Einerseits leiden das Handwerk und die Industrie nicht nur in der Region unter Fachkräftemangel. Andererseits sind seit 2015 zahlreiche Geflüchtete in Deutschland angekommen. Können beide Seiten von dieser Situation profitieren?
Niklas Schmitt Sind das die beiden sprichwörtlichen Fliegen, die in Coburg mit einer Klappe geschlagen werden? Rainer Kissing, Leiter Berufliche Bildung der IHK zu Coburg, bezeichnet die Situation vorsichtig als "glückliche Fügung". Gemeint ist das gleichzeitige Fehlen von Fachkräften und die Aufnahme von jungen Geflüchteten.
Rainer Landwehr, Geschäftsführer von Dietze und Schell, fasst die schwierige Situation ebenso zurückhaltend zusammen: "Bei jungen Fachkräften sind Geflüchtete sicherlich in Teilen eine Lösung."
Sprachkenntnisse sind wichtig
Der Tenor jedoch ist klar: Geflüchtete können dem Arbeitsmarkt dienen, indem sie Leerstellen bei Lehrstellen schließen. Aber wie schaffen die Geflüchteten den Sprung von Migrant zu Lehrling? "Die Integration in den Arbeitsmarkt geht nur über die Sprache", sagt Landwehr. Ähnlich sieht das auch Merouane Qsiyer, Ausbildungsakquisiteur für Flüchtlinge an der IHK: "Die deutsche Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg." Doch die Erkenntnis alleine reicht nicht aus.
Daher hat die IHK zu Coburg bereits ein Jahr nach dem großen Flüchtlingsstrom 2015 ein Projekt aus der Taufe gehoben, das die besagten Fliegen mit einer Klappe schlagen soll. 1+3 ist die Formel, mit der die IHK die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt im Raum Coburg gebracht hat. Dauert eine gewöhnliche Ausbildung in der Regel drei Jahre, wird für Geflüchtete noch ein Jahr vorne drangehängt. Gleich vom Anfang gibt es einen Ausbildungsvertrag und eine Vergütung. Kombiniert werden eine duale Ausbildung mit gleichzeitigem, auf die Geflüchteten ausgerichteten Spracherwerb. Daher die Verlängerung der Ausbildung um ein Jahr.
Im ersten Jahr seiner Ausbildung muss der Auszubildende - es sind bisher tatsächlich nur Männer - an drei Tagen in der Woche in die Berufsschule gehen. Dort lernt er einerseits in eigenen Klassen Deutsch genauso wie berufsbezogenes Deutsch und bekommt ebenso fachbezogenen Unterricht.Im Laufe der Ausbildungszeit wird der allgemeine Deutschunterricht reduziert. Dann nehmen die Geflüchteten auch am gleichen Unterricht wie ihre Kollegen teil.
Doch dieses Angebot alleine genüge nicht, sagt Qsiyer. Die IHK leiste Hilfestellung durch dieses bundesweit einzigartige IHK-Kombimodell, aber, so betont er, müsse diese Hilfe auch angenommen und dafür zu Hause gelernt werden. Nicht nur das. Um die begrenzten Plätze adäquat zu besetzen, führt die IHK Bewerbungsgespräche und Eignungstests durch. Eine Sprachbarriere gibt es dabei nicht, denn Merouane Qsiyer spricht Arabisch. Er sagt, wenn jemand Mathematik verstehe, dann verstehe er die auch auf Arabisch. Getestet werden Geometrie, Algebra, Dreisatz und Bruchrechnen. So will der Ausbildungsakquisiteur die Qualifikationen kennenlernen. "Ich lege Wert auf diesen Test," sagt er, "weil ich weiß, dass das funktioniert."
Erfolg für beide Seiten
Insgesamt 95 Geflüchtete befinden sich aktuell im IHK-Bezirk Coburg in Ausbildung. Darunter 18, die ihre Ausbildung im 1+3-Kombimodell in diesem Jahr aufgenommen haben. Ausgeweitet wurde das Modell auch an die Berufsschule Lichtenfels, wo in diesem Jahr elf Teilnehmer in eine neue Klasse gestartet sind. Die Teilnehmer der ersten Generation sind bereits ausgelernt und wurden allesamt übernommen. Ein Erfolg, von dem auch die Firmen profitieren.