Man freut sich immer noch, dass wieder ein kleines bisschen Normalität zurückgekehrt ist, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Oder anders gesagt: dass das Bayerische Kammerorchester Bad Brückenau nach seinem leichten und erleichternden Sommerkonzert jetzt auch das Herbstkonzert spielte. Freilich mit reduzierter Besucherzahl und zeitlicher Beschränkung, aber dafür zweimal hintereinander.

Natürlich hatte das auch Auswirkungen auf das Programm: "Wiener Klassik in B" war ursprünglich geplant mit zwei Sinfonien von Mozart und Haydn und dem 2. Klavierkonzert von Beethoven. Aber die Corona-Vorschriften funkten dazwischen, und es musste neu geplant werden. Denn das Konzert wäre zu lang geworden, hätte eine Pause benötigt. Und der Flügel hätte so viel Platz gebraucht, dass eine Aufstellung des Orchesters nach den Abstandsregeln nicht mehr möglich gewesen wäre. Außerdem wäre der große Personalaufwand nur schwer finanzierbar gewesen.

Italien als Alternative

Die schließlich gefundene Alternative war auch alles andere als abschreckend: "Viva Italia!" Da gibt es ja auch einen unerschöpflichen Stückefundus. Ob's freundliche Hinterlist von Sebastian Tewinkel war, wird sich wohl nie klären lassen. Aber man könnte meinen, dass er die Gunst der Stunde und die starke Sehnsucht nach Musik nutzte, um drei Komponisten auszuwählen, die alle im 20. Jahrhundert tätig waren - eine Zeit, die nicht bei allen Konzertbesuchern gleichermaßen beliebt ist.

Aber der Chefdirigent konnte auf die Treue des Brückenauer Publikums zählen. Und er war rücksichtsvoll. Schließlich ist nicht überall, wo 20. Jahrhundert draufsteht, auch 20. Jahrhundert drin. Ottorino Respighi arrangierte in seinen "Antiche danze ed arie" Lautenmusik aus dem 16. und 17. Jahrhundert, Luciano Berio griff bei seinen elf "Folk Songs für Mezzosopran und sieben Instrumente" auf alte Volkslieder aus aller Welt zurück - versteckte darin allerdings auch zwei Eigenkompositionen. Und Nino Rota schwebt ohnehin über den Jahrhunderten. Es konnte also trotzdem ein recht unterhaltsamer Abend werden.

Obwohl er mit Respighis 3. Suite der "Antiche danze" begann. Es ist nicht unbedingt die stärkste der drei Suiten, denen allen Kompositionen für ein einzelnes Saiteninstrument zugrunde liegen und aus denen er Arrangements gefertigt hat.

Bei den ersten beiden Suiten bediente er sich noch des großen Orchesterapparats, vor allem auch Bläsern, die viel Farbe ins Spiel bringen. Die 3. Suite hat er nur noch für Streicher gesetzt, und es ist ihm nicht wirklich gelungen, die speziellen Möglichkeiten dieser Besetzung über das Monochrome hinaus zu zeigen und einzusetzen. Und nachdem die Strukturen der Originale wenig Spannung vermitteln, tun sie es jetzt auch nicht, sondern die Sätze ergehen sich in zahlreichen Wiederholungen.

Es gibt ein "Aber!"

Allerdings kommt jetzt das große Aber! Dass sich das Wörtchen "Langeweile" sehr schnell verabschiedete, lag an den Interpreten. Denn Tewinkel und sein Team sorgten mit differenzierten, dynamischen Kontrasten und mit einem steten Vortrieb für Entwicklungen und Vielfalt, die sie jenseits der Strukturen spannend machten.

Da hatte es Luciano Berio mit seinen "Folk Songs" natürlich leicht, zum Höhepunkt des Konzerts zu werden - sie wären es allerdings auch bei stärkerer Konkurrenz geworden. Denn auch das ist wie bei Respighi in gewisser Weise Recycling: Berio hat die Lieder in alten Büchern und auf alten Schallplatten aus Amerika bis Aserbaidschan gefunden, aber er hat - nicht nur bei seinen eigenen Liedern - wirklich etwas Neues daraus gemacht.

Nichts zum Mitklatschen

An die gesungenen Melodien ist er nur sehr wenig herangegangen, aber er hat aus der Begleitung eine ganz eigene Welt gemacht. Das war natürlich deshalb leicht, weil er mit der Besetzung mit Bratsche, Violoncello, Harfe, Flöte, Piccoloflöte, Klarinette und zwei Schlagwerken fabelhaft variieren kann. Und weil Sebastian Tewinkel sieben Leute um sich hatte, die offensichtlich Freude an dieser filigranen Differenzierung hatten.

Es war nie die volksmusikalisch mitunter etwas derbe Begleitung, die da erklang - sozusagen zum Mitklatschen - sondern es waren höchst raffinierte, in ihrer Zusammensetzung oft rätselhafte Klangbilder und -flächen jenseits der vertrauten Rhythmik, die man mitunter erst entdecken musste, und die der Singstimme außerordentlich stimmungsvolle Angebote machten.

Die Mezzosopranistin Catriona Morison war genau die Richtige, auf diese Angebote einzugehen. Gesangstechnisch und intonatorisch auf sicherem Gelände, konnte sie mit ihrer Stimme spielen: das Witzige, das Laszive, das Pathetische, das Sprachakrobatische, das Innige und das Rausschmeißerische. Selbst wenn sie in unverständlichen Sprachen sang - wer versteht schon Armenisch? - war sofort klar, worum es ging. Und es ging nicht immer nur um Liebe. Diese Berio-Lieder in dieser Besetzung, das war schon eine echte Entdeckung.

Und dann Nino Rota mit seinem "Concerto per archi". Berühmt geworden ist er ja mit seinen ungezählten Filmmusiken, die er wie am Fließband aufgrund der Nachfrage produziert hat. Man würde ihm nicht gerecht, wenn man ihn auf seine Filmmusik reduzieren würde, denn er hat auch eine ganze Menge Musik im klassischen Bereich komponiert. Aber er macht es einem selber schwer damit, denn beispielsweise dieses "Concerto" hat einiges Filmmusikalisches an sich, wie die strukturelle Möglichkeit, mehr oder weniger jederzeit abbrechen zu können. Man denkt beim Zuhören auch hier ungewollt immer ein bisschen Film mit. Und beim Scherzo kommt man ins Grübeln, wo und wann man diese Musik schon einmal gehört hat.

Gut organisierter Krach

Spaß macht sie trotzdem, weil die mit Schwung, mit viel klanglicher und rhythmischer Raffinesse arbeitet. Da konnte man das bekommen, was man sich schon bei Respighi gewünscht hätte: eine intelligente reuelose Unterhaltung mit viel Witz. Und das BKO lieferte entsprechend, machte das Zuhören zu einem enormen Vergnügen - Filmmusik hin oder her. Und am Ende staunte man dann doch wie viel wohlgefälligen, wenn gut organisierten Krach elf Streicherinnen und zwei Streicher machen können.

Aber dann sind wir doch noch beim Film angekommen - bei den "Ladykillers". Allerdings nicht mit Musik von Nino Rota, sondern von Luigi Boccherini: mit dem höchst berühmten Menuett aus seinem Streichquintett E-dur op. 11/5, mit dem die fünf Ganoven die arglose Mrs. Witherspoon über ihre wahren Absichten hinwegtäuschen.