Ein Ort lange vor unserer Zeit: Im sechsten vorchristlichen Jahrtausend siedelten etwa 500 Jahre lang Menschen in der sanft geschwungenen Talmulde zwischen den heutigen Dörfern Püchitz und Stadel. Der Siedlungsplatz war Fachleuten schon länger bekannt. Die Artefakte aus der Zeit der Bandkeramik hätten weiterhin gut geschützt in der Erde bleiben können, wenn nicht die ICE-Trasse zwischen Ebensfeld und Erfurt gebaut worden wäre. Weil der projektierte Schienenstrang mitten durch das steinzeitliche Dorf verlaufen sollte, entschloss sich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, die Zeugnisse der dortigen Siedlung im Sommer 2010 mit einer archäologischen Grabung zu sichern.

Auf dem Siedlungsplatz, der zwischen den jetzigen ICE-Tunneln Eierberge und Kulch liegt, wurden zahlreiche Spuren einer bäuerlichen Kultur gefunden. Die Archäologin Anneli Wanger-O'Neill sichtete und bewertete diese Fundstücke. "Das hat mich die letzten acht Jahre beschäftigt", sagt die 36-Jährige. Von 2011 bis 2019 wertete sie die Funde aus und legte die Ergebnisse in ihrer Dissertation nieder. Die Doktorarbeit, die sie am Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilian-Universität München vorlegte, trägt den Titel "Die linienbandkeramische Siedlung Stadel bei Bad Staffelstein, Oberfranken".

Fast 500 Jahre Besiedlungsdauer

Die Funde stammen aus der Zeit zwischen 5500 und 5050 vor Christus, sagt sie - aus einer Epoche, die als Linienbandkeramische Kultur bezeichnet wird. Es sei eine Besonderheit dieser Siedlung, dass sie so lange bestand, fügt sie hinzu. Welche Funde aus wissenschaftlicher Sicht am spektakulärsten sind, möchten wir von der Archäologin wissen. "Ein Anwohner, der diese Gegend kennt, findet vielleicht ein Steinbeil beeindruckend - doch für uns Wissenschaftler ist gerade die Masse der Funde interessant", antwortet sie. Mit den zahlreichen Fundstücken lasse sich gut arbeiten, daraus könnten Erkenntnisse abgeleitet werden: Es gebe nun nicht nur Funde, wichtig seien zudem die Befunde.

"Wir konnten hier viele Hausgrundrisse rekonstruieren", fährt sie fort. Mindestens 49 archäologisch erfasste Häuser, zwei Palisadengräben sowie vier menschliche Bestattungen wurden bei der Ausgrabung entdeckt. Hinzu kommen über 17 000 keramische Gefäßfragmente sowie zudem über 400 Silex-Stücke (Feuerstein) und mehr als 2000 Felsgestein-Fragmente - etwa Steinbeile oder Mahlsteine. "Ich kann eigentlich nicht sagen, dieser oder jener Fund sei der Spektakulärste. Die Masse an Funden, die wir auswerten konnten, führte dazu, schöne, quantitative Aussagen machen zu können."

Dennoch sei ein Fund herausragend: Das kleine Fußfragment eines Tongefäßes, das eine Parallele zu einer anderen steinzeitlichen Siedlung bei Zilgendorf herstellt, wo in den 1960er-Jahren ein ähnliches Fußfragment aus Ton gefunden wurde.

Die Häuser wurden jeweils für eine Generation errichtet, die nächste Generation errichtete ein neues Haus, so verlagerte sich nach und nach die ganze Siedlung, sagt Anneli Wanger-O'Neill. Wie viele Menschen in der Siedlung gelebt haben, könne man hochrechnen. Das sei eine spannende Aufgabe, denn es handle sich um eine ungewöhnlich große, zusammenhängende Siedlungsfläche. Nur ein Teil dieser Siedlung wurde ergraben. Mit den Hilfsmitteln der Geophysik wurden Messungen ausgeführt. Und mit Unterstützung der Magnetik seien die Flächen außerhalb der gegrabenen Areale untersucht worden. Dabei sei es darum gegangen, wo im Umfeld weitere Spuren zu finden sind, die auf die Siedlung schließen lassen. Mit diesen Erkenntnissen lasse sich hochrechnen, dass dies Siedlung wohl eine Gesamtgröße von neun, vermutlich sogar elf Hektar hatte.

Anhand dieser Fakten lasse sich die Phase der größten Bebauungsdichte errechnen: Insgesamt wurden 49 Häuser auf der ausgegrabenen Fläche gefunden. "Man kann auf 170 bis 200 eigenständige Wohnbauten für die gesamte Siedlung schließen", sagt die Archäologin, doch für jede einzelne Besiedlungsphase seien es deutlich weniger gleichzeitige Bauten gewesen.

Ein Dorf mit 160 Bewohnern

Für einen späten Abschnitt der mittleren Linienbandkeramik um 5100 v. Chr. lasse sich die größte Bebauungsdichte nachweisen, fügt sie hinzu. Auf der gesamten Siedlungsfläche ließen sich in dieser Epoche rund 20 Häusern annehmen. "Wenn man für diese Häuser jeweils sechs bis acht Bewohner rechnet, kommt man auf bis zu 160 Personen gleichzeitig. Das ist eine Menge - deshalb kann man von einer Großsiedlung sprechen."

Für Unterfranken, das eine hohe bandkeramische Siedlungsdichte aufweise, und für Oberfranken sei dieses einstige Dorf zwischen Stadel und Püchitz ungewöhnlich groß. In Oberfranken gebe es in lockerer Streuung nur rund 100 bekannte linienbandkeramische Fundplätze. Dieser Ort sei bisher die größte zusammenhängend ausgegrabene Siedlung der Linienbandkeramik Nordbayerns.

In ihrer Doktorarbeit geht Anneli Wanger-O'Neill auf die Besonderheiten des Dorfes ein. Die Siedlung als solche sei bekannt gewesen, sagt sie. Der Platz sei jedoch mit einem starken Kolluvium überdeckt gewesen. Damit meint sie die Humusschicht und die lockeren Sedimente, die im Lauf der Jahrtausende durch Regen, Wind und Wetter hier abgelagert wurden. Nachdem diese meterdicke Schicht aus Lockersedimenten des angeschwemmten und umgelagerten Bodenmaterials von den Archäologen abgetragen war, kamen verblüffend viele Funde zum Vorschein.

"Überrascht haben mich die lange Siedlungskontinuität und die fast lückenlose Belegung während der Zeit der Bandkeramik", fährt sie fort. Die Siedlungsentwicklung sei fast generationengenau nachvollziehbar: "Das waren Bauern, die Ackerbau und Viehzucht betrieben." Aus all den Fakten lasse sich folgern, dass diese Menschen nicht sehr alt geworden sein können: "Es gab sicherlich Zeiten, in denen Mangel vorherrschte, weil Ernten ausgefallen sind." Für den Zeitraum, in dem die Siedlung belegt ist, seien die klimatischen Bedingungen jedoch bekannt: "Es herrschte ein weitgehend günstiges Klima."

Eine neue Lebensweise

Das Dorf hatte wohl ein sehr komplexes Netzwerk an Beziehungen zu anderen Siedlungen. Die Menschen, die diese Siedlung gründeten, kamen von weit her. Diese Einwanderer brachten die Tradition von Ackerbau, Viehzucht, geschliffenem Steinwerkzeug und Keramik mit. Bis dahin lebten hier nur Jäger und Sammler. Anneli Wanger-O'Neill: "Diese ersten sesshaften Menschen brachten neue Lebensweisen mit. Sie kamen wohl aus dem transdanubischen Raum", also aus den heutigen Ungarn. Darauf deuteten die Verzierungen an den ausgegrabenen Gefäßen hin. Gleichzeitig existierten aber die Jäger und Sammler noch einige Zeit weiter.

Die Knochenfunde von zwei Erwachsenen und zwei Kindern seien ebenfalls interessant: Von anderen Ausgrabungsorten sei bekannt, dass manchmal inmitten einer Siedlung bestattet wurde. Das sei jedoch nicht der Regelfall gewesen.

Die menschlichen Knochen seien anthropologisch untersucht worden: Eines der Kinder war drei bis fünf Jahre alt, das andere sieben bis neun Jahre. Ein Skelett weist auf einen 30- bis 50-jährigen Mann, das zweite Erwachsenenskelett sei nicht eindeutig zuzuordnen, weil es sehr schlecht erhalten ist.

Die Fundstücke, die nun ausgewertet sind, befinden sich in einem Depot der Archäologischen Staatssammlung in München. Die Menschenknochen werden in der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie aufbewahrt. Ausgestellt sind momentan noch keine Fundstücke, sagt die Archäologin, es sei aber vorgesehen. Bis es soweit ist, müssten erst noch die Gefäße restauriert werden.