Ralf Naumann "Hej du, hallo. Wie schön, dass du heut' da bist. Hej du, hallo. Ich freu' mich, dich zu seh'n", singt Monika Schraut vor ihrem Instrumentenschrank voller bunter Rasseln, Glöckchen und Trommeln. Sie sitzt noch einmal im Probenraum in ihrer Singschule in der Zeiler Adam-Kraus-Straße. Doch sie singt das Begrüßungslied allein.

Zwölf Wochen war sie coronabedingt mit allen ihren Musikkindern nur per Online-Unterricht verbunden. Seit einigen Wochen unterrichtet sie, wenn es das Wetter zulässt, im Freien in ihrem Garten. 218 Kinder kamen in diesem Schuljahr jede Woche zu ihr. Musikgarten, musikalische Früherziehung, musikalische Grundausbildung und Kinderchor waren ihr Metier. Nun wird Monika Schraut nach 20 Jahren die Singschule schließen. Nicht aber, ohne sich am Samstag, 11. Juli, gebührend mit einem weiteren Singspiel zu verabschieden.

Dieses findet jedoch nicht wie gewohnt auf der Bühne im Rudolf-Winkler-Haus statt. "Zum Schutz der Gesundheit aller verzichten wird diesmal auf eine Live-Aufführung", betont sie. Stattdessen geht es auf die Leinwand. Aus dem Singspiel ist ein ganz besonderer Film entstanden, der nun im Kino präsentiert wird. Im altehrwürdigen Capitol-Theater in Zeil findet am 11. Juli um 12.30 Uhr die feierliche Premiere von "Beste Feinde" statt. Roter Teppich sowie Fotoshooting für die Darsteller inklusive. Gleich vier Vorstellungen binnen vier Stunden sind dort geplant.

Und warum der "Umzug" an diesen außergewöhnlichen Ort? "Ich wollte den Kindern die Chance, sich mit ihrem Können zu präsentieren, nicht nehmen", lautet die Begründung der Singschullehrerin, die das Musical kurzerhand in viele kleine abstandsregelgetreue Spielszenen umgeschrieben hat.

Diese wurden gefilmt und am Computer von Michael Diehm, dem Papa eines Chorkindes, in stundenlanger Arbeit wieder zusammengesetzt. Auch die Lieder wurden als virtueller Chor aufgenommen und von Musiktreff-Besitzer Detlef Winkelmann am Rechner wieder so gut es ging zusammengesetzt. Nun wird das 40-minütige Werk präsentiert. "Ich freue mich sehr auf diese Aufführung", strahlt die 56-jährige Musikpädagogin vor ihrem vermutlich letzten Glanzlicht mit ihrer Singschule.

Ihre Ausbildung zur staatlichen Singschullehrerin absolvierte die Zeilerin bereits 1984 direkt nach dem Abitur in Augsburg. Sie ging aber nicht in die Praxis, sondern studierte Theologie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete als Pastoralreferentin. Als ihre beiden Kinder auf die Welt kamen, fehlte ihr ein passendes Angebot an musikalischer Früherziehung vor Ort. Also ergriff sie für ihre eigenen Kinder und deren Freunde die Initiative und hielt im Jahr 2000 den ersten Musikgarten in Zeil ab. "Anfänglich liefen die Kurse privat beziehungsweise über die Volkshochschule. Aber es wurden mehr und mehr", erinnert sie sich gerne zurück. 2003 wurde dann das Haus in der Adam-Kraus-Straße gekauft, welches mit großem Kellerraum und separatem Eingang den Impuls gab, sich selbstständig zu machen.

Wie bei einer echten Premiere sind für den Film nur die Gäste zugelassen, die eine Eintrittskarte ergattern konnten. Jedes Chorkind hat ein bestimmtes Kontingent an Karten zur Verfügung und kann diese selbstbestimmt vergeben. Doch keine Angst: Den Film können sich alle Interessierten ansehen, auch wenn sie bei der "Premiere" in Zeil nicht dabei sein können. Dank der Singschulhomepage www.Singschule-Monika-Schraut.de kommt er ab Sonntag, 12. Juli, quasi direkt nach Hause.

Wohin geht die Reise?

Und wie geht es für Monika Schraut weiter? Sie zitiert eine Gedichtzeile von Nelly Sachs: "Einwilligend in den Wechsel bleibst du beständig", heißt es da. "Nach 20 Jahren ist es einfach Zeit, auch mal wieder etwas Neues zu machen. Mit zwanzig gehen die Kinder aus dem Haus", sagt sie und fügt hinzu: "Meine Singschule war ‚mein Baby' und das ist jetzt erwachsen. Ich trauere schon sehr, aber ich glaube, es ist Zeit mich umzuschauen, was es noch so zu tun gibt für mich."

Wohin die Reise geht, weiß sie selbst noch nicht genau. Einige Bewerbungen in der Pastoral sind am Laufen. "Aber ganz sicher wird es eine Tätigkeit sein, bei der man nicht mehr 20 Stunden in der Woche im Schneidersitz auf dem Boden sitzt", lacht sie. Musik und Gesang werden immer ein Teil ihres Lebens sein, und das wünscht sie auch allen Kindern und Eltern, die die Zeilerin kennenlernen durfte.