemeinsam Wege entwickeln, wie wir einen Gegner besiegen wollen. Das hat mir im letzten Jahr total gefehlt."

Nicht mehr Schuld bei anderen suchen

Jeder Spieler müsse künftig mehr Verantwortung für sein Tun und Handeln übernehmen und aufhören, die Schuld bei anderen zu suchen. Jan Gorr baut dabei auf Alois Mraz. Der Trainer habe definitiv eine zweite Chance verdient. Aber Gorr sagt auch ganz klar: "Natürlich muss er seine Stärken in der 2. Liga beweisen." Mit "beweisen" meint der langjährige HSC-Trainer aber keineswegs den sofortigen Wiederaufstieg. "Das wäre vermessen." Auch ein Spitzenplatz ist keine Selbstverständlichkeit - aber der Weg müsse passen. Die Leistungen stimmen. Die Körpersprache stets motivierend sein. Das Team soll reifen. Fortschritte müssten erkennbar sein. Die Fans müssen mit begeisterten Heimspielen in den Bann gezogen werden. Gorr will, dass Euphorie entfacht wird. Handball-Coburg soll aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden. "Wir sind wieder hier - wir wollen es besser machen!"

HUK-Arena soll Spaßtempel werden

Miteinander. Gemeinsam. Mutig. Mit ganz viel Elan und Siegeswillen. Die HUK-Arena soll zum Spaßtempel werden. Handball in der Vestestadt wieder zu einem Event für Groß und Klein. Gorr weiß, dass die 2. Liga künftig - ähnlich wie beim Fußball - enorm stark ist. Vier Absteiger aus der 1. Liga, eine Handvoll ambitionierter, etablierter Zweitligisten - da ist schwer vorherzusagen, ob der HSC oben mitspielen kann. Und trotzdem: "Einen Freifahrtschein für Spieler oder Trainer wird es nicht geben. Die Ergebnisse müssen auf Dauer natürlich passen", lässt der Hobbyangler keine Zweifel an seinen Ambitionen. Ein Platz im Niemandsland kommt für ihn nicht infrage.

Ein gewisser Erfolgsdruck gehöre eben schon dazu - schließlich ist der HSC Coburg nicht irgendein Handballverein in Deutschland. Die Erste spielt in der 2. Liga, die Zweite in der 3. Liga und die A-Jugend in der 1. Bundesliga - "da muss man lange suchen, bis man etwas Vergleichbares in Deutschland findet", sagt Gorr mit Stolz.

Bevor es am Sonntag, 12. September, wieder um Punkte geht - zum Heimspiel-Auftakt steht gleich ein fränkisches Derby gegen den TV Großwallstadt auf dem Programm (mehr dazu auf Seite 27) - müssen die (Halb-)Profis des HSC naturgemäß in der Vorbereitung schwitzen. Das Programm ist einerseits altbekannt: viel Kraft- und Ausdauereinheiten, Trainingslager im tschechischen Pilsen, Testspiele gegen Eisenach, Bad Neustadt und Erlangen. Doch Gorr hat bei seiner kritischen Analyse Defizite entdeckt, denen er mit neuen Maßnahmen entgegen wirken will. Mit einem zusätzlichen Physiotherapeuten - René Ackermann aus Bamberg - wird künftig anders regeneriert.

Neu: René Ackermann aus Bamberg

"Die Stunden und der erste Tag nach einem Spiel sind für die Regeneration entscheiden. Da haben wir noch viel Luft nach oben. Da können und müssen wir uns dringend verbessern. Und das werden wir mit Hilfe von René - ein absoluter Fachmann auf seinem Gebiet."

Gorr ist sich jedenfalls sicher: Es wird eine spannende Saison. Er und sein HSC sind bereit für neue Taten, für eine neue Ära. Die Sehnsucht nach Normalität mit bunten Handballfesten auf der Lauterer Höhe ist größer denn je.