Marco Meißner: Beim Bürgerspital ist nach wie vor noch nicht klar, wo die Reise hingeht. Wo sehen Sie die Zukunft des Gebäudes und vor allem: Wann soll's weitergehen? Sabine Gross: Das Bürgerspital ist ein traumhaftes Gebäude mitten in der Stadt. Dass es seit 2017 ungenutzt herumsteht, ist eine Katastrophe. Ob Fördermittel generiert werden könnten, ist bislang unklar: Die geplanten Wohnungen sind mit 29 Quadratmetern zu klein. 34 müssten es sein.Wir haben - trotz Machbarkeitsstudie - kein Konzept. Auf der anderen Seite schrumpfen die Mittel der Bürgerstiftung stetig. Das Gebäude für jüngere Leute nutzbar zu machen, gibt der Stiftungszweck nicht her. Im Augenblick haben wir eine Pattsituation. Diesen Knoten müssen wir lösen. Johannes Vogt: Ich stelle mir etwas Generationenübergreifendes vor, eine Art Makerspace oder Technologiezentrum, das für jeden offen steht. Angela Hofmann: Ich kann mir das Bürgerspital nur als Begegnungszentrum und als Wohnraum für Senioren vorstellen. Die Zimmer sind günstig geschnitten und könnten gut an Ehepaare oder Alleinstehende vermarktet werden. Wenn wir die Räume herrichten, ohne sie barrierefrei umzubauen, könnten bereits in einem Jahr dort wieder Menschen wohnen. Wir sollten uns nicht abspeisen lassen, sondern mit der Regierung über Fördermittel verhandeln. Gross: Ich fände es kritisch, wenn sich die Stadt - bei den anstehenden Aufgaben - da auch noch finanziell beteiligen würde. Die Zeit drängt, der Leerstand tut dem Gebäude nicht gut. Ich würde einen Juristen beauftragen (lacht). Meißner: Die Parkplatzsituation ist ebenfalls häufig Thema. Für Werktätige, die täglich in die Stadt pendeln, stellt sich die Frage: Wo stellen sie ihr Auto ab? Wie bewerten Sie die aktuelle Parkplatzsituation und in wie weit prallen die Interessen der Autofahrer mit denen der Radfahrer aufeinander? Gross: Ich denke, dass wir noch einige Parkplätze brauchen und finde die Idee mit dem Parkdeck an der Europabrücke nicht verkehrt. Man müsste prüfen, ob das möglich ist. Das vorhandene Parkdeck in der Stadt wird - außer bei größeren Veranstaltungen - kaum genutzt. Vielleicht müssten dort einmal die Parkbuchten vergrößert werden, wenn das statisch möglich ist. Vogt: Ein Parkdeck an der Europabrücke wäre sinnvoll, weil das ein zentraler Parkplatz ist und die Leute dort immer einen Parkplatz suchen. Für diejenigen, die in der Stadt arbeiten, wäre es eine Erleichterung. Hofmann: Kronach ist fahrradfreundliche Kommune. Diesen Titel gilt es, zu verteidigen. Wir haben das Ziel, mehr Besucher mit dem Fahrrad in die Stadt zu locken. Nichtsdestotrotz gibt es Situationen, in denen es ohne Auto nicht geht oder man nicht erst ins Parkdeck fahren will, um ein paar Brötchen zu kaufen. Momentan haben wir relativ viele Baustellen, weshalb einige Parkplätze wegfallen. Doch das Problem müssen wir künftig lösen. Viel verspreche ich mir von dem neuen Mobilitätskonzept. Im Bereich von Marienplatz, Schwedenstraße und Spitalstraße können wir noch ein paar zusätzliche Parkplätze generieren. Außerdem gibt es immer die Möglichkeit, in Richtung Tiefgarage zu gehen. Vogt: Das halte ich für sinnvoll, weil wir so keine Flächen verlieren. Wir haben in der Innenstadt wenig Platz. Gross: Es kostet natürlich richtig Geld, eine Tiefgarage ordentlich abzudichten. Sonst haben wir in kurzer Zeit dort das Wasser stehen. Meißner: Wir reden viel über Nachverdichtung, mehr Wohnraum und Platz für neues Gewerbe. Wo sehen Sie noch Potenzial? Hofmann: Das Loewe-Areal lässt sich noch intensiver nutzen als bisher. Wir sollten es zu einem Technologie-Campus weiterentwickeln, wo wissenschaftliche Forschung und Lehre kombiniert wird. In Neuses gibt es auch noch einige Gewerbeflächen. Vogt: Die Nutzbarkeit sollte aber nicht auf bestimmte Gruppen wie Studenten und Akademiker beschränkt sein, sondern jedem offenstehen. Es gibt in Kronach viel Potenzial, das es zu nutzen gilt. Auch viele Flächen, die in Privatbesitz sind, stehen leer und werden nicht genutzt. Da ist es natürlich schwer, Druck auszuüben. Aber irgendetwas müsste schon passieren. Diese Flächen brauchen wir. Familien sollen hier bauen können. Gross: In der Stadt wird es nur funktionieren, wenn man die Leute, die Leerstände haben, dazu bewegen kann, dass sie Wohnraum daraus machen. Das Problem: Wenn die privaten Eigentümer Geld in die Hand nehmen, wollen sie auch entsprechende Mieten haben. Der Weg geht dann nur über sozialen Wohnbau, wo es Zuschussprogramme gibt. Die Stadt wird sicher nicht mehr Träger werden, aber eventuell der Landkreis. Wenn es Ideen und ein Konzept gibt, kann man auch etwas bewirken. Hofmann: Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt läuft, erkennt man die Flächen, wo sich gar nichts mehr tut. Auf diese Eigentümer müssten wir aktiv zugehen. Mir ist wichtig, dass wir unsere Stadt von innen nach außen entwickeln. Gross: Wir dürfen auch nicht die Entwicklung der Ortsteile vergessen, dass sie nicht überaltern und der Wegzug zunimmt. Denn dort können sich junge Familien noch Eigentum leisten. Meißner: Stichwort Ortsteile: Wie kann verhindert werden, dass sie abgehängt werden? Hofmann: Das neue Mobilitätskonzept bringt die Ortsteile näher an den Stadtkern heran. Mit Perspektive auf den Lucas-Cranach-Campus werden hoffentlich private Bauinitiativen in den Ortsteilen aktiv. In leerstehenden Einfamilienhäusern könnten Studentenwohnungen entstehen. Wir müssen auch als Stadt konzeptionell an die Sache herangehen: Wie wollen junge Menschen und Facharbeiter künftig wohnen und wie können wir das gestalten? Moderne Modelle wie Wohngemeinschaften sind da ein Thema.

Meißner: Müsste es dort mehr gastronomische und Freizeitangebote geben, um die Leute in ihrer Freizeit in die Ortsteile zu locken? Hofmann: Das würde ich eher am Landesgartenschau-Gelände sehen. Gross: Wir dürfen die Ortsteile aber wirklich nicht aus den Augen verlieren. Wenn die Jüngeren dort wegziehen, gehen auf Dauer die Vereine kaputt. Und wer kümmert sich dann um die älteren Leute? Ich kenne durch meine Arbeit im Mieterverein viele junge Familien, die dringend Eigentum suchen. Die Tendenz geht klar dahin. Darum ist es wichtig, die Ortsteile, zum Beispiel über die Dorferneuerung, attraktiv zu machen. Das Vereinsleben muss mehr gefördert werden. Gut wäre auch, wenn die Stadt ein kostenloses Immobilienportal anbietet, das Fördermöglichkeiten aufzeigt. Meißner: Beim Bauen sind erneuerbare Energien ein Thema. Wie weit nutzt die Stadt bereits ihre Möglichkeiten und wie können die Bürger mit ins Boot geholt werden? Hofmann: Die Energiewende findet vor Ort, in den Kommunen, statt. Man wird mit den Photovoltaikanlagen zwar in jedem Fall auf die Grüne Wiese gehen müssen, aber auch auf die Dächer. Kronach macht das schon ganz gut, auf den Schuldächern haben wir Photovoltaikanlagen und bei Bauhof und Stadtwerken sind sie auch schon im Einsatz. Auch bei der energetischen Sanierung der Lucas-Cranach-Grundschule wurden welche angebracht. Die Energie für die Kläranlage kommt aus Biogas-Anlagen. Wir können aber noch mehr Akzente setzen. Vogt: Photovoltaikanlagen sehe ich eher kritisch. Da müssen Menschen unter Umständen arbeiten, die nicht schön sind. Wasser- und Windenergie halte ich für sinnvoller. Die Leute müssen umerzogen werden. Häufig wollen sie vehement Windräder verhindern, weil dadurch angeblich massenhaft Vögel und Fledermäuse sterben. Doch da spielen viele Umwelteinflüsse eine Rolle. Windräder machen nur einen kleinen Teil aus. Gross: Betrachtet man die Folgen für die Flüsse, ist Wasserkraft noch viel kritischer zu sehen. Ich glaube, dass Photovoltaik die Zukunft ist und dass bei Baumaßnahmen immer geprüft werden sollte, ob das auf dem jeweiligen Dach möglich ist. Wir sollten noch mehr auf Heizen mit Holz setzen. Derzeit gibt es sehr viel Borkenkäferholz, das nicht genutzt wird. Hofmann: Über Dämmmaßnahmen kann bei der energetischen Sanierung auch schon viel bewirkt werden. Gross: Die energetische Sanierung darf nur nicht so aussehen, dass einfach eine Fassade gedämmt wird und im Jahr darauf die Mieten erhöht werden, sodass sie die Leute nicht mehr bezahlen können. Auch hier müssten Privateigentümer über ein Portal auf Fördermöglichkeiten hingewiesen werden. Vogt: Wir sollten daran arbeiten, dass alternative Methoden mit Infraleichtbeton anerkannt werden, mit dem monolithisch und umweltfreundlich nach innen gebaut werden kann. Meißner: Derzeit besteht der Stadtrat aus fünf Gruppierungen. Nach der Kommunalwahl könnten es acht sein - etwas, das dem Gremium guttut oder die Politik eher ausbremst? Gross: Ziel muss immer sein, dass Beschlüsse nicht durch Gruppeninteressen verhindert werden. Wenn der Stadtrat steht, muss er für die Interessen der Bürger arbeiten und nicht für Eigeninteressen. Das muss auch in Zukunft so sein. Vogt: Mit fast allen Stadtratsmitgliedern kann man - meiner Erfahrung nach - reden. Hofmann: Mehr Listen ermöglichen mehr Demokratie. Die Wähler müssen sich diesmal noch mehr Zeit nehmen, die Wahlprogramme zu studieren, um ihre Entscheidung zu treffen. Wenn man sachbezogene Politik macht, kann man auch mit Sachargumenten überzeugen. Da sehe ich kein Problem. Unser amtierender Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein ist dafür ein gutes Beispiel: Im Vorfeld wurde viel und oftmals hitzig diskutiert - aber immer sachlich. Am Ende gab es jedoch fast immer einstimmige Entscheidungen.