Es dreht sich nicht alles nur um Corona

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Transparente wurden auf dem Maxplatz verteilt. Foto: Julian Megerle
Transparente wurden auf dem Maxplatz verteilt.  Foto: Julian Megerle

Eine Kundgebung vor dem Rathaus am Maxplatz lenkt den Blick auf vielschichtige Konflikte der heutigen Zeit.

Böen fegen über den Maxplatz und machen es den Leuten schwer. Mit Klebeband befestigen sie Transparente und Banner mit einigem Abstand auf den steinernen Quadraten des Platzes vor dem Rathaus. Gut 50 Stück kommen zusammen.

Für viele Aktive aus der linken Szene ist das die erste Kundgebung seit Längerem: "Ich habe erlebt, wie ein Mädchen in einem Zelt verbrannte" erzählt Tarek mit gesenkter Stimme, der als Freiwilliger in einem Geflüchtetenlager auf der griechischen Insel Lesbos geholfen hatte. Er erzählt, wie in Zeiten von Corona 22 000 Menschen, darunter 8000 Kinder und Jugendliche ausharren müssten. Und das obwohl nur Kapazitäten für rund 3000 Menschen zur Verfügung stünden. Es mangele an Wasser, Essen und ärztlicher Versorgung. Hygiene lasse sich faktisch nicht einhalten. Hilfsorganisationen und freie Medienschaffende würden von Rechtsextremisten bedroht. Auf Fluchtboote werde geschossen.

Kurzum: "Die EU legt einen menschenverachtenden Umgang gegenüber Geflüchteten an den Tag." Für den Freiwilligen lässt die Lage vor Ort keinen anderen Schluss zu: "Ich fordere die sofortige Evakuierung aller Lager!", ruft er ins Mikrofon. Das Klatschen und die Zurufe der umstehenden Leute bekräftigen die Worte.

Alle Krisen bekämpfen

Unter dem Motto "Fight every crisis" - Bekämpft jede Krise - kamen rund 40 Leute zusammen, um Themen auf die Tagesordnung zu setzen, welche in der Corona-Pandemie wenig Gehör finden jedoch weiter relevant sind. Egal ob Klimakrise, die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum, Positionierungen gegen Rassismus und Naziaufmärsche, Umverteilung und Aufwertung von Sorgearbeit, die Verkehrswende, feministische Forderungen für Gleichstellung sowie der Einsatz für Friedenspolitik: Mit bunten Farben und teils meterlangen Bannern war die Kundgebung nicht zu übersehen.

"Pflegekräfte brauchen kein Geklatsche, sondern eine ordentliche Bezahlung", hält Thomas Bollwein von der Hochschulgruppe des Deutschen Gewerkschaftsbundes fest. Für ihn sind die Verhältnisse "grotesk". Menschen in den systemrelevanten Berufen würden unter Selbstgefährdung die Versorgung aufrechterhalten. Gleichzeitig höhle die Groko den Sozialstaat weiter aus, während der Profifußball wieder ins Rollen kommen darf.

Apropos anrollen: "Datteln IV", ein neues Kohlekraftwerk, ging just ans Netz. Es beziehe Kohle unteranderem aus dem Norden Kolumbiens. Der Abbau verursache soziale und Umweltprobleme. Die Profite dienten Staaten im globalen Norden, welche die Kohle verstromen. "Gleichzeitig treffen die Folgen der Klimakrise die ärmsten Menschen im Süden am stärksten", beschreibt das Mitglied der Attacitos die Situation. "Systemwende statt Klimawende" fordert das Publikum.

Zwischendrin läuft Musik. Dann tritt Jonas Braun ans Mikrofon: "Kultur macht das Leben schön. Kultur ist wichtig für uns alle". Er mahnt: Die Lage der Kultur in Bamberg habe sich nicht verbessert. Morph Club, House of Music, Sound and Arts seien nur ein paar Beispiele der Verluste. "Dabei haben wir soviel Potenzial an Kulturschaffenden. Und auch am Publikum mangelt es nicht", ist sich Braun sicher. Von der Stadt Bamberg fordert er ein passendes Konzept, "welches einer Welterbestadt würdig ist."

Jonas Glüsenkamp, kommissarischer Kulturbürgermeister, sagt: "Ich bin diesen Menschen dankbar, dass sie an diese Themen erinnern." Die kreative Form der Kundgebung sei eine Möglichkeit, um die Abstände gut einhalten zu können und das Recht auf Versammlungsfreiheit wahrzunehmen. Auch Stephan Kettner, Stadtrat der Bamberger Linken Liste, sieht wichtige Punkte die Kundgebung zu unterstützen: "Es ist schwer nachzuvollziehen, dass hart arbeitendes Pflegepersonal einen 1000-Euro-Coronabonus erhält und jemand, der sich einen teuren Neuwagen leisten kann, mit 4000 Euro bezuschusst werden soll, wie es die diskutierte Abwrackprämie vorsieht." Hier müsse eine Wende passieren.

Staatshilfen beim Klimaschutz

"Die Ungerechtigkeiten, welche vorher schon bestanden haben, wurde durch Corona weiter verschärft", findet Zuhörerin Ronja. Für den Zuschauer Stefan Albrecht ist klar: "Wir müssen unser demokratisches Grundrecht wahrnehmen, da die Situation genutzt wird, Entscheidungen durchzudrücken." Siehe Staatshilfen für Firmen. "Ich finde es schon bezeichnend, dass in Sekundenschnelle Maßnahmen ergriffen werden", pflichtet Marlene bei. Sie kann der Situation auch etwas Gutes abgewinnen: "Genauso schnell kann die Gesellschaft sich entscheiden, etwa in Klimaschutz und in die Unterstützung von Geflüchteten zu investieren."