In ganz Deutschland herrscht seit 75 Jahren Frieden. In einem Kriegsgebiet zu leben, können sich zum Glück nur die wenigsten von uns noch vorstellen. Um so befremdlicher ist es, über Bomben, Artilleriegefechte, Hunger und Not in Bamberg zu lesen. Lebende Zeitzeugen gibt es nur noch wenige.

Einen Einblick in ein dunkles Kapitel der Bamberger Stadtgeschichte gewähren die Briefe von Carl-Heinz Thomas, in denen er die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Bamberg schildert. Seine Briefe hat der Bamberger Unternehmer zur Zeit des Geschehens für seinen Bruder Karl verfasst.

Sein "letzter Kriegsbericht" wurde uns von Christine Schmidhammer, seiner Tochter, zugeschickt. Die Briefe sind ihr erst kürzlich nach dem Tod ihres Onkels Karl zugekommen. Die Bambergerin war 1945 erst zwei Jahre alt. Sie sagt, dass ihr Vater mit ihr zu Lebzeiten nicht über die letzten Kriegstage gesprochen hat.

Dies sind einige Auszüge aus seinen Aufzeichnungen.

10. April 1945

[...] Am Abend jagen uns die Sirenen wieder in den Keller, starke Verbände sind gemeldet. Auch diese überfliegen unsere Stadt. Da wird um 11 Uhr durch Rundfunk gemeldet, dass die örtliche Luftschutzleitung in Kürze eine für alle Bamberger wichtige Meldung durchgeben wird. Wir bleiben wach und warten und warten und raten. Man hofft auf die Mitteilung, dass die Stadt ohne Verteidigung der Feindübermacht übergeben wird.

Wir wissen, dass in den Bamberger Lazaretten über 8 000 Verwundete liegen, die nicht mehr wegtransportiert werden können, es ist bisher von keiner Seite amtlich von einer Evakuierung der Frauen und Kinder gesprochen worden. Der größte Teil dieser ist noch in der Stadt, wenn auch im Laufe der letzten Tage das Straßenbild immer mehr von Hand- und Pferdewagen erfüllt war, die Betten und Bettgestelle, Schränke und Küchengerät stadtauswärts führen. Die Menschen, die sich trafen, sprachen darüber und wollten hören, warum der eine oder andere nun doch noch wegfährt, oder warum der eine oder andere stur hier bleiben will. Jeder wusste aus anderer Quelle, dass die Stadt übergeben wird, jeder wusste aus andere Quelle, dass die Stadt verteidigt wird.

Dem letzteren widersprach alle Vernunft, denn erstens die vielen Verwundeten, dann die 30-40 000 Frauen und Kinder, dann der Umstand, dass die Bevölkerung in keiner Hinsicht mit Lebensmitteln bevorratet wurde, man konnte fast nicht das Brot oder Fleisch für einen Tag bekommen. [...]

Man wird nervös, einige meinen, vielleicht kommt der Evakuierungsbefehl nun in letzter Minute. Wo soll man hin. Die ganze Umgebung ist schon mehr als überfüllt, es gibt auf dem Lande fast nichts zu essen, denn wo bisher 500 Menschen lebten, sind nun 1 500 untergebracht, wo steht der Feind, dass man ihn nicht in die Hände läuft, es gibt seit zwei Tagen keine Eisenbahn mehr, die Landstraßen sind vom Militär verstopft....

11. April 1945

Alle Stunde kommt wieder die gleiche Meldung, ganz Bamberg bleibt in dieser Nacht am Lautsprecher. Hanna und die Kinder haben sich schlafen gelegt. Um 3.20 wird bekannt gegeben: "in wenigen Min. ertönt das Signal Feindalarm, um 5 Uhr werden sämtliche Brücken an der Regnitz gesprengt".

3.30 kam dann auch der 5 Minutenalarm. Wir wissen nun, es ist soweit. Die Stadt wird verteidigt. Alle Verwundeten, alle Frauen und Kinder werden ohne Rücksicht dem Feindbeschuss ausgesetzt, die Regnitzbrücken, auf denen mangels Sprengstoff, schon seit Tagen 250 kg Fliegerbomben liegen, werden gesprengt. An diesen Brücken ist die gesamte Gas-, Wasser- und Stromversorgung angehängt. Die an den Brücken wohnenden Menschen werden aufgefordert, die Fenster und Türen zu öffnen und sich "anderweitig" in Sicherheit zu bringen! Wir rennen durchs Haus und füllen alle leeren Gefäße von der Waschküche bis zum Dachboden mit Wasser, denn wenn nun etwas brennt und es gibt kein Wasser, wie soll man löschen? Alle sind im Keller mit der Uhr in der Hand. Punkt 5 Uhr geht die erste Brücke hoch, andere folgen, es ist ein furchtbarer Lärm, niemand spricht ein Wort. Wir beißen nur die Zähne zusammen, "Nun ist es soweit!" Wir wissen, was uns bevorsteht. Da wieder ein furchtbarer Schlag und das Licht ist weg. Als es hell wird setze ich mich aufs Rad und fahre zur nächsten Brücke, da am Postplatz (Anm. d. Red.: heutiger Wilhelmsplatz), diese steht noch. Man erzählt diese Brücke bleibt bis zum letzten Augenblick für den Rückzug. Auch die Brücke, auf der das Rathaus steht, bleibt, um die rückflutenden Truppen, die vom Berggebiet kommen, noch überzusetzen. Es war der 11. April. An diesem Tag ist vorerst nichts besonders passiert. Der gesamte Volkssturm war ausgerufen, zur Arbeit erschien niemand mehr. Ich bin nicht zum Volkssturm angetreten, ich blieb in meiner Fabrik. [...]

12. April 1945

Am 12. waren wieder Plünderungen, man hatte andere Lager gefunden. Die SS war stiften gegangen, das Volk drang in das Gebäude ein und versorgte sich mit Kochtöpfen, Eimern, Tellern, Zigaretten und Konserven, die alle dort in Mengen gelagert waren. 10 000 Schlafdecken wurden verteilt. Die Polizei war der Menge nicht gewachsen und es blieb ihr nichts anderes übrig, als einen Ordnungsdienst aufzustellen, der schließlich die Ausraubung dirigierte. Wir haben uns natürlich trotz aller Not und Bedürfnis an Fett und Fleisch daran nicht beteiligt. [...]

13. April 1945

Die Amis hatten inzwischen die Stadt von einer anderen Seite gepackt, die letzte Brücke wurde gesprengt, nun hatte auch unser Stadtteil kein Wasser mehr. Im Laufe des Nachmittags Flieger über der Stadt, dann wieder gelenktes Feuer auf deutsche Batterien. Am Spätnachmittag setzte ein fürchterliches Artillerieduell ein. Deutsche Flak (Anm. d. Red.: Flugabwehrkanonen) schoss in die Stadt hinein, denn es waren bereits amerikanische Truppen in den Außenbezirken. Wir saßen dazwischen, über uns hinweg orgelten die Granaten, um uns herum schlugen sie ein. [...]

14. April 1945

Die Nacht kam, das Geschützfeuer ließ nach, wie wir später erfuhren, waren einige Stadtteile bereits am Abend von den Amerikanern besetzt worden. In der Nacht tobte in unserer Nähe ein großes Feuer. Es war kein Wasser da, der Brand dehnte sich immer mehr aus und wir hielten abwechselnd Wache um rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen zu können. Ich legte mich um 5 Uhr auf einen Liegestuhl im Keller und schlief infolge Übermüdung auch sofort ein. Um 7 Uhr waren wir wieder alle auf den Beinen, es war auffallend ruhig. Kein Schuss, kein Flieger. Wir besichtigten unsere Wohnung und Umgebung, es war in der Nacht bei uns nichts passiert, auch die Fabrik stand noch unversehrt.

Um halb 8 Uhr erschien auf der Ottostraße eine Streife amerikanischer Soldaten, sie gingen mit angelegten Maschinenpistole an den Hauswänden entlang und betraten auch verschiedene Häuser, um nach deutschen Soldaten zu suchen. Unser Haus wurde bis heute noch von keinem Amerikaner betreten.

Wir haben aufgeatmet, denn damit war der Krieg für uns aus, die ewige Angst vor den Bombern endlich gebannt. Wir stellten fest, dass wir unser Hab und Gut über die furchtbaren Zeiten gerettet sahen und dass unsere Familie noch beisammen ist. So haben wohl die meisten gedacht, denn die letzten Tage waren schlimm. Jeder wusste doch, dass dieser Kampf um den Rest von Deutschland sinnlos ist und dass es unverantwortbar ist, ohne den geringsten Ausblick auf eine Wendung noch weiterhin Menschen zu opfern und unwiederbringliche Werte zu zerstören. [...]

Der Bäcker in der Ottostraße, der um halb 8 Uhr am Backen war, gab der Streife ein Stück Brot, als sie ihn darum baten. Sie bedankten sich und zogen weiter. Zwei Stunden später wurde wie alle Tage Brot verkauft. Es wurde dann vom ehemaligen Ortsgruppenleiter Zucker verteilt und andere gesuchte Artikel. Das Leben ging seinen Lauf.