Alles anders als gedacht. Selbst die Verkündung der Spendensumme musste unter Corona-Bedingungen stattfinden. Denn: Tobias, positiv getestet, befand sich in Quarantäne und saß in einem Zimmer im ersten Stock, während seine Frau Juliane unten im Wohnzimmer in ihrem Pflegebett lag und versorgt werden musste.

Doch Face-Time macht's möglich. Gespannt schauen beiden in ihr Handy und können es kaum glauben, als sie durch unseren Anruf erfahren, dass bei der Spendenaktion 204 369,18 Euro zusammengekommen sind. Tobias verschlägt es - für einen Moment - die Sprache. Mit weit aufgerissenen Augen glaubt er kaum, was er hört. Juliane ist so gerührt, dass sie sich eine Träne nicht verdrücken kann. Damit hatte wirklich niemand gerechnet. "Unfassbar, wer alles an mich gedacht hat."

1574 Menschen spenden

Die Resonanz auf die Spendenaktion von "Franken helfen Franken" übertraf alle Erwartungen. Insgesamt haben 1574 Menschen, Vereine und Institutionen für die Familie 204 369,18 Euro (Stand 10. Februar) gespendet. Der Vorstand des Vereins "Franken helfen Franken" hat dann die Summe auf 210  000 Euro aufgestockt.

"Die herausragende Spendenbereitschaft für Juliane und ihre Familie zeigt, dass wir Franken zusammenhalten und dass die Arbeit unseres Spendenvereins Franken helfen Franken wirklich etwas an die Menschen unserer fränkischen Heimat zurückzugeben vermag", sagt Jessica Nickel, Vorstandsmitglied von "Franken helfen Franken". Sie freue sich von ganzem Herzen, "dass wir gemeinsam mit unseren Leser*innen Juliane und ihrer Familie ein Stück weit finanzielle Sorgen nehmen können. Ich möchte allen Spender*innen schlicht Danke sagen für jede einzelne Spende, ganz egal ob fünf oder 5000 Euro. Gerne haben wir den Betrag daher auf 210 000 Euro aufgerundet." Sie ganz persönlich habe die ungebrochene Lebensfreude dieser jungen Frau Demut und Dankbarkeit gelehrt. "Ich wünsche der ganzen Familie alles erdenklich Gute und eine positive, glückliche Zukunft."

Hilflosigkeit gespürt

Tobias erinnert sich: "Als damals das alles ganz frisch passiert war, ahnten einige Leute, dass wir es nicht schaffen werden, diesen Weg ohne fremde, finanzielle Unterstützung zu gehen. Im Krankenhaus während des Bondings mit Laurena wurde ich das erste Mal darauf angesprochen und es löste in mir ein fürchterliches Gefühl der Hilflosigkeit, der Angst und vehementen Ablehnung aus.

Ich war es von klein auf gewöhnt, anderen Leuten zu helfen (Pfadfinder, Feuerwehr, Ersthelfer, Ministrant, Zivi bei der Caritas), aber selber empfand ich es als sehr schwer vorstellbar - ja als geradezu etwas Verwerfliches, Unethisches, seine Sachen nicht selber hinzubekommen und in so einer Form auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein."

In den darauffolgenden Monaten wurde zunehmend klarer, wie heftig und nachhaltig das Schicksal tatsächlich zugeschlagen hatte und welche vielfältigen - nicht vorstellbaren Kosten und Lasten in so einer Situation entstehen. Zudem erlangte Tobias die - wie er sagt - "allzu schmerzliche Erkenntnis, dass die sozialen Sicherungssysteme in Spezial- und Extremfällen allzu schnell an ihre Grenzen stoßen".

Auch Juli habe unweigerlich nach und nach mitbekommen, was die Situation letztendlich auch in finanzieller Hinsicht bedeutet. "Das hat sie zusätzlich extrem belastet."

Immer wieder hätten in dieser ersten Zeit Freunde und Bekannte angefragt, ob sie nicht versuchen sollten, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen. "Jedoch dauerte es fast ein Jahr, bis wir soweit waren, den Weg an die Öffentlichkeit endlich zulassen zu können - wir schämten uns aber dennoch innerlich dafür", gesteht Tobias.

Große Anteilnahme

"Als wir dann das Angebot des Coburger Tageblatts bekamen und der Spendenaktion von ,Franken helfen Franken' zustimmten, wurden wir von den Reaktionen fast durch die Bank sehr sehr positiv überrascht. Wir erhielten reihenweise Nachrichten, die unsere Entscheidung bekräftigten, und Anfragen, ob die Artikel auch in Teilen der sozialen Medien verbreitet werden dürfen. Uns wurde allmählich klar, dass offenbar manche Leute quasi nur darauf warteten, uns unterstützen zu können!" Es wurden liebevoll gestaltete Karten und Geschenke (auch für die Kinder) sowohl persönlich als auch anonym vorbeigebracht und diverse Aktionen gestartet, deren (Verkaufs-) Erlöse dann voll oder anteilig weitergegeben wurden. Aber auch von außerhalb Oberfrankens meldeten sich Leute mit kleinen Aktionen wie "Thüringer-helfen-Franken" oder "auch Niederbayern helfen Franken". "Sehr berührt waren wir auch von der großen Unterstützungsbereitschaft lokaler (und auch überregionaler) Vereine, Unternehmen, Kommunen, Mandatsträgern, Sozialverbänden, Stiftungen, der Kirche sowie auch Privatpersonen und Familien. Wir erlebten viele, viele mit Herzblut und viel persönlichem Engagement initiierte und zu unseren Gunsten durchgeführte Aktionen und sind von Herzen dankbar und gerührt über so viel Menschlichkeit und soziales Engagement", schreibt uns Tobias in einer Mail.

Konzert vor der Haustür

Auch erlebte die Familie, dass viele Leute - darunter auch Nachbarn und Kollegen - Essen kochten und vorbeibrachten oder auch mitunter kleine unterstützende handwerkliche Hilfen anboten oder ein Weihnachtskonzert vor der Haustür veranstalteten.

Für Juliane war besonders rührend, dass sie ein Päckchen mit einem Stoffpferd bekam. Auf einer Karte stand: "Meine Tochter hat ihre Situation mitbekommen und glaubt, dass Laurena in dieser Situation unbedingt ein Stoffpferdchen braucht."

Eine tolle Überraschung gelang auch dem Verein Neues Wohnen Coburg, der beim VR Adventskalender 500 Euro gewonnen hatte und über Radio Eins am 24. Dezember mitteilte, diesen Betrag aufzustocken und an "Franken helfen Franken" für Juliane zu spenden. "Eine tolle Aktion, dass ein Verein, der es selbst gut gebrauchen könnte, das dann auch noch aufstockt und weitergibt", findet Juliane.

"Wir werden alle Gelder ausschließlich Projekten zuführen, die die Selbstbestimmtheit von Juliane trotz ihrer massiven Behinderung im Rahmen des Möglichen fördern und ihr und den Kindern eine möglichst große Teilhabe am Familienleben ermöglichen", verspricht Tobias Kuhnlein.

Was möglich ist, wird möglich gemacht

Zwischenzeitlich sind die Planungen für die aufwendige Aufzuganlage weit vorangeschritten und der Bauantrag genehmigt. Auch sei der Badumbau fertig geplant und schon erste Vorarbeiten am Laufen. Die Statikberechnungen zur Entnahme zweier Wände und zur Verbreiterung zweier Türen sind abgeschlossen.

Der Rückbau einer einschränkenden Treppe steht kurz vor Umsetzung. Der behindertengerechte Umbau der Küche und des Essbereichs ist angestoßen und in Planung.

"Was möglich ist, möchten wir für Juliane möglich machen. Die Kosten aller entsprechenden Maßnahmen werden nach aktualisiertem Stand zwischen 400  000 und 500 000 Euro liegen."